Baustelle "Faust"

von Geneva Moser

Bern, 26. März 2014. Heinrich Fausts zweihundert Jahre alter Körper wirft allmählich Falten, finden TARTproduktion – und setzen dem gealterten und erschöpften deutschen Gelehrten die Jetzt-Zeit inklusive einer bulgarischen Helena, drei jungen Fäusten sowie der grenzüberschreitenden Idee einer krisengebeutelten europäischen Realität entgegen. "Faust Exhausted" heißt ihre Version des Goethe-Stoffes.

FaustEx2 560 PheliaBarouh xEine bulgarische Helena, einen alten und drei junge Fäuste hat die "Faust"-Adaption von Tomo
Mirko Pavlovic und TARTproduktion zu bieten. © Phelia Barouh

Mit dichotomen Vorstellungen von jung versus alt, West- versus Osteuropa räumt das freie Stuttgarter Theaterlabel TARTproduktion in seinem interkulturellen Schauspielprojekt konsequent auf. Vielmehr wird "Faust II" in der Neubearbeitung von Tomo Mirko Pavlovic zum "babylonischen Theater-Frikassee", wie es das Programmheft auf den Punkt bringt. In Sofia entstanden und uraufgeführt, ist "Faust Exhausted" nun nach Luxemburg und Sibiu auch am Schlachthaus Theater in Bern zu sehen. Dass bei sieben Sprachen und SchauspielerInnen aus vier Ländern in wechselnden Rollen Grenzen überschritten und das Fremde (trotz Übertitelung) manchmal fremd bleiben will, muss dabei in Kauf genommen werden.

Spurenelemente des Vertrauten

Durch eine dichte Nebelwolke scheint TART-Mitgründer und Regisseur Bernhard M. Eusterschulte eingangs beseitigen zu wollen, was als "Faust", jenen meistgespielten 12.000 Versen der deutschen Literatur, in unseren Köpfen herumgeistert. Der Kern, wenn auch nicht der des Pudels, ist dabei die etwas abgegriffen-provokative Frage des alten Fausts: "Who the fuck is Faust?"

Auf der mit Holzpaletten bestückten Baustellen-Bühne werden nach und nach die Spurenelemente des Vertrauten mit großer Spiellust und mitunter überambitioniert vorgeführt, gleich wieder entfremdet, aufgelöst und verneint. Da ist zunächst der gealterte Faust, gespielt von Georgi Novakov, der das Publikum begrüßt und das Signal zum Stückbeginn gibt. Seinen drei jungen Reinkarnationen (Marc Baum, Vasil Duev, Christoph Keller) und dem Publikum begegnet er jovial bis chauvinistisch – scheint dies aber auch schuldbewusst zu wissen.

Seine idealisierte Liebe zu Helena muss scheitern. Sowohl Mephisto als auch Gretchen (Fabiola Dalia Petri), dieses noch immer kindstötende Relikt aus "Faust I" mit Trauerschleier und blonder Perücke, lassen ihn bis heute nicht los. Das aus der Verbindung mit Helena stammende Kind Euphorion, Sinnbild der Poesie, ist nicht lebensfähig. Das faustische Streben nach Mehr ist erschöpft, sein Körper ist alt, staubig und faltig geworden. Aber ist es auch Goethes Stück, das als schützenswertes Kulturgut in jedem Bücherregal steht, sind es auch die Themen – Geld, Macht und Freiheit –, die es umkreist?

Elena, Helena – ein "Fickstück auf Balkanplatte"?

Die Antwort dieses TART-Abends: Klar hat der Text noch das Zeug zur Gegenwartsbespiegelung. Die Brücke zur Aktualität schlägt eindrucksvoll die Figur der Helena, die präsenteste, ja stärkste in dieser Inszenierung. Mit großartiger schauspielerischer Verve lässt Margita Goscheva diese Helena die Geschichte der osteuropäischen Geliebten Heinrich Fausts erzählen, beide zu beobachten beim Rendezvous im Restaurant, wo ihr, die eigentlich Elena heißt, das anzüglich gestöhnte "H" des deutschen Heinrich vor den Namen und die Identität gedrückt wurde. Sie wolle Helena sein, sagt diese Elena, die auch im Alter nicht aus der ausbeuterischen Logik heraustreten kann, welche sie auf der Menükarte der unbegrenzten Möglichkeiten am westeuropäisch-männlichen Restauranttisch zum "Fickstück auf Balkanplatte" macht.

FaustEx3 560 PheliaBarouh xKnutschen zwischen Holzpaletten – auf der Baustelle "Faust". © Phelia Barouh

Aus Elenas existenzieller Not heraus, ein Kind als Statusrendite in einem auf Jugendlichkeit ausgerichteten Geschlechtersystem zu bekommen, wird Homunculus gezeugt. Helena/Elena ist es also auch, die das Visionäre des Faust-Stoffs in der Idee des künstlich erschaffenen Menschen Homunculus aufgreift und zum beeindruckenden Monolog über die Reproduktionsmedizin des 21. Jahrhundert anstimmt – ohne dabei eine vereinfachende, eben der Dichotomie ergebene Position zu beziehen.

Was soll dieses ewige Suchen nach Menschennähe?

Wenn darauf die drei jungen Faust-Figuren zur vehementen Konsumkritik genutzt werden, alle die Abschaffung des Geldes proklamieren und das Ganze zusätzlich mit arg bemühten Lokalbezügen gespickt wird, könnte man annehmen, es ginge TARTproduktion allein um eine zeitgenössische Adaption des Faust-Stoffes. "Faust Exhausted" behauptet als grenzüberschreitendes und selbstreflexives Projekt jedoch zugleich Theater und Anti-Theater, brandaktuell und Klassiker zu sein. Es stellt auch die Frage, was Theater überhaupt ist: "was soll das theater? dieses ewige suchen nach menschennähe. nach konnexion mit dem anderen. die frage nach der gesellschaftlichen relevanz."

Die Falten des alten Faust-Körpers werden nicht etwa zur oberflächlichen Scheinjugendlichkeit gestrafft, sondern experimentierfreudig in musikalische (fremd)sprach-Gebilde, in den Versuch einer übersprachlichen Verständigungsform "Theater" und die Freude an der chaotischen Baustelle "Bühne" transformiert. Dabei wirkt vieles zwar diskursanregend, manches bleibt aber auch rätselhaft ungelöst. Who the fuck is Faust? – TARTproduktion antwortet: "ihr kriegt mich nicht. ihr fasst ihn nicht. niemals."

 

Faust Exhausted
von Tomo Mirko Pavlovic nach Johann Wolfgang von Goethe
Künstlerische Leitung: TARTproduktion (Bernhard M. Eusterschulte und Johanna Niedermüller), Regie, Bühne und Kostüme: Bernhard M. Eusterschulte, Dolmetscherin, Übersetzung ins Bulgarische: Maya Stefanova, Dramaturgie: Andreas Wagner, Produktionsleitung: Mina Novakova, Organisation: Diana Madeheim, Dolmetscherin, Übersetzung ins Französische: Louise Beauchêne.
Mit: Margita Gocheva, Fabiola Petri, Marc Baum, Vasil Duev, Christoph Keller, Georgi Novakov.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten

Eine Koproduktion von Theater Sfumato Sofia, Nationaltheater Radu Stanca Sibiu, Theater Rampe Stuttgart, Theatre National du Luxembourg, Produktionszentrum Tanz und Performance e.V. Stuttgart und Schlachthaus Theater Bern.

www.tart-produktion.de
www.schlachthaus.ch

 


Kritikenrundschau

"Exhausted" bedeutet hier so viel wie ausgeschöpft. Und doch habe der "Faust"-Stoff noch immer viel mit der heutigen politischen und gesellschaftlichen Realität zu tun. So jedenfalls will es Tomo Mirko Pavlovic, der Autor des Stücks, schreibt Lena Rittmeyer im Berner Bund (28.3.2014). "Trist ist diese Zeitdiagnose. Und sie spricht ohne Worte von der Bühne des Berner Schlachthaus-Theaters: Nichts ist hier kunstvoll oder ansehnlich. Nicht Gretchen, Fausts Geliebte aus dem ersten Teil der Tragödie, (...) nicht die Holzpaletten, die sich auf der Bühne stapeln, oder die herumstehenden Leitern." Darüber hinaus geht es um Ost- und Westeuropa, "das erklärt, wieso man das Ensemble mit Schauspielern aus Bulgarien, Rumänien, Luxemburg und der Schweiz besetzte. Durch alle vier Länder tourt die Gruppe mit dem Stück, das die Regie jeweils landesspezifisch aufbereitet." Fazit: "Der politischen Lage in Europa einen zeitgenössischen 'Faust' überzustülpen, funktioniert vor allem auf Papier. Für die Bühne hat sich Pavlovic etwas gar viel vorgenommen."

 

 

 

 

 
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