Von der Fliehkraft der Gefühle

von Ralph Gambihler

Dresden, 18. Januar 2008. Jede Zeit hat ihre Jugendbilder. In den 70ern waren es die Blumenkinder, in den 80ern die Punks. Aber wie war das eigentlich in den 90ern? Lief da nicht einiges auseinander? In alle möglichen Richtungen? Während der Zeitgeist endgültig dem Waschbrettbauch verfiel und das Feuilleton mit der Generation Golf die unpolitische Jugend ausrief, dominierten in Literatur, Film und Theater Szenarien der Perspektivlosigkeit.

 

 

Man denke etwa an die gewaltlustigen Junkies aus "Trainspotting" oder die depressiven Tagediebe aus "Generation X". Viele Geschichten vom Erwachsenwerden wurden erzählt, und womöglich handelten die meisten davon, dass junge Leute gar nicht mehr erwachsen werden wollten. Was gäbe es da noch anzufügen?

Kammerspiel unter meist freien Himmeln
Genug, wie derzeit am Staatsschauspiel Dresden zu sehen. Dort kam nun im kleinen Haus "Watte (Cotton Wool)" zur Uraufführung, ein Drei-Personen-Stück aus der Feder des jungen englischen Autors Ali Taylor, das dem Thema wenn nicht gänzlich neue Seiten, so doch bemerkenswerte Töne und Konstellationen abgewinnt. Aufgewärmt oder modisch aktualisiert wirkt jedenfalls nichts. Eher das Gegenteil, wenn man beispielsweise bedenkt, dass nirgends virtuelle Realitäten auftauchen, dafür aber die gute alte Einbildung.

Außerdem fällt auf, dass Taylor, der mit "Watte (Cotton Wool)" im vergangenen Jahr zum Stückemarkt beim Theatertreffen eingeladen war,  sparsam mit gesellschaftlichem Kontext umgeht. Sein Sozialdrama konzentriert sich ganz auf die Figuren. Es ist ein gefühltes Kammerspiel, angesiedelt allerdings unter meist freien Himmeln. Wie andere generationenbewegte Autoren vor ihm zeigt Taylor (der ein Sohn der britischen Dramatikerin Caryl Churchill ist) eine entwurzelte und gestrandete Jugend, die aber, das ist der Unterschied, letztlich doch nicht in Resignation und Hoffnungslosigkeit versinkt.

Geld und Kumpels und 'n bisschen Spaß
Zwei Brüder, der 18-jährige Callum und der 16-jährige Gussie, lungern an einem Strand herum, irgendwo im winterkalten Schottland. Sie kommen gerade von der Beerdigung ihrer trunksüchtigen Mutter und schwemmen die Trauer mit Bier weg. Die gedanklichen Schritte in die elternlose Zukunft (einen Vater gibt es nicht) führen aber zu Knatsch und Krach. Während Callum sich ein neues Leben in London ausmalt, dabei "Geld und Kumpels und 'n bisschen Spaß" erhofft, glaubt Gussie an die Wiederkehr der Mutter, nachdem er nächtens eine im Wasser treibende Frauenleiche erspähte. In seiner traumatischen Verlusterfahrung mixt er die Wirklichkeit mit einem Märchen. In diese Situation hinein platzt die 17-jährige Ausreißerin Harriet. Sie zerfetzt Briefe, macht dunkle Andeutungen und wird zum Auslöser brüderlicher Eifersucht.

Es ist, wenn man so will, ein Herzschmerz- und Seelendrama der unsentimentalen Sorte, das nun seinen ersten großen Testlauf in der schnörkellosen Regie von Andrea Thiesen bestanden hat. Die Kulisse lässt viel Freiraum. Kerstin Junge füllt ihn lediglich mit einem dreh- und begehbaren Element, das wahlweise als Mansarde oder Felsklippe dient. Die Darsteller erspielen sich die Bühne im Handumdrehen. Sie gehen die 90 Minuten mit Tempo an, Nele Jung als rätselhafte Kratzbürste, René Erler als explosiver Trotzkopf, Seán Diarmùid McDonagh als das ältere und mithin klügere Bruderherz.

Sitzen am Abgrund, den Blick in die Ferne
Es wird viel auf Matratzen herum gelegen, mit Kleidern gefetzt und oben am Abgrund gesessen, den Blick oft in weite Fernen geheftet. Die Jungs tragen Wollmütze, der "Hase" hüllt sich damenhaft in einen Kurzmantel. "Eine tote Frau im Meer. Das ist scheiß-morbid", sagt Callum. So kann es zugehen, wenn aus zwei Verlorenen drei werden und alle aneinander geraten.

Taylors Dreiecksgeschichte ist ein wohl austariertes Stück aus der Schule des Realismus, schroff im Ton, atmosphärisch dicht und bei aller Konfliktbeladenheit merkwürdig schwebend. Mit ihr blickt der Autor in die Gesichter von Teenagern, die zu früh erwachsen werden müssen. Das Leben hat ihnen ein Stück Jugend geraubt. Frühe Desillusionierung und die Überlebenstechnik des Verbergens verhärten die Züge von Callum, Gussie und Harriet, diesen drei Desperados auf der Klippe ihrer ungewissen Zukunft. Das Bedürfnis nach Geborgenheit, Liebe und Halt strahlt, wo es durchscheint, umso stärker. Die Frage, wer zu wem hält, wer wen liebt und wie sehr, setzt emotionale Fliehkräfte frei. Am Schluss ist Blut dicker als Wasser: die Brüder bleiben zusammen.


Watte (Cotton Wool) Uraufführung
von Ali Taylor
Deutsch von Michael Raab
Regie: Andrea Thiesen, Bühne und Kostüme: Kerstin Junge.
Mit: René Erler, Seán Diarmùid McDonagh, Nele Jung.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Der "rundum stimmige Abend" und die intime Atmosphäre im oberen Foyer des Kleinen Hauses erinnern Gabriele Gorgas (Dresdner Neueste Nachrichten vom 21.1.2008) an die ideen- und risikoreichen Unternehmungen von Eva Heldrich und ihrem Team einst im Theater in der Fabrik. "Wer das erleben konnte, profitiert noch heute davon." Das Stück mit seiner Sprache, die "rüde klingt", bedürfe mit seiner offenen Struktur einer "behutsamen", keinesfalls aber "unentschlossenen Regie". "Wundervolle Begabungen" fänden sich in dieser Aufführung. Andrea Thiesen besitze offenbar jenes Gespür, das sie befähigt, mit den Schauspielern "ohne jede Tümelei" in "Worte und Situationen hinein zu lauschen. Unausgesprochenes, Unaussprechbares zu entdecken, und dennoch nah, irdisch, begreifbar in jeder Hinsicht zu bleiben".

Taylors "kleines Stück", schreibt die andere etatmäßige Dresdner Kritikerin Valeria Heintges in der Sächsischen Zeitung (21.1.2008), "bringt in Thiesens lockerer, sensibler Inszenierung viele Ängste Jugendlicher (und auch nicht mehr ganz so Junger) auf den Punkt. Es geht um Abschied und Neuanfang (...) und den Mut, der einen manchmal gerade dann verlässt, wenn man ihn so dringend nötig hätte." Es sei "beeindruckend" wie es der Regisseurin und ihren drei jungen Schauspielern gelinge, "diese kleine märchenhaft-realistische Geschichte aufzuführen", dabei alle Kitsch-Klippen zu umschiffen, und trotz "höchst gefühliger Passagen" niemals peinlich zu werden, immer "jugendlich" zu bleiben, ohne sich "anzubiedern".

 
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