Im Wenn-Modus

von Sabine Leucht

München, 2. April 2014. Die einzige Überraschung des Abends kommt ganz am Schluss. Da entert der Intendant mit einer "Residenztheatertorte" die Bühne und überreicht sie Hans-Michael Rehberg, weil der für die Titelrolle in Harold Pinters "Der Hausmeister" nicht nur an den Ort zurückgekehrt ist, an dem er vor sechsunddreißig Jahren Bayerischer Staatsschauspieler wurde, sondern am Premierentag auch noch seinen sechsundsiebzigsten Geburtstag feierte. Martin Kusej freute sich – und durfte es guten Gewissens. Hat er doch nun mit einer Inszenierung von Andrea Breth den dritten Regiealtmeister-Import im Repertoire. Die Abende der ersten beiden (Castorf, Gotscheff) reisen demnächst zum Theatertreffen nach Berlin.

hausmeister1h 280 ruthwalzHans-Michael Rehbergs Davies © Ruth WalzDass Breths München-Debüt dasselbe Schicksal blüht, ist zumindest nicht ausgeschlossen. Denn der Abend ist eindrucksvoll in seinem Beharren darauf, jedem Atemhauch einer Figur Raum zu geben, jede vom Autor vorgeschlagene Pause einzuhalten und die Dauer jedes Schweigens so lange auszutesten, bis sie sich zweifelsfrei richtig anfühlt. Das kann die Klassiker-Ausmalerin Breth, dafür hat Kusej sie geholt – und mit dem Pausen- und Auslassungsfreund Pinter hat sie genau den richtigen Kumpan mit nach Bayern gebracht, wo mit Norman Hacker und Shenja Lacher schon eine formidable Besetzung für das Brüderpaar Aston und Mick auf sie wartete.

Rehberg, mit dem Breth zuletzt bei ihrem Wiener Hamlet-Marathon zusammengearbeitet hat, brachte sie selbst an seine langjährige Wirkungsstätte zurück. Nun spielt er den Landstreicher Davies mit einer Mischung aus Sturheit, Arroganz und lauernder Verschlagenheit und zeigt beeindruckend viele Arten, seinen Kopf schiefzulegen. Ein Dampfplauderer, der stets auf den eigenen Vorteil schielt, einer, der Almosen braucht und sie gerne edel und in passender Farbe will, einer dieser Aus-dem-Fenster-Häng-Alten, die auf die winzigsten Vergehen ihrer Nachbarn lauern – all das ist Pinters Davies.

Schauspielerischer Minimalismus, der seinesgleichen sucht

Warum Aston ihn mit in seine Wohnung nimmt, lässt der Autor im Halbdunkel des Stückbeginns momentweise aufblitzen. Warum er den alten Zausel, der aus dem Stand über "das ganze Pack" der "Griechen, Neger und Polacken" herzieht, nicht sofort wieder hinausschmeißt, liegt in Astons Vergangenheit begründet – "dieser Sache mit dem Gehirn", die erst später enthüllt wird. Und Shenja Lacher erzählt von diesem grausamen Vergehen an Astons geistiger Gesundheit mit derart heiterer, von innen erleuchteter Miene, dass einem ganz weh wird ums Herz.

Lacher, der inzwischen gar nicht mehr so still und leise dabei ist, sich an die Spitze dieses Ensembles zu spielen, entwickelt hier einen schauspielerischen Minimalismus, der seinesgleichen sucht. Seine Stimme verlässt kaum die einmal eingenommene Tonhöhe, sein Blick erstarrt panisch bei allem, was sich bewegt und kommt nur auf den Steckern und Latten vorübergehend zur Ruhe, an denen er beständig schraubt und schleift.

Unwägbarkeiten menschlicher Emotionen

Diesen rührenden Kümmerer mit Asperger-Symptomen hat Annette Murschetz in eine fast dreieckige Bühne voller Sperrmüll-Möbel und Gerümpel verpflanzt: Totes Zeug, dessen Anordnung aber eher auf einen manischen Sammler als auf einen Messie schließen lässt. Auf einen Dinge-Menschen, der mit den Aggregatszuständen Funktionstüchtig oder Defekt weit besser zurechtkommt als mit den Unwägbarkeiten menschlicher Emotionen. So einer ist Pinters Aston – und weil er das spürt und danach handelt, ist er vermutlich der glücklichste in dieser Dreiecksgeschichte, in die Astons Bruder Mick als gewaltbereiter Sadist einsteigt und mit Davies' Verführbarkeit so lange spielt, bis dessen seltsame Allianz mit Aston krachend zerbricht.

hausmeister2 560 ruthwalzZwei Außenseiter im Gerümpel: Shenya Lacher und Hans-Michael Rehberg © Ruth Walz

Bei Norman Hacker ist Mick ein Kraftmeier vor dem Herrn, einer, der vor lauter Testosteron nicht an sich halten kann, der zulangt, bevor er redet und taktiert, sobald er es tut. Und doch bleibt Hackers sonst oft zum Outrieren neigendes Spiel stets brüchig und in der Schwebe. Mick, der von der Verwandlung der Bruchbude, in der sein Bruder lebt, in ein Penthouse mit pergamentfarbenen Linoleumfliesen träumt, müsste zuallererst mal seine Firma zum Laufen bringen. Aston wiederum kann erst mit dem Renovieren des Hauses beginnen, wenn er seinen Schuppen gebaut hat – während Davies endlich Hausmeister oder Weißgottwas werden könnte, sobald er seine Papiere in Sidcup abholte, wofür aber das Wetter nie passt.

Man spürt an diesem Abend auf der trotz nackter Glühbirne erlesen ausgeleuchteten Bühne, warum dem späteren Nobelpreisträger mit seinem 1960 uraufgeführten "Hausmeister" der Durchbruch als Dramatiker gelang. Man spürt es, eben weil Breth alles daran setzt zu betonen, wie musikalisch die Sprache und wie vielschichtig die realistischen, ein wenig unheimlichen Charaktere gearbeitet sind. Sie hat diese im Wenn-Modus steckengebliebene Dreiermannschaft des freudlosen Müßiggangs aus dem Spielplanabseits geholt und neugierig beschaut. Zweiteres tut man als Zuschauer auch, aber ein bisschen so, wie ein altes Bild in einem Museum, hinter dem man die Tür bald wieder schließt.

 

Der Hausmeister
von Harold Pinter
Deutsch von Michael Walter
Regie: Andrea Breth, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Moidele Bickel, Musik: Bert Wrede, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Norman Hacker, Shenja Lacher und Hans-Michael Rehberg.
Dauer: 2 Stunden, 30 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Wie eben geschrieben" wirkt Pinters altes Stück aus Sicht von Gerhard Stadelmaier von der FAZ (4.4.2014) in Andrea Breths Inszenierung. Sie klopfe den "alten Leinwandrupfen, auf dem der Staub des Stücks liegt" ungeniert aus, "so dass die Figurenlarven, die da seit Jahrzehnten ihren Dramen-Schlaf hielten, sich plötzlich entpuppen. Und neu leben. Als eine Art Clownsschmetterlinge". Das wird Stadelmaier zufolge "vor allem zum großen Triumph des Schauspielers Hans-Michael Rehberg, der den Davies spielt. Eine Mischung aus König Lear und Gespenst von Slumville, betritt er nicht in seinem weißen Knebelbart und seinem weißgefiederten Glatzenkranz den Raum. Er beschwebt und bezaubert ihn."

Für ihre erste Münchner Inszenierung habe Andrea Breth einen Text "ja, man muss wohl sagen: inhaliert, der weder die Würde des Alters noch die Frische der Jugend besitzt, sondern einfach nur ein bisschen grau geworden ist", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (4.4.2014). Den Guckkasten habe man schneller leer geguckt, als die auf zweieinhalb Stunden "zerdehnte und zergähnte" Aufführung dauere. Man könne sie als Paraphrase auf Giorgio Agambens Homo sacer sehen, den rechtlosen Globalisierungsverlierer von heute, "oder auch nur als Beispiel für den Homo wacker des Stadttheaters von gestern, das hier noch mal zu großer, freilich steriler Form aufläuft. Dieser 'Hausmeister' ist ein Triumph der Vintage-Ästhetik. Dafür hat Andrea Breth den goldenen Besen verdient."

Die Schauspieler Shenja Lacher oder Norman Hacker lassen Sven Ricklefs vom Deutschlandfunk (3.3.2014) phasenweise vergessen, "dass man da einem Stück beiwohnen muss, dessen immenser Wirkung man theatergeschichtlich sicherlich Tribut zollen sollte, das seine Halbwertszeit allerdings nach 50 Jahren spürbar überschritten hat." Im Fall von Hans Michael Rehberg allerdings "muss man sagen dürfen, bei allem Respekt vor der Lebensleistung dieses Schauspielers, so in eine Art Greisenhysterie, so immer wieder in ein overacting getrieben, hätte man ihn wahrlich lieber nicht sehen wollen."

Hans Michael Rehberg modelliert seine Figur aus Sicht von Simone Dattenberger vom Münchner Merkur (4.4.2014) "aus ebenso vielen stimmlichen wie körpersprachlichen Facetten. Hals und Kopf werden geradezu zu eigenständigen Schauspielern. Man wagt gar nicht, Rehberg aus den Augen zu lassen, um nur ja nichts zu verpassen."

 

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