Im Konfettiregen

von André Mumot

Berlin, 1. März 2014. Was braucht es, um glücklich zu sein? Und, andere Frage, gleiches Thema: Was braucht es denn, bitteschön, für einen Theaterabend, der beglückt? Man sollte meinen: ein gutes Stück. Die richtige Antwort aber lautet, ausgerechnet im Berliner Ensemble (wenn auch ein paar Meter abgerückt, im hinterhofigen Pavillon): Konfetti. Und Luftschlangen. Aber nicht nur so ein bisschen verschämt verwehtes Geflitter, sondern die volle Karnevalsladung, die mit einem leistungsstarken Laubbläser quer über die winzige Guckkastenbühne gepustet wird, während munter die Live-Musi dröhnt.

HansimGlueck2 560 LucieJansch uDa geht's noch um die Gans: vorne Peter Miklusz, hinten Felix Tittel, Marko Schmidt und
Peter Luppa © Lucie Jansch

Im Schwitzkasten der Mannstollen

Überhaupt bietet diese Bretterbude von Ausstatterin Maria-Elena Amos nur ein eng begrenztes Spielfeld mit wenig Vordergrund und einem kleinen Horizont, an dem die gemalten Himmel ihre kräftigen Primärfarben wechseln und dabei mit erstaunlicher Kompetenz sehnsüchtig machen. So niedrig ist diese Vagantenwelt gezimmert, dass sich die riesige Anke Engelsmann mit ihren endlos langen Beinen fast den Kopf zu stoßen scheint und höchstens einen großen Schritt zu machen braucht, um als mannstolles Karusselweib von einem Ende zum anderen zu hechten. Das Wändewackeln aber hält sie nicht davon ab, im Konfettiregen und in herrlich augenrollender Knallchargerei ihr Opfer in die Enge zu treiben, es zu Boden zu werfen, seinen Kopf in den Schwitzkasten ihrer Unterschenkel zu klemmen und ins Off zu ziehen.

"Hans im Glück" heißt der verdutzt Vergewaltigte übrigens, und Bertolt Brecht war gerade 21 Jahre jung, als er ihn probeweise zum Helden eines Stückes erkor, das er dann aus gutem Grund verwarf. Als "Ei, das halb stinkt" hat er selbst sein Fragment bezeichnet – im Berliner Ensemble aber nennt man es jetzt marktschreierisch ein "Road Movie". Weil der Hans, den Peter Miklusz uns mit rührendem Dümmlings-Charme ans Herz legt, tapfer in die Ferne zieht, nachdem der schmierige Herr Feili (Matthias Mosbach) ihm seine Frau (Antonia Bill) mit allerhand Dirty Talk abspenstig gemacht hat.

Die Rettung des Berliner Ensembles

Doch wo im Grimm’schen Märchen der reine Tor dank seiner Naivität immer glücklicher wird, je mehr man ihm den materiellen Wohlstand nimmt (und damit auf verblüffende Weise triumphiert), macht der Jungdichter, der 1919 selbst noch tief drinsteckt in seinem Augsburger Prekariat, lediglich ein bemitleidenswertes Opfer aus ihm. Nein, das ist keine analytisch zugespitzte Brecht-Moritat, kein Roadmovie und auch keine lohnende Wiederentdeckung, bloß eine sentimentale, grob gefügte Woyzeck-Lilioms-Mischung ohne echte Raffinesse.

Anvertraut hat man das stinkende Ei nun dem am Schiffbauerdamm so dringend benötigten Inszenierungs-Nachwuchs: Sebastian Sommer ist bisher mit performativem Theater in Erscheinung getreten (vor allem in Neuseeland) und hat sich, unter anderem, bei Peymanns "Kabale und Liebe" und Bondys "Don Juan" als Regieassistent hervorgetan. Das Stück kann natürlich auch er nicht retten, aber – so möchte man ketzerisch hoffen – wenn's zeitlich passt, vielleicht das Berliner Ensemble?

Rummsakzente zur Neo-Volksmusik

Denn nachdem sich Sommer durch die ersten beiden Szenen noch mit rustikal derber Bauerntheater-Werktreue geackert hat, erfindet er zwar keine Räder neu, gibt aber auf eine Weise Gas, die Hoffnung weckt. "Jetzt machen wir hier aber mal Theater!", scheint er zur allgemeinen Verblüffung gerufen zu haben – und schon sitzt der Hans hoch motiviert an der Rampe, mit knallenden Zügeln in der Hand, und seine Mitspieler schütten ihm mitleidslos das Wasser ins Gesicht, weil er durch die Sturmnacht rast.

HansimGlueck3 560 LucieJansch uFliegende Schweine im Weltall? Peter Miklusz' Hans im Glück! © Lucie Jansch

Dazu spielen von links Martin Klingeberg und Matthias Trippner eine erhitzte, stampfende, mit Schlagzeug und Gitarre und Horn auftrumpfende Neo-Volksmusik (entfernt verwandt mit LaBrassBanda-Sounds), die immer wieder das Geschehen unterbricht, perfekt synchronisiert begleitet und punktgenaue Rumms-Akzente setzt, wenn plötzlich die Karusselltiere wie erfüllte Kinderwünsche aus dem niedrigen Himmel stürzen, die Herde der Papp-Stiere aufgeklappt wird oder ein blauer Mond sich ins tiefdunkle Blau schiebt. Alles sehr einfach und alles sehr schön.

Am Schiffbauerdamm, wo so gern das theatrale Staubgrau auf das Aschgrau trifft, um sich texttreu ans Mausgrau zu kuscheln, ist plötzlich alles bunt und leicht, alles in Bewegung, alles voller Rhythmus und Leben. Ums Spielen-Wollen geht es bei dieser frischwindigen Theater-Reanimation – nicht um Brecht und nicht um Hans, den Tölpel, sondern um wuchtig laute Bühnen- und Konfettilust. Man könnte auch sagen: ums reine Glücklichsein.

 

Hans im Glück
von Bertolt Brecht
Regie: Sebastian Sommer, Bühne und Kostüm: Marie-Elena Amos, Musik: Martin Klingeberg, Matthias Trippner, Dramaturgie: Steffen Sünkel.
Mit: Peter Miklusz, Antonia Bill, Matthias Mosbach, Marina Senckel, Anke Engelsmann, Felix Tittel, Marko Schmidt, Peter Luppa, Musiker: Martin Klingeberg, Matthias Trippner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "fantasievollen, minimalistisch-spielerischen Comic in possierlicher Guckkasten-Ausstattung von Maria-Elena Amos" mit dem "schmächtigen, blauäugig bittersüßen Strahlemann Peter Miklusz in der Titelrolle", spricht Reinhardt Wengierek auf Welt-Online (4.3.2014). Und einem herrlich slapstickhaft agierenden Ensemble nebst jazziger Volksmusik (Tenorhorn, Gitarre, Harmonium, Schlagzeug). Sebastian Sommer sei mit dieser Ausgrabung "ein aufschlussreicher, dabei anrührender, dennoch cool-witziger Blick auf den frühen Brecht" gelungen, "anstatt wie vielerorts der massenhafte Hype schmallippiger Jungschreiber". Wäre der "alte, längst ernüchterte Meister dabei gewesen", er hätte Wengiereks Einschätzung zufolge "eine sentimentale Träne lässig weggesteckt".

 

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