Geballte Faust aus Streichfett

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. März 2014. Adi gibt den Löffel ab. Während das Publikum Platz nimmt, geht der junge Mann in Alpentracht um und verteilt löffelweise Joghurt-Kostproben unter den Zuschauern. Molkereimitarbeiter Adi ist schon Unruhestifter, noch bevor "am beispiel der butter" von Ferdinand Schmalz in der Uraufführung von Cilli Drexel auf der Nebenspielbühne des Schauspiels Leipzig so richtig losgeht.

Der Milchmacher als Provokateur

Adis Treiben birgt Konfliktstoff, das macht der anschließende Auftakt in der Dorfkneipe klar. Unterm Werbeschild "Deine Heimat" und bei dudelndem US-Schlager räsonieren Polizist Hans und Wirtin Jenny über das Treiben von "Futterer-Adi". Der Fabrikarbeiter verschenkt nämlich seine Gratisrationen Joghurt. Das ist unternehmensschädigend und in einem Ort, der von der Milchproduktion abhängt, gleichbedeutend mit der Aufkündigung der gemeinschaftlichen Geschäftsordnung. Polizei und Wirtschaft können das nicht hinnehmen – darauf noch einen Klaren.

am beispiel der butter 560a rolfarnold uAn der Schnapstanke: Wenzel Banneyer als Huber und André Willmund als Polizist. In der
Projektion: Adi (Ulrich Brandhoff) mit Komplizin (Runa Pernoda Schaefer) © Rolf Arnold

Hinunter fährt die Jalousie vor der Schnapsspelunke. "Ist die Milch" wird lesbar, Szenenwechsel in die Molkerei. Manager Huber erteilt Adi beim Drehen eines Werbeclips eine inoffizielle Abmahnung. Dann soll Adi die neue Kollegin Karina einarbeiten. Liebe auf den ersten Blick macht beide zum Mini-Kollektiv, das die Welt verändern will, mit einem Denkmal in der Provinz: Eine erhobene, aus geklautem Streichfett geformte Faust soll den Denkanstoß geben.

Doch derartiges Hippietum kann sich diese Butterbastion nicht leisten. Aus Hans' Hobbykeller, wo der Polizist seine Gewaltfantasien hegt, die er als Amtmann nicht ausleben kann, kommt die Konterrevolution. Wer sich nicht integriert, muss auf dem Altar der Gemeinschaft geopfert werden. Das tödliche Drama nimmt seinen Lauf. Fatales in Butter.

Das "Wir" auf dem Prüfstand

Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Butterland? "Am beispiel der butter", Schmalz' Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013, könnte auch "Landfrust" heißen, sieht man sich diese Einöde an. Doch die Geschichte soll nur als Beispiel fungieren für eine Diskussion über die Logik von Gemeinschaft, darüber, was dieses nebulöse "Wir" subkutan zusammenhält.

Völlig verschwitzt gehen alle Protagonisten zu Werk, total ausgelaugt in bleierner Zeit zeigt sie dieser Blick aufs Land. Ein Eindruck, der sich auf die Inszenierung glücklicherweise nicht überträgt. Rasche Szenenwechsel und ein treibender Plot lassen nicht jene Trägheit in der falschen Idylle aufkommen. Cilli Drexels Regiezuschnitt hebt sich wunderbar ab von der "Lärmkrieg"-Uraufführung, die als Teil im Reigen zum Einstand der Enrico-Lübbe-Intendanz im Oktober 2013 monoton vor sich hin plätscherte.

Mit Sozialtheorie aufgepeppt

Den manierierten, aber gut funktionierenden Theatertext hat die Regisseurin fest im Griff. Die gedrechselten Wortkaskaden mit Jelinek-Anmutung gehen auf, auch die ewige Wiederkehr der Buttermetaphorik nervt nicht. Nur manchmal sperrt sich der Text: Werden Monologe vom Bühnenrand ins Publikum gesprochen, bekommt er Vortragscharakter. Leichte Anklänge ans philosophische Proseminar (Carl Schmitts Ausnahmezustand wird durchdekliniert; Walter-Benjamin- und Jacques-Derrida-Kommentare zum mystischen Grund der gesellschaftlichen Ordnung gibt es inklusive) verfliegen alsbald. "Der kommende Aufstand" flackert hier, "Homo Sacer" dort auf, allerdings ohne belehrendes Belesenheitsgetue.

am beispiel der butter 560 rolfarnold uLandfrust: Henriette Cejpek als Wirtin, Wenzel Banneyer (Huber) und André Willmund (Polizist)
© Rolf Arnold

Nur den lauen Monolog Jennys über Repräsentation – "das ist gar kein Foto der Prinzessin, sondern nur das ihres Körpers" – hätte es nicht gebraucht. Sollte hier jede Rolle ihr Sprechsolo bekommen? Ockhams Rasiermesser, das Prinzip der Sparsamkeit, taugt nicht nur in der Theoriebildung, sondern auch als dramaturgisches Werkzeug. Und nein, es ist keine gute Idee, auf dem Boden Liegende irgendetwas machen zu lassen, das nur von den ersten zwei Reihen aus zu sehen ist.

Gemeinschaft braucht Opfer

Das zwischenzeitlich leichte Mäandern durch etwas zu viel Vortrag wetzen die Dialogszenen wieder aus. Hier finden die Schauspieler trotz oft fehlender Körperlichkeit zu ihrer besten Form. Wenn Huber (ausgefeilt bieder: Wenzel Banneyer als Anzugmensch in der Revolte) in Sätzen mit ungewöhnlicher Wortstellung über den Kapitalismus schwadroniert, wird er zur Persiflage auf T.W. Adornos eigenen Jargon der Eigentlichkeit. Ulrich Brandhoff mimt recht schlicht den Adi und ist damit nah dran an diesem naiven Weltverbesserer.

Viel Platz zur Rollenentwicklung hat Runa Pernoda Schaefer als leise, Augen klimpernde Komplizin daher nicht. Für Jenny, die verlebte Frau von der Schnapstanke, bieten sich Henriette Cejpek mehr Möglichkeiten, die sie zwischen unmotiviert schrillem Loslachen und defätistischem Rundenausschenken füllt. Den Bullen mit gewalttätigem Ordnungstick muss man dem dauerpräsent-personifizierten Ausnahmezustand André Willmund einfach abnehmen. Die Gemeinschaft, das stellt er mit jeder Geste klar, braucht Opfer.


am beispiel der butter (UA)
von Ferdinand Schmalz
Regie: Cilli Drexel, Bühne: Timo von Kriegstein, Kostüme: Nicole Zielke, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff, Henriette Cejpek, Runa Pernoda Schaefer, André Willmund.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de


Für Wien schrieb Ferdinand Schmalz zuletzt den vierten Teil der Schauspielhaus-Serie Die Welt von Gestern. Nach Stefan Zweig (Folge 4: Die Agonie des Friedens).

 

Kritikenrundschau

Der dramatische Erstling von Ferdinand Schmalz schaffe in seiner Verwebung von konkreter Handlung und Symbol eine überraschend schlüssige Deutungsebene", schreibt Dimo Rieß für die Leipziger Volkszeitung (4.3.2014). Zwar sei das Stück nicht frei von sprachlichen Manierismen, doch insgesamt findet der Kritiker diese "Gegenwartsanalyse" sehr gewitzt. Auch die Schauspieler bleiben aus seiner Sicht in Cilli Drexels "zielstrebiger Inszenierung" "überraschend glaubwürdig", in der vor allem André Willmund ein Glücksfall sei.

In der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur (2.3.2014) sagt Michael Laages: "Dieses Anti-Volkstheater lädt Schmalz (...) auf mit ganz viel Überbau – Theorieschnipsel über Natur, industrielle Produktion und Entpersönlichung von Lebens- und Arbeitswelt." Allerdings laufe das Stück Gefahr, "dass die Theorie schlussendlich wie ein buntes Faschingshütchen schräg auf der Farce sitzt"; aufgrund der absichtlich gegen den logischen Strich und auf Versmaß gebürsteten Sprache. "Das Risiko hat Methode und macht auch den Charme des bösen kleinen Stückes aus", das von Cilli Drexel gekonnt inszeniert werde.

Schmalz überforme "das Genre Volksstück mit viel Theorie und analytischer Bedeutung", meint Hartmut Krug auf Deutschlandfunk (4.3.2014). Das gebe "seinem Text zugleich Anspielungsreichtum wie Redundanz". Seine Figuren äußerten "sich in einer manierierten Kunstsprache, die wie eine Melange aus Schwab, Kroetz und Jelinek" wirke. Viel schauspielerische Körperlichkeit habe der Autor ihnen dabei "nicht eingeschrieben. Es kreist mit seinem Theoriegeschwurbel manchmal schier in sich. Doch Regisseurin Cilli Drexel und ihre famosen Typen-Darsteller kämpfen so tapfer wie phantasievoll mit Witz und spielerischer Leichtigkeit gegen das Monologisch-Philosophische des Textes an." "Am Beispiel der Butter" habe "dem Genre des Dorfstückes sicher nichts Neues hinzugefügt. Aber immerhin besitzt es eine originelle und kluge Konstruktion, die das Uraufführungsteam zu nutzen wusste."

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