Ziemlich wächsern

von Kai Krösche

Wien, 13. Februar 2014. Wie es das Serienformat von "Die Welt von Gestern. Nach Stefan Zweig" verlangt, gab es für die rund 40 Zuschauer dieses Abends wieder einen Fußmarsch vom Schauspielhaus weg durch den neunten Bezirk zur just bekanntgegebenen Spielstätte zurückzulegen: dieses Mal zum Josephinum, das die Sammlungen der medizinischen Universität Wien ausstellt. Und wieder blieb dabei im Unklaren, weshalb gleich mehrere Regisseurinnen hintereinander die spannende Chance, den gar nicht mal so kurzen Weg inszenatorisch zu gestalten, zugunsten einer weitgehend konventionellen Bühnensituation am Zielort ungenutzt lassen.

Zwischen den Bildungsschätzen im Josephinum Wien

Und ja, sie ist mächtig konventionell, diese Bühnensituation im Josephinum: Umgeben vom weisheitstriefenden Pomp antiquitätenbüchergespickter Wände, lediglich untermalt von abgehackt eingespielten Musikpassagen und einem Paar Scheinwerfer mit zwei, vielleicht drei vorprogrammierten Stimmungen gelangt das Spiel der jungen Darstellerin und des jungen Darstellers, die ein grenzinzestuös wirkendes, großbürgerliches Geschwisterpaar vorstellen, zur Gratwanderung zwischen bildungsbürgerlichem Kulturevent und unfertig wirkender, szenischer Lesung. Eine ohnehin problematische Gratwanderung, die, man ahnt es, nicht gelingt. Was allerdings nicht an den beiden Darstellern liegt, die mit spürbarem Talent darum bemüht sind, dem sperrigen Text von Ferdinand Schmalz Lebendigkeit, Gefühle und eine gewisse Dringlichkeit zu verleihen – was ihnen jedoch im Angesicht der weitgehend ratlos wirkenden Regie trotz Ziehen aller schauspielerischer Register nur in den seltensten Augenblicken gelingt.

4.Weltvongestern3 560 SchauspielhausWien uIns Schriftgut vertieft: die Darsteller Martin Vischer und Raphaela Möst
© Schauspielhaus Wien

Martin Vischer gibt den Bruder Albrecht als aggressiven und nervösen Wahnsinnigen; seine Augen und seine Körpersprache vermitteln eine gewisse Besessenheit, die sich in den besten Augenblicken des Abends von der wenig dankbaren Textvorlage abzulösen scheint. Raphaela Möst, zunächst mit schwarzer Kurzhaarperücke und langen Hosen, dann mit langem, blonden Naturhaar und Rock, verleiht ihren Passagen anfänglich eine stechende Überheblichkeit, die gegen Ende den besorgnisgetrübten Augen der mitfühlenden Schwester weicht.

"Gedächtnisbulimie führt nur zu einem sauren Selbst"

Von Schmalz' Text, den die beiden nahezu pausenlos von sich geben, bleibt wenig mehr als ein Eindruck hängen, der vor allem jener eines sprachverliebten, bisweilen ins Schwafelnde abdriftenden Gedankenstroms ist. Die zumindest dem Anschein nach konsequente Ironielosigkeit des Textes ist dabei noch verzeihbar, nicht aber die ungebrochene Ernsthaftigkeit und Ratlosigkeit, mit der Regisseurin Felicitas Brucker den Text beliebig und unter Einsatz einer bildungsmiefend-trockenen Ästhetik in Szene setzt. Mal laut, mal leise, mal besorgt, mal berauscht.

Es geht um das Böse, den bevorstehenden Untergang, das Aufkeimen von Morallosigkeit, kurz: den unmittelbar vor der Tür stehenden Ausbruch des zweiten Weltkriegs, doch völlig egal scheint es, was die beiden Darsteller gerade im Konkreten dort vorne von sich geben. Wenn dann doch einmal etwas hängenbleibt, so handelt es sich vor allem um sprachverliebte Plattitüden ("Gedächtnisbulimie führt nur zu einem sauren Selbst", "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolfsmensch", "Die Zeit ist anfällig für allerlei Infektionskrankheiten"), die ihre Banalität hinter einer schwer zu überwindenden Textmauer verstecken. Aber vielleicht, hoffentlich sogar, ist es ja dann doch alles gar nicht so furchtbar ernst gemeint und liegt letztlich wieder nur an der Regie. Oder so.

Wie man es jedenfalls dreht und wendet und wer auch schuld sein mag, der Abend wird nicht rund, entwickelt keine Ecken und Kanten, berührt einen ebenso wenig, ja lässt einen nicht einmal aufhorchen. Am spannendsten wird im Finale ein Blick in die umstehenden Vitrinen auf die medizinischen Präparate des Josephinums, die das Publikum nach einer neuerlichen Wanderung zu sehen bekommt: hautlose Körper, offengelegte Muskeln, Knochen und Sehnen. Historische, wachsartige Präparate – ein schönes Symbol für einen ziemlich wächsernen Abend.


Die Welt von Gestern. Nach Stefan Zweig. Folge 4: Die Agonie des Friedens
von Ferdinand Schmalz
Regie: Felicitas Brucker, Beratung Kostüme: Andrea Fischer, Anna Panzenberg, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Johannes Zeiler (Stimme Stefan Zweig), Raphaela Möst und Martin Vischer.
Dauer: 45 Minuten (plus Fußmarsch), keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

 
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