Verkratzte Seelen unterm Lack

von Elisabeth Maier

Freiburg, 2. Februar 2014.Über Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen und über Jugendliche ohne Perspektive schreiben Paul Brodowsky und Dirk Laucke. Die miserablen gesellschaftlichen Verhältnisse sind die inhaltliche Klammer der Stücke "Intensivtäter" von Brodowsky und "Seattle" von Laucke, die das Theater Freiburg in einer Doppelpremiere zeigt. Brodowskys sinnlich aufgeladene Chöre aus dem Großstadtdschungel und Lauckes Roadmovie aus der Plattenbausiedlung siedeln beim oberflächlichen Lesen nicht weit weg von Betroffenheitstheater und Boulevard-Schlagzeilen. Doch die jungen Regieteams pusten mit erfrischenden Lesarten den Grauschleier dröger Sozialkritik weg, der die Texte stellenweise überzieht.

Gewaltbereitschaft zwischen Urzeitpflanzen

Johanna Wehner jagt die Protagonisten in Brodowskys "Intensivtäter" durch das Gestrüpp der sterbenden Metropole. "Hundescheiße und Urin", der Geruch des Hermannplatzes in Berlin-Neukölln, wie ihn der Autor beschreibt, bleiben in ihrem starken Bildertheater eine Assoziation. In Elisabeth Vogetseders Bühnenraum sprießen überlebensgroße Urzeitpflanzen. Maren Geers hat die Akteure mit Wanderrucksäcken und sportlicher Kleidung ausstaffiert. Ein Verbotspiktogramm verbannt sie aus der Natur.

intensivtaeter 280 maurice korbel u"Intensivtäter": Johanna Eiworth, Holger
Kunkel, Iris Melamed, Charlotte Müller 
© Maurice Korbel
In dieser schönen neuen Welt begibt sich der Chor der Mittelständler, den der ehemalige Freiburger Hausautor beschreibt, auf eine Expedition in den Tod. Der Suizid der Jugendrichterin Kirsten Heisig schafft den Rahmen für das Stück, das tiefe Einblicke in das Sozial- und Justizsystem ermöglicht. Der Autor, dessen sinnliche Sprachspiele sich vom dokumentarischen Material befreien, verknüpft Biografien jugendlicher Straftäter mit den Thesen der Richterin, die "Gewaltbereitschaft und Verrohung migrantischer Jugendlicher" anprangerte und zu deren konsequenter Verfolgung vereinfachte Strafverfahren einführte.

Jonglage mit Perspektiven

Johanna Eiworth spiegelt die inneren Konflikte der Frau, die über ihrer Arbeit die Tochter vergisst, stark. Holger Kunkels Bürgermeister ist eher eine Witzfigur als ein Politiker. Als so genannter Entschuldungsberater jagt er die Mutter, in Iris Melameds Interpretation eine starke Frau, ins Labyrinth der Lebenskrisen. Als schrille und temperamentvolle Performerin sucht Charlotte Müller nach kreativen Fluchten.

Diese Handlungsschleifen verknüpft Johanna Wehners grandios durchkomponierte Regie zum überzeugenden Ganzen. Wenn Brodowskys Text sich in der bleiernen Schwere der Schlagzeilen verheddert, findet sie mit dem Ensemble starke Körperbilder. Nie driftet das ins Klischeehafte ab. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Schauspieler virtuos mit Perspektiven jonglieren. Die Wut des Sohnes schreit Iris Melamed ebenso heraus wie die Verzweiflung der Mutter, die sich mit Jobs über Wasser halten muss. Grenzen zwischen Opfer und Täter zerfließen. Brodowskys Sprachbilder übersetzt die Regisseurin mit der unverwechselbaren Handschrift in eine Melodie, deren dunkle Töne unter die Haut gehen.

seattle 280 hoch m korbel u"Seattle": Stephanie Schönfeld und Nicole Retzenstein  © Maurice Korbel Lauckes Außenseiter

Ganz anders die dynamische Inszenierung Jan Gehlers von Dirk Lauckes "Seattle". In dem Stück, dessen atemberaubendes Tempo und schnelle dramaturgische Schnitte an ein Roadmovie erinnern, träumen die Aussteigerinnen Frances und Mascha von einer Flucht in die amerikanische Metropole an der Westküste. In ihrem verpfuschten Leben, das von Hartz IV und von der Sozialfürsorge geprägt ist, finden sie nur Krankheit und Tod.

Laucke gewann 2010 den Dramatikerpreis der deutschen Wirtschaft. So entstand die Kooperation mit dem Freiburger Theater. Die Stärke des Dramas liegt in der Vielschichtigkeit der Figuren. Die beiden Frauen, die verzweifelt um ein selbstbestimmtes Leben ringen, sind alles andere als Kunstprodukte. Es sind Durchschnittsmenschen, die das Leben in eine Außenseiterrolle treibt.

Superwoman, alleinerziehend

Aus Kisten hat Bühnenbildnerin Elisabeth Vogetseder Plattenbauten geschaffen. Ihr verwaschenes Grau dient auch als Projektionsfläche für die Videosequenzen, mit denen Gehler virtuos spielt. Der Hausregisseur des Staatschauspiels Dresden lässt die Schauspielerinnen auf den grauen Betonflachdächern tanzen, ja sogar fliegen. Die betörend zerbrechliche Stephanie Schönfeld träumt sich in die Rolle der allein erziehenden Mutter hinein, die ihren Sohn vor der brutalen Gesellschaft nicht schützen kann. Maren Geers hat sie in ein Superwoman-Kostüm gepackt und mit tätowierter Glatze ausstaffiert. Das wirkt eine Spur zu lächerlich. Ebenso wie das blaue Supermann-Pendant des Gerichtsvollziehers Yilmaz, dessen Schicksal André Benndorf leider nicht immer überzeugend zeigt.

Tiefer tauchen Nicole Retzenstein als Mascha und Schönfeld in Lauckes überzeugende Porträts von Mittelständlerinnen ein, die aus dem sozialen Raster gefallen sind. Gehlers kecke, manchmal freche Regie betont das komische Potenzial des Textes, ohne dabei dessen sozialkritische Tiefe zu verwässern. Die Akteure dürfen sich im Krimigenre austoben, komisch sein und dabei noch Lauckes sozialkritisches Potenzial ausschöpfen. Diese Vielstimmigkeit macht den Reiz der Inszenierung aus.


Intensivtäter (UA)
von Paul Brodowsky
Regie: Johanna Wehner, Bühne: Elisabeth Vogetseder,Kostüme: Maren Geers, Licht: Dorothee Hoff, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Johanna Eiworth, Holger Kunkel, Iris Melamed und Charlotte Müller.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten

Seattle (UA)
von Dirk Laucke
Regie: Jan Gehler, Bühne: Elisabeth Vogetseder, Kostüme: Maren Geers, Licht: Dorothee Hoff, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Stephanie Schönfeld, Nicole Retzenstein und André Benndorff.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten.


www.theater.freiburg.de

Mehr zu Intensivtäter: im Blog des Theaters Freiburg äußert sich Paul Brodowsky zu seinem neuen Stück. 

 

Kritikenrundschau

Die politische Instrumentalisierung des alten Popanz will Paul Brodowsky in seinem neuen Stück "Intensivtäter" zeigen, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.2.2014). Er feuere mit Kriminalitätsstatistiken, Fakten und Fäkalwörtern aus allen Sprachrohren der Integrationsdebatte, "aber sein Stück ist nur eine Collage von Monologen, paranoiden Verrenkungen und Performance-Akten". Regisseurin Johanna Wehner mache daraus ein Sammelsurium von Politikerchören und verkorksten Familienaufstellungen. In dem im Doppelpack mit "Intensivtäter" gezeigten neuen Stück von Dirk Laucke gewinnen die Barbaren dann doch noch Kontur. "'Seattle' gibt der Leerstelle Gesichter, Schicksale und vor allem eine Sprache, die sich nicht im Sozialarbeiterjargon erschöpft." Das ungekünstelt Authentische gilt für die Inszenierung von Jan Gehler allerdings nur bedingt.

Die junge Regisseurin Johanna Wehner hat sich bei "Intensivtäter" für eine grelle Farce entschieden, "das kann man machen", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (4.2.2014). Die infantilisierende Hässlichkeit auf der Bühne - Schrill-Equipment mit Spitzhütchen und Luftballons - sei jedoch schwer zu ertragen. "Die Regie findet kein Verhältnis zu dem Diskursraum, den Paul Brodowskys literarisch keineswegs meisterhaftes Stück öffnet – auch wenn das Ensemble sein Bestes gibt, allen voran die fabelhafte Johanna Eiworth." Die Regie sei eine Lektion in Hilflosigkeit, "von Jan Gehlers 'Seattle'-Inszenierung kann man das nicht sagen". Nur: warum entzünde sich kein Interesse an diesen Figuren? "Warum lässt uns ihr Schicksal – immerhin stirbt hier in Abwesenheit ein zehnjähriger Junge – kalt? Vermutlich weil sie der Autor zu eindimensional gezeichnet hat."

Paul Brodowsky und Dirk Laucke repräsentierten mit ihren Stücken in Form und Haltung zwei sehr unterschiedliche Arten politischen Schreibens, bemerkt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (11.2.2014). Brodowskys "Intensivtäter" konstruiere "aus dokumentarischem Material vier Stereotypen-Roboter", wozu die leitmotivisch hysterische Bühnenumsetzung passe. "Meinungen und Befindlichkeiten werden mit Hochdruck in den Raum geknallt, mal chorisch, mal gegen- und durcheinander, mal in Kurzdialogen. Die postmigrantischen Jugendlichen, über die hier gesprochen wird, glänzen durch Abwesenheit." Dabei sei die "überspannte Sprech- und Spielweise", formal "durchaus beeindruckend". In Lauckes "Seattle" entwickle sich dann ein "charmant unwahrscheinliches Roadmovie". Der Autor kreiere ein "tragikomisches Sozialdrama" und spüre darin ohne "didaktischen Impetus" den "Motivationen seiner Figuren nach, ihren Verletzungen, ihren Hoffnungen. Jan Gehlers rasante Inszenierung findet dafür starke Bilder und zugleich einen überraschend sanften Ton."

 

 
Kommentar schreiben