Mein Krampf

von Dirk Pilz

Dresden, 8. Februar 2014. Oh wir Bejammernswerten. Wir sind alle gleichermaßen Menschen, gottlob. Aber wir sind auch alle gleichgeschaltet. Denken gleich, fühlen gleich, lieben gleich, sehnen gleich. Das macht der Kapitalismus, der neoliberale, für den es uns nur als gleiche Konsumenten und gleiche hamsterradelnde Selbstverwirklicher gibt. Und er macht zudem, dass wir derlei als Glück, als Erfüllung womöglich, erleben. Wahrlich, wir sind zu bedauern, bejammernswert.

Das aber, liebe Menschen, lässt sich kurieren, predigt dieses Theater an diesem denkwürdig deprimierenden Dresdner Abend. Denn hier endlich, glaubt das Theater, werden wir aus unserem vorbewussten Schlummer gerissen, hier werden wir wieder, was uns als Menschen würdig macht: ein Wunder jeder in seiner Eigenart, nicht gleichgeschaltet, sondern gleich wertvoll.

Hallo Theater!, für wie doof und naiv und ahnungslos hältst du uns eigentlich, ernsthaft zu glauben, uns damit eine Neuigkeit zu verkünden? Hallo?!

Im Verblödungszusammenhang

Am Dresdner Staatsschauspiel wird Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" gespielt. Ein herrlich verwinkeltes Stück, in dem lang, sehr lang und sehr komisch, das richtige Leben im falschen versucht wird. In dem sich verkleidet und verliebt wird, immer richtig, aber immer in die falschen, und am Ende geht es doch gut aus, was freilich bös gemeint ist. In dem Menschen in einen Strudel geraten, der das Scheinen und das Sein so ineinander verzwirbelt, dass es ist, als kreise alles um eine gefährlich leere Mitte. Es bedarf großer Anstrengungen, dieses Stück kaputt zu inszenieren. Dass es schal und stumpf wirkt, verkrampft, verkopft.

Auch das ist in Dresden gelungen. Denn dieser Abend nimmt die Komödie nicht einfach von ihrer tragischen Seite, auch nicht nur von der albernen oder doofen oder schaumschlagenden, er zwingt sie in die Belehrungsecke. Es ist ja nicht bloß so, dass wir aus dem neoliberalen Verblödungszusammenhang gerissen, es ist vor allem so, dass wir vorgeführt werden sollen. Als Gleichschaltungsidioten. Als neoliberalisierte Blödlinge, die über alle Witzelchen vornehmlich unter der berühmten Stammtischkante lachen. Die sich für Individuen halten und Uniformierte sind. Die allenfalls noch wert sind, bejammert zu werden. Vielleicht ist das so, man muss mit allem rechnen.

Im Bunker

Aber. Erstens ist diese Gegenwartsdiagnose falsch, weil grob und grobschlächtig. Wir sind nicht gleichgeschaltet, sondern leben unter gleichgeschalteten Verhältnissen, die uns dialektischerweise gerade zu Unterschiedlichen, Vereinzelten machen. Diesen Unterschied kann man, zum Beispiel, bei Shakespeare studieren; und es gibt niemand, der ihn bislang seiner Breite und Länge nach durchdrungen hätte, was übrigens wahrscheinlich einer der Gründe ist, warum des Denkens und Spielens und Shakespeare-Aufführens bis dato kein Ende ist. Und wenn es doch wäre, wie uns diese Inszenierung glauben machen will, ist dieser Gedanke offenkundig nicht theaterabendfüllend.

Nach zehn Minuten schaut man das erste Mal auf die Uhr, dann ins Programmheft: Es folgen noch zweihundert. Und sie werden nicht anders.WasIhrWollt4 560 MatthiasHorn uSchmissige Hackenzusammenschlager, Bunkervolk. © Matthias Horn

Da hat sich der Bühnenbildner Andreas Kriegenburg also einen Bunker auf die Bühne gestellt, mit Gitterfenstern rechts, Säulen aus dem Himmel zwischendurch und ovalförmigen Austritt hinten, auf dass der Regisseur Andreas Kriegenburg eine Lehrstunde abhalte. Es treten auf, ja genau: Uniformierte. In Rot. Schwarze Stiefel, schmissige Hackenzusammenschlager. Orsino, der Herzog in Shakespeares Fantasieland Illyrien: hier der verbunkerte Führersmann mit hitlerischem Akzent. Viola, die als Mann verkleidete Schiffbrüchige, die Gräfin Olivia, Sir Toby und Sir Andrew: Bunkerbeistellvolk, gleichgesinnt, gleichgemacht. Nur Malvolio, Olivias Diener und Intrigenopfer, ist ein Anderssein erlaubt: streng linksgescheitelt, straff beschlipst. Er darf am Ende Rache schwören. Ändert auch nichts.

Wir sind also unter der Fuchtel einer Diktatur. Nein nein, wir sind nicht nur bei den Nazis, und nein, auch nicht nur im Staatssozialismus, sondern vor allem und ganz besonders im neoliberalistischen Hier und Heute. Man hört es nicht bloß an den eingespielten Songs, von Nancy Sinatra ("My Baby shot me down") bis zu den Monkeys ("I'm a believer"), sondern sieht es an den publikumsanbiedernden Ausbrüchen ("Hallo Dresden!") und zaunpfahlkräftigen Winks ("Was ist das eigentlich für ein Frauenbild, das ich hier spiele?"). Herrje!

Am Schreibtisch

So hat es sich dieser Abend in seiner Inszenierungswelt gemütlich gemacht: oben die Regie, unten das Volk, hier der durchblickerhafte Belehrer, dort die vernebelten Schülerlein. Dass von diesem arroganzgestählten Regiesockel aus die Menschen drunten einzig als ununterscheidbare Wesen erscheinen: logisch. Der Sockel als Weltbetrachtungsort macht alles und alle gleich. Das Publikum kann so gesehen nichts als ein Etwas sein, das als stumpfe Masse vorgeführt wird. Als Mitmacher am großen Gleichen. Deshalb auch die derben Späße, das ballermannmäßige Besoffentun, das Busengegrabsche, die Blödelsketchnummern.

Kann natürlich sein, dass unsereins zu verkrampft und verkopft ist, um sich an der krachledernen Komik dieses Abends zu erfreuen, ich will es nicht ausschließen. Aber wenn sie auf der Bühne penibel auswendig gelernte Silbenstolperer vorführen, um von "Mein Kampf!" zu "Mein Krampf!" oder von "Vegetarier" zu "Weg Arier!" zu gelangen, wenn sie "a propos" sagen und dabei auf den Popo starren – meine Güte. Selbst wenn die Witze Shakespeare entnommen sind, sie rohrkrepieren vor lauter Aufdringlichkeit. Es wird gespielt, als kennte das Leben und Lieben nur eine Ton-, Sprech- und Stimmungslage, allenfalls anderthalb.

Und nach der Pause, im letzten Drittel, klappern die Szenchen derart, dass die dünnsten Regiehandwerksstrohhalme herhalten müssen, um das Desaster zu bemänteln: "Ich hab das Dings verloren, na, den Faden, den roten." Ja, nur gab es nicht viel zu verlieren.

So ist das: ein halber Gedanke, erwachsen aus oberflächlichster Gegenwartsbeschau, räumt zwar die "Schangse" (Dresden! Sächsisch!) ein, allerlei Ramschregieeinfälle auf die Bühne zu würfeln, macht aber keine Inszenierung. Sondern einen Szenenschlussverkauf. Sonja Beißwenger als Olivia hat einzelne Momente gedanklicher und spielerischer Freiheit, sonst jedoch sind Figuren zu erdulden, die wirken, als wären sie zur Komik abkommandiert worden. Nichts entsteht aus dem Spiel, alle sind sie hier Schreibtischtäter. Bejammernswert.

 

Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt
von William Shakespeare, neu übersetzt von Frank-Patrick Steckel
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüm: Marion Münch, Musik: Thomas Mahn, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Christian Erdmann, Duran Özer, Mathias Bleier, Yohanna Schwertfeger, Christian Clauß, Thomas Eisen, Sonja Beißwenger, Anna-Katharina Muck, Holger Hübner, Benjamin Pauquet, Philipp Lux, Matthias Luckey, Nele Rosetz.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Alles schon gesagt zum Thema, dachte sich vielleicht (…) der Regisseur, also ziehen wir es mal ins Lächerliche und schauen, was übrig bleibt", vermutet Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (10.2.2014). Andreas Kriegenburg greife "tiefer und tiefer in die Kiste der Albernheiten. Nicht alles, was er herausholt, glänzt." Doch immerhin zeige das Theater seine Fähigkeit, sich "ganz hervorragend selbst auf die Schippe zu nehmen". Habe man aber "einmal die Intention verstanden", werde man "kaum bei jedem weiteren Witz aus dem Häuschen fahren". "Kleine, böse Momente" gebe es ziemlich selten, es bleibe "ein unterhaltsamer Abend".

Es herrsche "der Zustand allgemeiner ästhetischer Nötigung durch die Optik der Naziuniform", schreibt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (10.2.2014). Was entstehe bzw. offensichtlich wahrgenommen werde, sei, "neben einer besonderen Art von Durchsichtigkeit, vor allem schrille Maskerade, Event, Pop. Ja gewiss, das Theater darf sich solche Geschmacklosigkeit erlauben, doch zu welchem Zweck?" Bis zur letzten Konsequenz treibe Kriegenburg "das dramaturgische Konzept der ätzenden, aber oberflächlich erheiternden Agonie einer nichtsnutzigen, erstarrten, brutalisierten Gesellschaft. Was gegenüber dem Stück doch recht problematische" erscheine. Am Ende gesteht Petzold, "für den Moment jeder Lust am Theater beraubt zu sein", weil er sich "aus Gründen der politischen Korrektheit bzw. Fairness genötigt" sehe, "noch so nahe liegendes Weiterdenken zu beschränken und die eigene Fantasie weitgehend auszuschalten."

Im Gespräch auf MDR-Figaro (9.2.2014) räumt Stefan Petraschwesky, dass die Regie "keine Möglichkeit für einen platten Witz" auslasse. "Im Grunde genommen wird die Inszenierung immer peinlicher. Das geht so weit, dass ich mich als Zuschauer manchmal richtig fremdschäme." Aber genau das sei "hier das Programm – eine dramaturgische kluge Idee, die strapaziert und überstrapaziert wird, um damit die Botschaft zu landen." Die Frage der Inszenierung laute: "Was wollt ihr denn? Ihr da unten im Publikum. Wonach sehnt ihr euch, woran leidet ihr. Wir hier oben servieren euch Trash vor einer Wand, vor der auch Menschen erschossen worden sind. Merkt ihr das eigentlich noch? Empört Euch das noch?" Für Petraschewsky ist "dieser Inszenierungsansatz in all seiner Grundsätzlichkeit, aber auch konkreten Ausformung gut aufgegangen – schlüssig bis in die Figuren."

Der auf die Dresdener Bühne gebaute Bunker banne "schon mal einen großen Teil der Kitschgefahr und könnte Kriegenburgs Unternehmen eine zynische Schärfe geben", meint Anke Dürr auf Spiegel online (9.2.2014). Aber schnell sei klar: "Man muss diese Diktatur nicht so ernst nehmen." Es werde "viel über die Bühne getorkelt und auch sonst wenig ausgelassen, was zum vermeintlich komischen Standardrepertoire gehört: vom Sprachfehler bis zum Dialekt (wieso sprechen alle immer wieder norddeutsch?), vom Wortspiel bis zur Publikumsanimation. Einige Darsteller stoßen dabei früher an ihre Grenzen als andere, aber keiner wird rechtzeitig gestoppt – eine alte Kriegenburg-Schwäche." Und nach der Pause werde "aus lustig dann endgültig albern, die Darsteller sind nur noch Kinder der Klamotte."

 
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