Wo die moralisch-ökonomische Gülle zuhause ist

von Nikolaus Merck

Brandenburg an der Havel, 1. April 2014. Wo ist die Sänfte? Dürrenmatt sah das feudale Vehikel für die Fortbewegung seiner kunigundenhaft versehrten alten Dame Claire Zachanassian vor. In Brandenburg sind Sänfte und Sänftenträger gestrichen, wahrscheinlich besitzt das Stendaler Theater, das heute hier im Nachbarstädtchen mit der Premiere der umfangreich besetzten Tragikomödie gastiert, gar nicht die nötige (wo)manpower; stattdessen erscheint Angelika Hofstätter als recht junge alte Dame Claire mit roter Korkenzieher-Perücke, Zobel und getönter Brille akkompagniert von ihrem Leibdiener und – einer Sackkarre. Mehr Modernisierung findet bei Spielleiter Jürg Schlachter und Ausstatterin Sofia Mazzoni nicht statt.

Brandenburg also. Hatte einstmals eines der ältesten stehenden Theater. Nach der Vereinigung riss man das damalige Haus weg, baute ein schwer gesichtsloses Congress-"Zänter", löste alles was nicht die Brandenburger Symphoniker waren auf und kaufte sich hinfort Schauspiel aus Potsdam ein. Oder eben Stendal. Zur Dürrenmatt-Premiere gibt's einen Raumteiler im Zuschauersaal, aber auch die verbliebenen hundertpaarundfünfzig Plätze sind nur zur guten Hälfte gefüllt.

Wo Komödie draufsteht

Das Ensemble kämpft trotzdem tapfer. Allerdings streckenweise vergeblich. Es ist ein unausrottbarer Glaube, besonders in kleineren Theatern, dass, wenn irgendwo "Komödie" drauf steht, "Komödie" gespielt werden müsse. Also möglichst schenkelklopferisch und grell und hoppsassa. So geht es im ersten Teil. Dazu, das ist Konzept, geben die fünf BläserInnen von "SDLbrassissimo" Marschrhythmen. Passt ja auch, die Inszenierung tastet die zeitliche Situierung der Geschichte in den 1950ern nicht an. So bleibt es dabei, dass Herr Ill Frau Claire, als sie jung waren, im Jahre 1910, liebte, verführte, verließ und seine Vaterschaft vor Gericht mittels falscher Zeugen abzuleugnen verstand. Nun, 45 Jährchen später, kommt die inzwischen aus dem Hamburger Bordell zur reichsten Frau der Welt aufgestiegene Claire zurück, nach Güllen, also dorthin, wo die moralisch-ökonomische Scheiße zuhause ist, und will sich "Gerechtigkeit" kaufen: eine Milliarde für den Kopf von Alfred Ill. Kriegt zum Schluss den toten Ill und die Güllebewohner ihre Milliarde plus die Gewissensleiche in ihrem Keller.

besuchaltedame1 560 xx x"Aber Ill, wo wollen Sie denn hin? Sie wollen doch nicht etwa verreisen? Und was wird dann aus
unserer Milliarde?" Hannes Liebmann (mit Koffer) als Ill.  © Susanne Moritz

Das Ganze ist natürlich hoffnungslos veraltet. Wo bei Dürrenmatt die Güllener Schulden machen in Aussicht auf die Milliarde, für die schon irgendeiner morden gehen wird, könnte die Bank von Güllen heutzutage die Schulden in Derivate verpacken und gewinnbringend verkaufen. Müsste kein Ill, allerhöchstens ein paar Slumbewohner drei Kontinente weiter mehr sterben, um die Schulden zu begleichen.

Vom leicht gekürzten Blatt

Gut. Aber von solchen aktuelleren Erwägungen will die Inszenierung nix wissen. Hier wird vom leicht gekürzten Blatt gespielt: Der Nachkrieg mit seiner fortbestehenden faschistischen Gesinnung lässt grüßen, wenn die Güllener die "Hochfinanz", die "Juden" und den "internationalen Kommunismus" gleichzeitig verantwortlich machen für den Niedergang des Ortes, den in Wirklichkeit Dame Claire planvoll herbeigeführt hat.

Die Kostüme sind erst zeitlos bieder, mit zunehmendem Wohlstand farbenfreudiger, die Spielweise passt sich dem Kostümwesen an. Sie verdoppelt zunächst jedes Klischee vom hohl tönenden, heuchelnden, unter Röcke grapschenden Bürger, gewinnt im zweiten Teil, wenigstens bei den beiden Hauptfiguren, an Überzeugungskraft. Angelika Hofstetter schafft es, sich für die Seelennot ihrer Claire Zachanassian, die sich durchaus nicht in jedem Moment sicher ist, ob sie den Ex-Geliebten wirklich meucheln lassen und im Sarg nach Capri heimführen will, auf kleine Zeichen wie starres Aug' und Fingertrommeln auf silbernem Stockknauf zu beschränken. Wohltuend, dass sie ganz ohne Kreischen und Brüllen auskommt.

dame 2 560 susanne moritz u"Wenn die Liebe geht, was kommt dann, was kommt dann?" singt Andre Heller, Herrn Ill
(Hannes Liebmann) und Frau Zachanassian (Angelika Hofstetter) ist nicht mehr nach Singen
zumute, im vom Ensemble gespielten Wald, wo sie sich einst herzten. © Susanne Moritz
Hannes Liebmann als Ill findet, sobald er seine Todesangst bekennt, zu einfachen klaren Tönen, klingt dabei wie ein anderer Peter Simonischek und hört sogar auf, opernsängerhaft in eine unbestimmte Ferne irgendwo oben auszuschauen. Und einfach wundervoll ist's, wenn das Ensemble, wie Dürrenmatts Blatt es vorsieht, sich wiegend und tschirpend, muhend und quakend den Wald und sein Getier gleich selber spielt. Dafür ist man auch bereit das Herumgefuhrwerke mit den rollenden Holzgerüst-Bühnenelementen während der Szenenwechsel, den überreichlichen Einsatz von Volksliedgut, dargeboten von nicht intonationssicheren Schauspielersängern, begleitet vom gelegentlich enervierenden Blechensemble sowie das Flügelschlagen des schlaksigen Lehrers (Andreas Müller) und das comedianhafte Schneidezahngeblecke des unrasierten Herrn Pfarrers (Volker Wackermann) gottergeben hinzunehmen. Bloß, wie kommt es eigentlich, dass Frau Ill so gar keine Anstalten macht, irgendetwas für die Rettung ihres Mannes zu unternehmen und in Brandenburg sogar die Hand für die Liquidierung ihres Ehegesponses hebt?

 

Der Besuch der alten Dame

Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt

Regie: Jürg Schlachter, Ausstattung: Sofia Mazzoni, Musik & Musikalische Leitung: Jakob Brenner, Dramaturgie: Cordula Jung.
Mit: Angelika Hofstetter, Michael Magel, Thomas Weber, Simone Fulir, Michaela Maxi Schulz, Hannes Liebmann, Annett Siegmund, Maik Rogge, Frank Siebers, Volker Wackermann, Andreas Müller, Wolfgang Schröder, Tammy Girke, Pauline Berndt und SDLbrassissimo mit Torsten Hünemöller, Sebastian Socha, Svenja Trosin, Maike Schymalla, Martin Görig.

Dauer: 2 Stunden 35 Minuten

, keine Pause

www.tda-stendal.com

 

Mehr Besuche der alten Dame gab es 2012 von Daniela Löffler in Braunschweig, 2009 von Armin Petras in Dresden und 2009 von Frank Abt am Münchner Volkstheater.

Kritikenrundschau

Klaus Büstrin schreibt in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (3.4.2014): mit einer Premiere am "untypischen Premierentag" Dienstag, sei es von "vorneherein klar" gewesen, dass der Besuch nicht erfreulich sein werde. Die Brandenburger hätten einen "anregenden und unterhaltenden Theaterabend" versäumt. Jürg Schlachter habe Dürrenmatts Stück "locker und nachdenklich erzählt". Das Bühnenbild aus Holzelementen ermögliche es wunderbar, eine Kleinstadt entstehen zu lassen. Angelika Hofstetter spiele die alte Dame mit "einer Mischung von Mondänität, Eiseskälte, Melancholie", Hannes Liebmann sei ein "eher leiser Ill, der besonders in den intimen Szenen mit Claire seine großen Momente" habe.

 

 
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