Mit Traumatrommelwirbel

von Leopold Lippert

Graz, 13. Februar 2014. Am Ende sind die meterhohen Kulissenteile über die ganze Drehbühne des Grazer Schauspielhauses verstreut. Wie Ruinen ragen sie in Peter Handkes Kärntner Nacht, in der gerade ein ganzes Jahrhundert geträumt worden ist. Dicke Pinselstriche verraten noch die deutschen und slowenischen Parolen, die da einmal geschrieben waren, doch kein Sinn ist mehr erkennbar.

Dazwischen, vom Gegenlicht zu Silhouetten verwandelt, die Protagonisten in Handkes erinnerter Familiengeschichte, die immer auch eine Geschichte des Vielvölkereuropas ist, eine Geschichte der absurden Grenzziehungen und der Sprache, die einem oft die einzige Heimat bleibt. Es sind Schauspieler, Musiker, und eigens zusammengesammelte Laiendarsteller aus dem Zweisprachenland, die sich gemächlich im Kreise drehen und, vom Akkordeon begleitet, ein versonnenes Liedchen trällern. Immer wieder verschwinden sie zwischen den Kulissen, tauchen wieder auf, und werden zu Schatten ihrer selbst. Immer noch herrscht Sturm im Kärntner Jauntal, auf der Bank unter dem Apfelbaum, und es ist ungewiss, wohin er sie tragen wird, diese seltsam entrückten historischen Figuren.

immer noch sturm1 560 lupi spuma uZwischen Kindheitsspielzeug: Christoph Rothenbuchner als Erzähler vorn am Akkordeon
© Lupi Spuma

Dies bleibt der einzige Moment, in dem das Erinnerungstableau, das Handkes "Immer noch Sturm" zwischen privatem Familiendrama und widerständigem Partisanenkampf während der Weltkriegsjahre im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet aufspannt, seine Uneindeutigkeit behauptet. Ansonsten heißt es bei Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon: Geschichte full frontal! Hier ist alles immer laut und deutlich und sentimental. Hier werden Äxte geschwungen (Julius Feldmeier und Jan Thümer kraftmeiern auch sonst um die Wette) und Standpunkte deklamiert. Hier werden Trommelwirbel, dissonant kratzende Geigen und kaltblaues Licht zu apokalyptischen Sequenzen arrangiert. Hier tragen Schauspieler übergroße, surreale Kopfmasken mit weit aufgerissenen Augen. Zwischendurch tanzen sie auch mal bierselig Polka zu famoser Live-Musik. Auch ein bisschen Nazi-Klamauk und Fahnenschwingen darf nicht fehlen. Und immer wieder dirigieren die Grazer Ensembleschauspieler die stumm gebliebenen Laien von hinten, als seien sie lebendige Marionetten. Nichts entgeht der Gefühlskontrolle.

Spektakel mit Untoten

"Kann Geschichte nicht auch eine Form sein?" fragt Handkes Erzähler an einer Stelle. Bei Michael Simon heißt diese Form Spektakel. Und streckenweise ist das durchaus schlüssig. Denn der Erzähler, der Nachgeborene, versucht tatsächlich verzweifelt, die Geschichte irgendwie in Form zu bringen. Christoph Rothenbuchner spielt ihn fahrig, gehetzt, stolpernd, in ständiger Angst, es könnte ihm etwas entgleiten, das noch unbestimmt und doch kostbar ist. Mit seiner aschblonden Langhaarperücke wirkt er wie ein Untoter, der sich mit seiner Traumgeschichte ins Leben zurückbehaupten will. Er braucht die Kontrolle, das Spektakuläre, er braucht die Wucht des Traumatischen, um immer weiter erzählen zu können.

immer noch sturm3 560 lupi spuma uChristoph Rothenbuchner als Erzähler und die Maskenwesen der Erinnerung © Lupi Spuma

"Was willst du von uns, Nachfahr?", verwehren sich die Verwandten. "Such dir einen anderen Stoff zum Träumen, einen aktuellen!" Doch die Geschichte muss erzählt werden, in der der Krieg die Familie allmählich auseinandertreibt. Für Führerwahn und Partisanenkampf sterben die Geschwister der Mutter, nacheinander, und den Großeltern bleiben nur zerschlissene Feldpostbriefe. Der Erzähler selbst, seinerzeit kaum ein Kleinkind, weiß vom Vater nichts, außer dass er ein verhasster Deutscher ist, den die Mutter nur eine einzige Nacht geliebt hat. Als der Krieg zu Ende ist, und alles möglich scheint, werden schließlich nur neue Grenzen gezogen, und der Sturm hört nicht auf, durchs Tal zu blasen.

Wenn man das, wie Simon, aber bloß auf ein moralisch überdeutliches Betroffenheitsgeschrei mit Akkordeonbegleitung reduziert, gehen zwangsläufig die Zwischentöne verloren, die Handkes Familienerinnerungen so zärtlich, so geheimnisvoll machen. Bei all dem Behaupten verschwindet das lakonische Parlando, mit dem sich die Figuren die Welt so ungefähr zurechtbiegen. Bei so viel traumatischem Trommelwirbel mit Über-Ich Fratzen bleibt das stille, alltägliche Aushalten der Verluste unbemerkt. Und was unberechenbar, heimsuchend, unerträglich hätte sein können, wird zu oft plakative Geschichtssentimentalität.


Immer noch Sturm
von Peter Handke
Regie und Bühne: Michael Simon, Kostüme: Denise Heschl, Musik: Bernhard Neumaier, Dramaturgie: Heike Müller-Merten, Licht: Thomas Trummer.
Mit: Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh, Julius Feldmeier, Kaspar Locher, Jan Thümer, Birgit Stöger.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

In der Presse (14.2.2014) schreibt Norbert Mayer, dass aus dem Sturm "trotz beträchtlicher musikalischer Untermalung und symbolbepackter Bühne" leider nur ein "Lüfterl" geworden sei. "Streckenweise wirkte die Premiere am Donnerstag, die sich über mehr als drei Stunden hinzog, sogar windstill." Dann sei das wortgewaltige Epos zur Charade geworden. "Von der ironischen Sprachkritik des Originals war wenig zu spüren, die Aufführung blieb viel zu forciert eine Familiensaga kleiner Leute." Man hätte den Sprengstoff, den die "komplexe Nostalgie" beinhalte, lieber sprengen sollen, anstatt nur zu referieren und sich in platte Gesten zu flüchten. "Offenbar wollte die Regie zur Distanz, die der Erzähler erzeugt, noch weitere Ferne schaffen."

Im Standard (14.2.2014) schreibt Colette M. Schmidt von einem brüchigen Regiekonzept, das den Abend in ein Mosaik verwandele, in dem wenig zusammenpasse. Schon in der ersten halben Stunde verschieße der Regisseur mit schönen Bildern sein Pulver. Plakativ, zu viel Pathos und die Verfremdungseffekte kittpen irgendwann "in eine Distanz, die den Text entseelt". "Schade um den Text und um einen wichtigen Teil unserer Geschichte."

 
Kommentar schreiben