Ans Kreuz genagelter Maler

von Martin Krumbholz

Köln, 4. April 2014. Wenn ein Kinoregisseur einen dreistündigen Film macht, hat das in der Regel Gründe. Als Andrej Tarkowskij in den sechziger Jahren in der Sowjetunion "Andrej Rubljow" drehte und aus Zensurgründen zwei unterschiedlich lange Fassungen herstellte, hatte er eine gewaltige Geschichte erzählt. Die Geschichte eines um 1400 lebenden Malers und Mönchs, der in eine tiefe Glaubens- und Schaffenskrise stürzt, das Malen – und das Sprechen – aufgibt, schließlich aber, veranlasst durch das Erlebnis des Gießens einer Glocke, zum Glauben zurückfindet. Der große russische Regisseur, der gestern 82 Jahre alt geworden wäre (er starb 1986), hatte einen großartigen Film geschaffen: eine Parabel auf die Aporien des Künstlers auch in der Gegenwart der UdSSR. Das Eingreifen der Zensur zeigt, dass es funktioniert hat – ohne dass das Werk sich je in der Provokation erschöpft hätte.

Große Fußstapfen

Wenn ein Theaterregisseur seinem Publikum heute und wann immer vier Stunden an Lebenszeit verscherzt, muss er sich dafür nirgends rechtfertigen. Wenn aber Robert Borgmanns Kölner Adaption des Tarkowskij-Films länger dauert als der Film, hat das nicht etwa damit zu tun, dass Borgmann mehr zu erzählen hätte – ganz im Gegenteil. Diesen Theatermacher, der in so übergroße Fußstapfen tritt, interessieren die verhandelten Themen gar nicht. Weder die "Ikonen", von denen dauernd die Rede ist, ohne dass man eine Vorstellung davon gewänne, worum es dabei überhaupt geht, noch gar die quälenden Glaubenskrisen, die die überforderten Schauspieler kaum glaubwürdig ins Heutige transportieren können.

andrejrubljow 560 sandrathen uGedeckte Farben, epische Erzählung © Sandra Then

Die Crux beginnt schon damit, dass die Fassung von Anja Nioduschewski letztlich eine (biedere) Nacherzählung des Films ist: Was man im Film sieht, übersetzt sie in Sprache. Naheliegenderweise bedient Borgmann sich der epischen Elemente der Fassung, um die Darsteller (wechselnd) erzählen zu lassen, was sie nicht spielen können. Und das ist hier fast alles bis auf die weitschweifigen Dialoge, denen man, da schlecht gesprochen, kaum folgen mag.

Man sieht es übrigens schon an der Körpersprache der Spieler, daran, wie sie hilflos mit den Gliedern schlackern, dumm rumstehen oder wie sie unendlich froh sind, sich mal im Torf auszutoben, dass sie in dieser Aufführung, in dieser Regie keinen Halt finden. So etwas wie Personenregie interessiert Borgmann ohnehin nicht. Was interessiert ihn? Theater. Theater? Eher die Behauptung eines Begriffs von Theater, der um jeden Preis zeitgemäß erscheinen, das heißt den Katalog der erforderlichen Ingredienzien akkurat abarbeiten möchte.

Viel Nebel aus der Maschine

Die Bühne: Ein Haufen Erde auf einer leeren Fläche. Dahinter ein sinnloser Glaskasten mit einer akribisch gestalteten modernen Wohnfläche, in dem Andrej Rubljow als Kind anfangs mit einem Tornister zur Schule geschickt und später ans Kreuz gehängt wird.

andrejrubljow 280a sandrathen uNiklas Kohrt als Andrej Rubljow © Sandra Then

Rubljow als Erwachsener ist dann Niklas Kohrt, redlich bemüht, meist naiv sich belehren lassend, irgendetwas zwischen Lausbub und Trauerkloß. Er ist an diesem Abend der Beste, von hier aus geht es schauspielerisch abwärts.

Aber, wie gesagt, die Spieler können nichts dafür, sie sind auf sich allein gestellt, verraten und verkauft. Im Wabern der Nebelmaschine werden ihre Bemühungen gelegentlich gnädig verhüllt. Selbst die beiden Musiker mit ihrer E-Gitarre und ihrem Schlagwerk werden immer müder und schonen ihre Kräfte für das Finale mit der Glocke, das sie akustisch kräftig unterstützen müssen. Wer kann es ihnen verdenken?

Hippe Theaterklischees

Eines wird an diesem quälend langweiligen Abend ganz sicher nicht verhandelt: das Malen. Oder überhaupt: die Kunst. Es hätte ja auch das Theater sein können, das man selbstreflexiv in einen Diskurs zwingt, weit weg von Tarkowskijs Sujet, aber nah dran an seinen Motiven. Nichts davon. Arglos geht man zu Werke, und kommt sich doch schlau vor, weil man lässig mit ein paar allgegenwärtigen hippen Theaterklischees jongliert. Einmal fährt im Depot das Rolltor zur Straße hoch, Passanten gehen vorbei, gucken, bleiben unschlüssig stehen, linsen herein, gehen weiter. Es ist mit Abstand nicht nur die komischste, sondern auch die lebendigste Szene des Abends.

Andrej Rubljow
Nach dem Film von Andrej Tarkowskij. Für die Bühne bearbeitet von Anja Nioduschewski. Regie und Bühne: Robert Borgmann, Live-Zeichnung und Video: Samuel Weikopf, Kostüme: Minki Warhol, Musik: Webermichelson, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Niklas Kohrt, Julischka Eichel, Nicola Gründel, Simon Eckert, Ursula Doll, Seán McDonagh, Sven Michelson, Daniel Pauli/Tobias Pauli.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause.

www.schauspielkoeln.de

 


Kritikenrundschau

Borgmanns "Wendung des Stoffs in die nahe Science-Fiction wird weder schlüssig eingeführt noch konsequent durchgestaltet", die Handlung werde "vor allem brav aufgesagt", es herrsche "inszenatorische Lethargie", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.4.2014). "Während der Film das Scheitern der Kunst vor der Realität souverän widerlegt und in sich aufhebt, muss die Theateradaption es – mit überforderten und allein gelassenen Schauspielern – kleinmütig eingestehen. Das ambitionierte Unternehmen kommt über fragmentarische Annäherungen an den gewaltigen Stoff, von dem nur Episoden übrig bleiben, nicht hinaus."

Hart am "Hörbuch" empfand Hartmut Wilmes von der Kölnischen Rundschau und dem Bonner General-Anzeiger (6.4.2014) diese Filmadaption. "Die Schauspieler sagen das Geschehen meist auf, ohne den Mahlstrom der Ereignisse zu beschwören." Borgmann scheine sich im "Baumarkt des halbstark-hippen Theaters zu bedienen. Hier ein bisschen Kreisch-, Zuck- und Wälzästhetik, dort lyrische Illusionsmalerei im kriechenden Bodennebel." Manch "Randaspekt" werde aufgebläht, "während der apokalyptische Kern des Dramas um Kunst, Krieg und Religion zerbröselt. Denn anders als Tarkowskij findet Borgmann keinen bezwingenden Zugriff auf den gewaltigen Stoff."

Über "vier Stunden spannende 'Andrej Rubljow-Geschichte" berichtet Gerit Stratmann im Gespräch für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (5.4.2014, hier im Podcast). Der Theaterabend kopiere Tarkowskijs Langsamkeit "ziemlich mühelos", setze sich gegen die Vorlage aber durch "eine gewisse Zeit- und Ortlosigkeit" ab und verzichte auf eine explizite Auseinandersetzung mit dem Christentum. Die Themen der Vorlage würden eher "abstrahiert und ins Allgemeine erhöht". Einwände gegen die ideen- und abwechslungsreiche Inszenierung gibt es aber auch: Zu viele Prosatexte würden "aufgesagt", man erlebe Berichte ohne Spiel. Es fehlten dem Abend ein wenig der "eigene Ansatz" und die "Verdichtung".

"Zunächst macht Borgmann alles richtig, subtrahiert Ort und Zeit der Handlung und stellt stattdessen die psychologische Unterströmung des Films in einem vitrinenartigen Glaskasten aus", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (7.4.2014). Wenn dann aber immer wieder wortreich beschreibende Monologe anstelle von Action und Bildgewalt träten, frage man sich, warum Borgmann nicht viel freier mit der Vorlage umgegangen sei. Es fehle dem Abend insgesamt an Konzentration und Rhythmus. Es gebe zwar immer wieder eindrückliche Momente, aber sie blieben vereinzelte Höhepunkte in einem "allzu zerfaserten Spiel". Am Ende sei das Wunder der allgemeinen Müdigkeit gewichen.

 
Kommentar schreiben