Der Mensch ist eine dreckige Bagage

von Petra Hallmayer

München, 9. März 2014. Eben noch sahen wir ihn mit Polixenes unbeschwert lachen, nun lodert Misstrauen in seinen Augen. Vor einer halbrunden Hausfront mit Glastüren beobachtet Leontes seine hochschwangere Frau Hermione, die mit seinem Gast spricht. Die Rasanz, mit der in Shakespeares "Wintermärchen", das unter der Regie von Christian Stückl im Volkstheater Premiere feierte, aus Heiterkeit Horror wird, ist atemberaubend. Als Hermione schafft, was Leontes zuvor misslungen war, und seinen besten Freund zum Bleiben überredet, stürzt der König von Sizilien in eine Hölle aus Eifersucht.

Wie jeder Wahn ist auch dieser, hinter dem Freud "die Abwehr einer homosexuellen Wunschphantasie" mutmaßte, ein geschlossenes, sich selbst bestätigendes System. Nichts ist schrecklicher, als wenn sich Wahn und Macht paaren. In einer dichten Folge schlichter, konzentriert inszenierter Szenen wird Leontes zum Tyrannen, der sich von Verrat, Lüge und Betrug umzingelt glaubt. "Papa ist blöd" schmiert sein hilflos verstörter Sohn Mamillius mit blauer Fingerfarbe an die Glastüren.

Eifersuchtstragödie und Schäferspiel

Keiner in der mit smartiesbunter Freizeitkleidung und Reiterstiefeln ausstaffierten Hofgesellschaft kann den König aus seiner Verblendung reißen. Sein gnadenloser Zorn bricht über jeden herein, der an seinen Hirngespinsten zweifelt. Er erteilt den Auftrag, Polixenes (Pascal Fligg) zu vergiften, lässt Hermione (selbstbewusst widerspenstig: Magdalena Wiedenhofer) ins Gefängnis werfen und ihre dort geborene Tochter als Bastard in der Fremde aussetzen. Zwischen schneidender Kälte, bedrohlicher Ruhe und rasender Wut changierend führt Max Wagner eindringlich einen von Paranoia und Rachsucht zerfressenen Mann vor. Nur dessen blitzschnelle Umkehr zur Reue nach dem Tod des kleinen Mamillius, der zuvor statt des Orakels mit Kindermund die Wahrheit kundtut, gerät blass und wenig glaubhaft.wintermaerchen2 560 arnodeclair uAm Hof von Sizilien, ganz rechts Max Wagner als eifersüchtiger König © Arno Declair

Shakespeares spätes Stück ist nicht bloß reich an abrupten emotionalen, sondern auch an stilistischen Wendungen. Was als Eifersuchtstragödie anfängt, wird nach einem Zeitsprung von sechzehn Jahren ein Schäferspiel, eine Romanze und eine märchenhafte Komödie. Papa Schäfer und sein Sohn (Jean-Luc Bubert und Sohel Altan G.) sind im Volkstheater berlinernde Prolls, die das ausgesetzte Königskind Perdita unter der Motorhaube eines verlotterten Fiats gefunden haben.

Idylle und Unterschicht

Auch der zweite Handlungsstrang in Böhmen beginnt zunächst vielversprechend. Oliver Möller trägt als lustiger kleiner Gauner mit großer Klappe schön lässig schmutzige Reime vor, doch dann erstickt jede Komik in einer Überfülle schriller Albernheiten. Polixenes' Sohn Florizel, der sich von pseudoromantischen Flausen berauscht in Perdita, eine zickende und schmollende Berliner Göre, verguckt hat, hampelt mit einer riesigen Blätterkrone volltrottelig um sie herum.wintermaerchen3 560 arnodeclair uSo sieht Idylle aus: Blätterkrone, Fastnachtshütchen, Flaschenbier © Arno Declair

Beim Schafschurfest mit Faschingshütchen und Flaschenbier, zu dem sich auch sein Vater gesellt, um die unstandesgemäße Verbindung zu verhindern, purzeln pipifaxige Gags zuhauf durcheinander. Alle sind sie geile Schweine, die Perücken fliegen, es wird endlos gezappelt und gekreischt. Der Versuch, Idyllenfantasien und Unterschichtsromantik zu demaskieren, mündet leider nur in krachend missglücktes Comedytheater. Und indem Stückl uns die Liebenden als doofe Lachnummern und die Menschen als gemeine, dreckige Bagage präsentiert, dämpft er den Entlarvungseffekt dessen, was folgt.

Vorzeitige Desillusionierung

Anstelle von Shakespeares wundersam versöhnlichem Märchen-Happy-End in Sizilien, bei dem sich die verfeindeten Freunde in die Arme fallen, ihre Kinder den Hochzeitssegen erhalten und die tot geglaubte Königin wieder aufersteht, zeigt Stückl eine fiese finstere Farce. Im Kung-Fu-Anzug sitzt Leontes als aggressiver Büßer vor dem Sarg Hermiones, von der despotischen Paulina (Barbara Romaner) zu ewiger Reue gezwungen. Als Perdita und der sie grob anpflaumende Florizel eintreffen, vergisst Leontes alle Läuterungsposen und macht sich ungeniert an das junge Mädchen heran. Das Wiedersehen mit Hermione wird für ihn schließlich zum Gruselschocker: Mit roboterhaften Bewegungen und dämonischem Gelächter erwacht die Statue seiner Frau rachelüstern zum Leben. Die Schwächen der zerrissenen Inszenierung aber kann das starke Ende nicht tilgen, und dieses hätte böser und verstörender gewirkt, wenn sie uns nicht schon vorab völlig desillusioniert hätte.

 

Das Wintermärchen
von William Shakespeare
Aus dem Englischen von Frank Günther
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl, Dramaturgie: Katja Friedrich.
Mit: Max Wagner, Justin Mühlenhardt, Leon Pfannenmüller, Pascal Riedel, Pascal Fligg, Jakob Geßner, Jean-Luc Bubert, Sohel Altan G., Oliver Möller, Magdalena Wiedenhofer, Constanze Wächter, Barbara Romaner, Lenja Schultze.
Dauer: Zwei Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

"Der Theaterbesuch lohnt sich allemal", findet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.3.2014). "Auch wenn nicht alles aufgeht in Stückls Übertragung des Schauspiels in eine heutige Upperclass-Gesellschaft einerseits und ein prolliges Schrottplatz-Milieu andererseits und die Märchenelemente dabei zu kurz kommen, während Stückl sich viel zu oft eines psychologischen Realismus bedienen zu müssen meint – eine Freude ist diese knallig komische Shakespeare-Erkundung trotzdem, auch schauspielerisch."

"Von knapp drei Stunden ist allerdings nur die Hälfte geglückt", bilanziert Gabriella Lorenz die Premiere in der Abendzeitung (11.3.2014). Bis zur Pause erzähle Stückl stringent und mit hohem Tempo das Ehedrama im Hause König. Danach spiele Psychologie keine Rolle mehr, setze Stückl auf Klamauk. Der Schluss gelinge Stückl aber wieder stark: "Bei einer Schicki-Vernissage erwacht die Statue der totgeglaubten Hermione als kreischende Rache-Furie – kein Happy End."

Bildgewaltig sei dieses Wintermärchen, so Christian Böhm in der Welt (11.3.2014). "In der ersten Hälfte zieht Stückl die Koordinaten ein, die er nach der Halbzeitpause genüsslich verschiebt, um nicht zu sagen: komplett durcheinanderwirbelt." Teil eins sei düster, Teil zwei "leider allzu bunt". Stückl sprudele über vor Einfällen, fackele "ein wahres Gag-Feuerwerk ab, das aber nicht richtig zündet und teilweise arg in den Klamauk abdriftet". Toll sei "die Drehbühne von Stefan Hageneier, die auf der einen Seite das schabbyschicke Sizilien zeigt, auf der anderen das einfach nur schäbige Königreich Böhmen, dessen überschaubare Grenzen locker in ein Bumsmobil passen."

Stückl habe "einen überzeugenden und unterhaltsamen Zugriff auf dieses Zeit, Orte, Stile unbekümmert mischende, manierierte und mäandernde Drama gefunden", so Michael Schleicher im Münchner Merkur (11.3.2014). "Das Eifersuchtsdrama im Hause Leontes hat Stückl mit statischer Strenge eingerichtet. Das Schurfest, bei dem die geheime Liebe zwischen der angeblichen Schäferstochter Perdita und Königssohn Florizel von dessen Vater entdeckt wird, ist grelle Grillparty, bei der nicht nur Gauner Autolycus über die Stränge schlägt." Auch Schleicher lobt die Schauspieler und den düsteren, starken Schluss.

 
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