Im Ästhetikzirkus

von Katrin Ullmann

Hamburg, 15. März 2014. Carmen, Don José, Micaela und Escamillo: "Ich sehe sie ständig. Diese vier Personen, mit denen ich am Flughafen im Aufzug war. Ich sehe sie überall." So sagt es "Die Sängerin" (Rinat Shaham) im letzten Drittel dieses Abends und verknüpft damit spät die vorangegangenen Monologe, aus denen sich Simon Stephens' neues Stück zusammensetzt. Endlos lange schon reist "Die Sängerin" von Stadt zu Stadt. Immer wieder gibt sie hier und da die "Carmen", betritt Bühnen und Hinterbühnen, trifft Intendanten und Dirigenten, checkt ein in Hotelzimmer und Airbnb-Unterkünfte, kauft Schlaftabletten und Energy Drinks.

Opern-Jetset ferngesteuert

Sie folgt einem eigenen routinierten Regelwerk und kommt offensichtlich gar nicht mehr raus aus ihrer klein-großen Opernwelt. Denn egal, wo sie auftritt, und egal, wohin sie reist: "Ich sehe sie überall. Ich begreife jetzt genau, wer sie sind. Das ist Carmen, die Geliebte. Und Don José, der Kämpfer. Und Micaela, die junge Verirrte. Und Escamillo." So eng ist es also schon geworden im Leben dieser viel beschäftigten Mezzosopranistin, schrecklich eng und – man kann es sich schon denken – sehr, sehr einsam. "I have a voice in my head that tells me exactly what do do", sagt sie einmal: Ihr Leben ist nicht nur einsam, es ist ferngesteuert.

carmendisruption4 560 davidbaltzer hBizet-Figuren vor Schauspielhaus-Fassade. Vorn: Anne Müller als Micaela © David Baltzer

Sebastian Nübling hat sich ein Stück über "Carmen" gewünscht, weil oder obwohl – das müsste man noch erfragen – er selbst sein Debüt als Opernregisseur mit der Bizet-Oper absolvierte. Das war 2006 in Stuttgart. Gewünscht hat sich Nübling nun das Stück von Simon Stephens, einem britischen Autor, mit dem der Regisseur schon lange zusammenarbeitet – etwa in Hamburg ("Pornographie", 2007), in München ("Three Kingdoms", 2011) oder in Basel ("Morning", 2013).

Und da Wünsche manchmal auch in Erfüllung gehen, hat das Hamburger Schauspielhaus Simon Stephens mit einem Stückauftrag versehen. So weit so gut. Ein bisschen rebellisch wollte Stephens dann wohl doch sein, und so hat er seinen Text "Carmen Disruption" genannt und der allseits beliebten Oper in seiner Bearbeitung einen zerrüttenden, zerreißenden, brüchigen Anklang gegeben.

Verloren in der Anonymität

Herausgekommen sind fünf Monologe von fünf – natürlich – recht einsamen Figuren: Sie alle sind verloren in der anonymen Welt der Großstadt, missverstanden von den Eltern, verliebt in die falschen Leute, verbunden über soziale Netzwerke oder verrückt nach gewinnbringenden Investments. Irgendwie hat man das alles schon mal irgendwo gehört oder gelesen, in irgendeiner Stadt, in irgendeinem Text, in irgendeinem Theater. Stephens' fünf Monologe verzahnen sich ganz absichtlich nicht. Eine der wenigen, dann aber auch radikal-realen Verbindungen zwischen den Figuren ist ein tödlicher Motorradunfall. Den haben alle irgendwie, irgendwo, irgendwann gesehen.

Sebastian Nübling macht – auch irgendwie – das Beste draus. Vor und hinter der perfekt nachgebauten Fassade des Hamburger Schauspielhauses (Bühne: Dominic Huber) bringt er Stephens' Textflächen zur Uraufführung. Fein choreografiert lässt er Menschenmassen (Chor) in den Kunsttempel eilen (Schwingtüren inklusive). Später wird er die Schauspieler für ihre jeweiligen Monologe einzeln an der Rampe positionieren. Und zwischendurch wird Rinat Shaham, die in ihrem echten Leben tatsächlich Opernsängerin ist und in Nüblings "Carmen" die Hauptrolle innehatte, "La Habanera" anstimmen. Im Hintergrund sorgen zarte Tanzeinlagen und fein gearbeitete Massenszenen (Chor) für Atmosphäre.

Nabelschau des Theaters

Alles ist perfekt auf den Raum verteilt, nie zu viel, nie zu wenig, nie störend. Alles fügt sich in eine saubere Ästhetik. Kunstvoll und auf schauspielerisch hohem Niveau. Doch wozu? Stephens' Text listet nurmehr belanglose Einzelschicksale auf. Er bemüht verzweifelte Stricher (Christoph Luser) und getriebene Taxifahrer (Julia Wieninger), um Tiefgang herzustellen, erzählt von einer Studentin (Anne Müller), die sich in ihren ruhestandsnahen Professor verliebt und daran verzweifelt, dass sie ihm nur per Skype begegnet, und von einem ambitionierten Spekulanten (Samuel Weiss), der in chinesisches Rindfleisch investiert.

All diese Figuren sind zwar da, aber ihre Schicksale berühren nicht. Ihr Textteppich ist voller Klischees, ihre Handlungen stereotyp, ihre Haltungen nichtssagend – und vielleicht existieren diese Figuren ja auch nur in der Fantasie jener umtriebigen Mezzosopranistin? Einer, die nur noch in der Opernwelt lebt, und die Kunst nicht mehr von der Wirklichkeit zu trennen vermag. Zu dünner, vor allem fürchterlich selbstreferenzieller Stoff für einen Theaterabend, der es sich irgendwo zwischen Bauchnabelschau und Ästhetikzirkus gemütlich macht.


Carmen Disruption
von Simon Stephens
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Dominic Huber; Kostüme: Amit Epstein; Musik: Lars Wittershagen.
Mit: Rinat Shaham, Christoph Luser, Julia Wieninger, Anne Müller, Samuel Weiss, Chor.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Die "Carmen"-Adaption von Stephens und Nübling sei "frei in der Deutung bis zur Zwecklosigkeit", scheibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (17.3.2014). "Dass sie so frei zeitgenössisch endete, dass man den Originalstoff eigentlich nur noch wahrnimmt, weil eine Sängerin vor einer 'Carmen'-Premiere über ihr Leben sinniert, wirkt vielleicht irritierend angesichts der stückbegleitenden Worte des Autors, er folge der Struktur der Oper." Aber: "Wer auf den Seminar-Reflex, die sehr losen Anknüpfungspunkte aufzuspüren, verzichten kann, dem zeigt Stephens wieder einmal ein präzise gezeichnetes Studienbuch zur Krankheit ''Kapitalismus'." Und so verbringt Briegleb bei "Carmen Disruption" dank "fünf individuell ausgearbeiteten Soli" letztlich erlebnisreiche zwei Stunden.

Die Darsteller redeten "ausgiebig, mal anrührend, mal langatmig, viel Entbehrliches, viel pubertären Schweinkram", schreibt Christian Wildhagen in der Frankfurter Allgemeinen (17.3.2014); "doch wenn sich die vier Lebensgeschichten plötzlich berühren, entsteht für Momente eine Magie der dunklen Ahnung: Ist die Tote im Kofferraum vielleicht die Zigeunerin? War Escamillo der brutale Freier, der Carmen vergewaltigt hat? Wird der Sohn von Don José jemals nach Hause kommen? Oder war er der Motorradfahrer, der eben vor dem Eingang des Theaters verunglückt ist?" Wildhagens (resignatives?) Fazit: "In der Oper, beim guten alten Bizet, war die Sache irgendwie einfacher."

"So wenig 'Carmen', wie jetzt am Schauspielhaus, war nie", ruft Armgard Seegers zu Beginn ihrer Kritik im Hamburger Abendblatt (17.4.2013) aus. Zwar kämen "die Namen der Charaktere aus Bizets Oper noch vor, sie stehen aber eher stellvertretend für einen Daseinszustand." Das Stück sei "eine nur mit sehr viel gutem Willen an 'Carmen' erinnernde, beliebig zusammengewürfelte Melange aus pseudo-aktuellen Themen." Seegers lobt einzelne Schauspieler (Christoph Luser, Samuel Weiß), kommt dann aber wieder auf das Grundproblem zurück: "Wenn nur der Text nicht so klischeehaft wäre. Stephens' Figuren wirken so, als hätte der Autor ihnen Eigenschaften über moderne Menschen zusammen gegoogelt." Zwar habe Nüblings Inszenierung "schöne Bilder", aber "all das ist viel zu wenig für die große Schauspielhausbühne. Es wäre selbst zu wenig für den Malersaal."

Natürlich werde "reichlich auf dem iPad getappt", werde "stets auf soziale und sonstige Medien verwiesen, aber mehr als ein paar Zitate und verkrampfte Gegenwartsbeweise ergibt das nicht", meint Werner Theurich auf Spiegel online (16.3.2014). Immerhin: Der stumme Bewegungschor werde von Sebastian Nübling "gut geführt. Das musste man erst einmal hinkriegen, denn diese Chormitglieder sind in Hamburg gecastete Laien, die locker die eindringlichsten und besten Bildern der Inszenierung lieferten." Theurich stellt dann die Gretchenfrage, "was das denn alles soll, dieses ständige an der Rampe stehen und seinen Text wie bei einem Kabarettprogramm abspulen, dieses Erzählen von Sachverhalten, Hintergründen, Lebensepisoden, dann wird man nicht viel Dramatisches finden. Denn von einem berührenden Theater, für das Simon Stephens eigentlich steht, ist diese viel zu lange und oft redundante Nummernrevue weit entfernt."

 

 
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