Wer nicht lacht, wird abgeschafft

von Lukas Pohlmann

Dresden, 28. März 2014. Am Fuß der Zuschauertribüne steht ein riesiger runder, schwarzer Tisch von Stühlen umrundet. Viel mehr Stühle, als die Männer des Trusts oder später der Stadtverwaltung und des Gericht besetzen können. Dahinter nur ein graues Podest mit Rednerpult vor Videowand, Auftrittsort für Eliten. Was für ein Bild zu Beginn: Wer auch immer verhandeln, wer Entscheidungen treffen wird, wird einer von ausgewählten Wenigen sein. Letztlich wird dieser Tisch als realiter verbindendes Element scheinbar unvereinbarer Positionen gar zur Arena eines Einzigen.

Das Making-of eines Demagogen

Eine Wirtschaftskrise zehrt an den Brieftaschen der Chicagoer Bevölkerung in Bertolt Brechts Parabel "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". So sehr, dass kaum noch Kohl gekauft wird. Dabei könne der doch Fleisch und Brot ersetzen, wie der alte Dogsborough weiß. Bleiben die Hosentaschen der Konsumenten leer, sind es bald auch die der kleinen Verkäufer, dann die der Spediteure und Großhändler. Das ist die Triebfeder für Missgunst und einen ganzen Rattenschwanz menschlicher Niedertracht. Außerdem machen ein leerer Magen, ein furchtsamer Kopf und ein enttäuschtes Herz empfänglich für Demagogie.

arturo ui0172 560 david baltzer hEin Tisch wie für eine Weltkonferenz, aber sein Rund füllt sich nicht. © David Baltzer

Am Anfang ist Christian Friedels Ui bei weitem kein Demagoge. Doch der unbeholfene Kerl im hellgrünen Rolli und Jacket, mit seinen linkischen Bewegungen, hat so ein Glimmen in den Augen. Als der alte Dogsborough (Albrecht Goette), früher ehrbar, am Lebensabend lenkbar geworden, sich auf ein krummes Geschäft mit dem Karfioltrust einlässt, wittert der kleine Gangster Ui seine Chance und erpresst den Alten – und sich auf diesem Weg eine Eintrittskarte ins größere Geschäft. Er bietet an, den Trust zu schützen. Weil er es auch versteht, die Geschäftsleute schutzsuchend zu machen, indem er die Gewalt sät, die sie fürchten, willigen sie ein.

Rhetorik des politischen Schmierentheaters

Man mag es ihnen fast nicht verdenken, diesen kleinen schmierigen Egoisten-Lichtern. Und Ui, den man bei Friedel wahrlich erst mal gern unterschätzt, geht weiter Menschenfischen. Herrlich, wie dabei das überschaubare Ensemble aus nur acht Männern in Anzügen und einer Frau im Business-Kostüm zwischen Figuren wechselt, dass einem anfangs schwindlig wird. Regisseur Tilmann Köhler entzieht auf diese Weise dem wohlbekannten Parabel-Plot den Überblick und macht aus ihm ein Spiel über undurchschaubare Vorgänge. Geschäftsleute sind auch Politiker, sind auch Medienprofis, sind auch Gangster, sind auch nur kleine Rädchen im Uhrwerk. Sie können mit Smartphones operieren, während sie vor der Kamera im Besten Licht erscheinen (was live auf die Leinwand übertragen wird) und obendrein auch vor ihrem direkten Gegenüber noch eine gute Figur machen.

Ahmad Mesgarha, der sonst der Trustler Clark ist, taucht als Schauspieler wieder auf und demaskiert als Uis Lehrer gemeinsam mit Friedel in einer urkomischen Nummer die Rhetorik des Schmierentheaters Politik. Thomas Braungardt und Philipp Lux, eben noch Flake und Sheet am runden Tisch des Karfiols werden Uis Schoß-Kampfhündchen Giri und Givola, die mit Freuden die Drecksarbeiten übernehmen.

Parabel bleibt Parabel

Ina Piontek, die es schwer hat, sich in der Männerriege zu behaupten, verleibt sich im Laufe des Abends gleich fünf Rollen ein. Da ist aus jeder Ecke der Gesellschaft was dabei und macht es nicht leicht, mal in einer anzukommen. Ebenso Duran Özer und Jonas Friedrich Leonhardi, der an ziemlich jedem Schauplatz als ein anderer kleiner Wicht daherkommt. Manchmal sogar als zwei. Und das ist bezeichnend für die Stärke dieses Dresdner Aufstiegs: Vor Gericht wird das Spiel um die Austauschbarkeit der Figurennamen auf die Spitze getrieben, als Leonhardi Opfer und vermeintlichen Täter hinter- oder neben- oder besser: ineinander spielt.

Hier geht es nicht um einfühlsame, nachvollziehbare Figurenentwicklungen. Wie auch. Regisseur Köhler zeigt den Brechtstoff als die Parabel, als die sie gedacht war, gerade weil er ihm die allzu einfache Übertragung abgewöhnt. Das tut dem Klassiker gut.

arturo ui0854 560 david baltzer hDemagoge in Aktion: Christian Friedels Ui mit Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha und Duran Özer  © David Baltzer

Es ist ein gefährlich verdaulicher Aufstieg. Man wüsste kaum, wo man Stopp sagen sollte, ihn aufzuhalten. Das macht ihn stark. Viel passiert nicht, und plötzlich ist wieder einer kaltgestellt oder kaltgemacht. So schnell geht das und wird von Christian Friedels Ui als modernem Machtmenschen, der sogar seine Schwächen wirksam einsetzt, eindrücklich gelenkt. Ein Anfangsverdacht, ein Anruf oder einmal Tippen auf dem Tablet-Computer, schon ist im Hintergrund wieder einer abgerauscht. Und wenn es der älteste Freund war, der lästig wurde (Ben Daniel Jöhnk ausgezeichnet als Ernesto Roma).

Apropos Tablet: Das ist eine feine Spielerei, dass da so ein Gerät in den Händen der Schauspieler ist, mit dem diese selbst den Bühnenton steuern. Wenn Arturo Uis Leute für seinen Aufstieg, der immer mehr eine Show wird, die an TV-Talk und amerikanisierte Parteitagsinszenierung erinnert, Applaus und Lacher im rechten Maß an- und ausknipsen, dann ergibt das nicht weniger als die Abschaffung des letzten mündigen Zuschauers.

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
von Bertolt Brecht
Regie: Tilman Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Barbara Drosihn, Musik: Jörg-Martin Wagner, Licht/Video: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz.
Mit: Ina Piontek, Ahmad Mesgarha, Thomas Braungardt, Duran Özer, Jonas Friedrich Leonhardi, Philipp Lux, Albrecht Goette, Christian Friedel, Ben Daniel Jöhnk.
Dauer: Zwei Stunden und 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr Versionen von Brechts Arturo Ui? Wir waren zuletzt in Oldenburg, wo Marc Becker die Parabel zwischen Obstkisten spielen ließ. In Budapest hingegen wurde Ui mit einer Frau bestzt, in Seoul mit Schaumstoffmasken inszeniert.

 

Kritikenrundschau

In den Dresdner Neuesten Nachrichten (31.3.2014) schreibt Tomas Petzold, das Stück sei "so gar nicht" als Lehrstück im gewohnten Sinne inszeniert. Statt historische Parallel zu bemühen, verweise der Regisseur auf solche in der heutigen globalisierten Welt. So sitze das Publikum nicht mit Distanz vor einer bestürzend brutalen Exekution, "sondern mittendrin in einer banal wuselnden Inszenierung oder effektvoll betriebenen Recherche, und die Verfremdung der Wirklichkeit ist nicht die des Theaters, sondern die der Medienwelt, die Verschiebung der Wahrnehmung auf die virtuelle Ebene."

In der Sächsischen Zeitung (31.3.2014) schreibt Nadja Lauterbach, es sei "angenehm", dass der Regisseur nicht dem "Aktualisierungswahn" oder der "Klassikerzertrümmerung" erliege. "Außerordentlich sauber inszeniert der junge Regisseur." "Knechtgleich" sei er Brecht verhaftet, die Inszenierung wirke, "als habe er Brecht eine Freude machen wollen". "So mutig der Ansatz ist, nicht mit Brachialgewalt Heutigkeit ins Stück zu zwängen, so sehr bleibt die Frage, wohin die Inszenierung zielt." So zeige sich die Stärke immer da, wo die Inszenierung von der Vorlage wegführe. "Köhlers Publikumsszenen verkommen aber zu uninspiriertem und krampfigem Gebaren und führen unabsichtlich vor."

Matthias Heine schreibt auf Welt Online (5.4.2014) über den "aufhaltsame Aufstieg des brutalen Praktikanten". Es sei das "nicht zu unterschätzende Verdienst" der Inszenierung in Dresden, dass sie den "wahrscheinlich unhitlerischsten Arturo aller Zeiten" im Zentrum habe. "Hausstar" Christian Friedel sehe mit "seiner Nerdbrille, seinem gelben Rollkragenpullover und seinen coolen Anzügen aus dem Altkleidercontainer aus wie ein Hipster". Friedel spiele diese "kleine gierige Hipster-Ratte" mit der "angemessenen Mischung" aus "Gehetztheit und Verschlagenheit". Die Inszenierung von Tilman Köhler verlege die Handlung in ein aktuelles Business-Ambiente und wäre besser, wenn "die Akteure nicht allzu oft allzu plump die Smartphones zücken würden".

 

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