Theatraler Selbsterfahrungstrip

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 30. Januar 2014. Er folterte, er mordete. Und wenn er über seine "Arbeit" sprach, lachte er sich scheckig: Siegfried Müller, genannt Kongo-Müller. Deutscher Söldner in Afrika, weil die Bundeswehr den kriegsversehrten, ehemaligen Wehrmachtssoldaten nicht wollte. Mitte der 1960er Jahren an der Niederschlagung des Simba-Aufstands im Kongo beteiligt. Weltberühmt als grausame und tumbe Hauptperson von Kriegsreportagen. Ließ sich gerne im Kampfanzug samt Eisernem Kreuz interviewen. Parlierte etwa im DEFA-Doku-Film "Der lachende Mann" betrunken: "Ich gehe nicht nur ins Goethe-Institut, ich kille auch Neger."

Ja, Kongo-Müller ist nicht gerade ein Sympathieträger. Im Doku-Theaterprojekt gleichen Namens, dessen erster Teil jetzt am Theater Rampe in Stuttgart uraufgeführt wurde, werden Ausschnitte aus "Der lachende Mann" an die Wand der sonst kargen, schwarzen, nur mit Tisch, Stuhl, Moskitonetz und Matratze ausgestatteten Bühne gebeamt: "Wir haben für Europa gekämpft im Kongo, für die Idee des Westens, und zwar für Liberté, Fraternité und so weiter. Sie kennen diese Sprüche." O-Ton Kongo-Müller. Noch übler wird's einem, wenn dann gegen Ende des fast zweistündigen Abends die Erschießung eines Kongolesen durch Müllers Schergen gezeigt wird – gefilmt von Müller selbst. Finaler Schuss in den Kopf, eine riesige Blutlache, der Leichnam wird weggeschleift.

Charismatischer Selbstdarsteller

Solch Erschütterndes will nicht so recht zum Rest des eher locker gestrickten, comedyhaften Abends, einer Stückentwicklung, passen, an dem auch immer wieder Zuschauer mitspielen müssen. (Und weil Zuschauer selten wissen, was eigentlich genau geplant ist, kommt es hier zu gewissen zeitlichen Zähigkeiten.)

kongomueller1 560 andreas zauner uLaurenz Leky vor Videoeinspielung © Andreas Zauner

Zunächst ist "Kongo Müller" aber eine One-Man-Show des Schauspielers und Performers Laurenz Leky. Er ist ein charismatischer Selbstdarsteller, der sein Publikum fesseln kann. Eine gute Wahl für diesen theatralen Selbsterfahrungstrip. Ihn hätten die Deutschen, die das andere suchen und in die Welt gehen, schon immer fasziniert.

Aus dem Videotagebuch

Um dem Phänomen Müller auf den Grund zu gehen, in dessen Person sie offenbar etwas typisch und überzeitlich Deutsches vermuten, reisten Leky und Regisseur Jan-Christoph Gockel zuvor selbst in den Kongo. Die Reiseerlebnisse und die Reflektionen darüber stehen im Mittelpunkt des Abends, der getaktet wird von Ausschnitten aus dem Videotagebuch der beiden. Sie stellen Pendants her zu den Müller-Sequenzen: etwa die Aufnahmen einer von Panzerfäusten bombardierten Militäreinheit und weinenden Soldaten am Straßenrand neben brennenden Fahrzeugen und qualmenden Leichen.

Im Kongo traf man sich auch mit dem in Stuttgart geborenen Diplomaten Martin Kobler, der dort eine Friedensmission der Vereinten Nationen leitet. Warum er dort gelandet sei? "Ostkongo. 20 Jahre Bürgerkrieg, 5 bis 6 Millionen Tote. Die größte, teuerste, erfolgloseste UN-Mission aller Zeiten. Es sind ausweglose Situationen, die mich reizen."

Offene Fragen

Zwischen den diversen Videoprojektionen und Mitmachtheateraktionen quasselt Leky über sich und switcht durch die Rollen, Müller, Kobler, Fußballcoach Klinsmann und den Leiter des Goetheinstituts in Kigali karikierend – alles irgendwie "deutsches Wesen". Das deutsche Wesen sei hier und im Kongo ein und dasselbe, nur in Deutschland sehe man es nicht, weil es immer so mit Schuld beladen sei, heißt es einmal im Stück.

Das Videotagebuch dokumentiert auch Verdauungsprobleme durch Bohnenspeisen. Kongolesische Kinder kennen Namen der deutschen Fußballnationalmannschaft. "What is your intention?", fragen Afrikaner Leky und Gockel etwas irritiert in einem Theaterworkshop des Goethe-Instituts in Kingali, in dem "Kongo-Müller" Thema ist.

"Ich habe im Kongo mein Wesen gesucht. Ich habe das deutsche Wesen gesucht", sinniert Leky. Die Materialsammlung, die der Abend im Theater Rampe bietet, dokumentiert diese Suche, stellt Fragen. Mehr aber auch nicht. Antworten gibt's dann vielleicht im zweiten Teil des Projekts im kommenden November.

 

Kongo Müller. Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen – Teil 1.
Theatrale Fallstudien von Jan-Christoph Gockel, Laurenz Leky und Nina Gühlstorff
Regie: Jan-Christoph Gockel, Dramaturgie: Nina Gühlstorff, Video: Florian Rzepkowski.
Mit: Laurenz Leky.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterrampe.de



Kritikenrundschau

"Laurenz Leky ist präsent, klar und steckt voller Energie", lobt Adrienne Braun in der Stuttgarter Zeitung (1.2.2014). Manches sei an diesem Abend "etwas simpel und auch sprachlich nicht allzu ausgefeilt", und lästig werde es, wenn "die Zuschauer mitspielen müssen und Statements nicht nur laut vorlesen, sondern brüllen sollen". Allerdings sei gerade diese Interaktion "durchaus konsequent", weil das Stück "eben nicht den Illusionsapparat bedienen will, sondern das eigene Vorgehen sichtbar macht und selbstkritisch die Mittel des Theater nutzt. So ist es am Ende mehr als nur ein Abend über eine historisch bemerkenswerte Figur, sondern auch ein unterhaltsames wie kluges Bühnenexperiment."

Das Produktionsteam habe "hier ein erfrischend multimediales Spiel entwickelt, das mit der Komplexität der hier gewählten Thematik lustvoll umgeht", findet auch Armin Friedl in den Stuttgarter Nachrichten (1.2.2014). Das Stück sei "durch die aktuelle Diskussion über mögliche neue Auslandseinsätze der Bundeswehr noch einmal brisanter" und biete "insgesamt ein dichtes und bestens gefülltes Themennetz. Laurenz Leky gelingt es mit seinem Spiel, die vielen Fäden des Abends zusammenzuhalten."

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