Aus der Heimat rausgerissen

von Petra Hallmayer

München, 10. April 2014. Die Mörder treten nicht auf. Im Gegensatz zu den meisten der NSU-Stücke, die allerorten die Bühnen erobern, richtet die Regisseurin Christine Umpfenbach im Marstall das Scheinwerferlicht nicht auf das Zwickauer Neonazi-Trio. Sie lenkt den Blick auf die Opfer, darauf, was ihren Angehörigen angetan wurde in den qualvollen Jahren bis zur Aufdeckung der rechtsradikalen Motive der Mordserie, die zehn Menschen das Leben kostete.

"Urteile" heißt ihr dokumentarisches Theaterprojekt über die grausame Macht von Vorurteilen und Vorverurteilungen, in dessen Zentrum zwei Münchner Familien stehen, die des 2001 erschossenen Obst- und Gemüsehändlers Habil Kiliç und des 2005 in seinem Geschäft getöteten Theodoros Boulgarides. Schamfrei erfand die Boulevardpresse kurzerhand das Unwort "Dönermorde" und titelte mit Schlagzeilen wie "Türken-Mafia schlug wieder zu."

Netz aus Verdächtigungen

Basierend auf sich über viele Monate erstreckenden Interviews hat Umpfenbach mit ihrer Co-Autorin Azar Mortazavi eine Textcollage zusammengestellt, die Paul Wolff-Plottegg, Gunther Eckes und Demet Gül in wechselnden Rollen vortragen. Sie erzählen von den ersten Jahren der Familien in Deutschland, dem Stolz auf ihre Arbeit und ihren Fleiß, von ihrer Liebe zu München, dem Schock und der Verzweiflung, als sie die schreckliche Nachricht erhielten, und von ihrem Schmerz und ihrer Wut über das, was danach geschah, das Netz aus Verdächtigungen, das sich um sie zuzog, die demütigenden Diskriminierungen und die wachsende Isolation. Gäste verließen demonstrativ die Kneipe, wenn sie eintraten, Nachbarn und Arbeitskollegen wandten sich ab.

urteile 07 560 dashuber uUnter einem entwurzelten Baum: die Schauspieler Paul Wolff-Plottegg, Gunther Eckes und Demet Gül
© Thomas Dashuber

Wieder und wieder wurden die Verwandten der Toten zu Verhören bestellt, bei denen die Ermittlungsbeamten sie mit falschen Anschuldigungen konfrontierten. "Wussten Sie von seiner Geliebten?", fragte ein Polizist die fassungslose Witwe von Habil Kiliç. Zuzuhören, wie der Bruder von Theodoros Boulgarides auf Knien mit einer Spachtel das eingetrocknete Blut vom Boden kratzen musste, wie aus Opfern Angeklagte wurden, das schnürt einem das Herz ab. Irgendwann hielt er die Anfeindungen nicht mehr aus, kündigte und ging nach Griechenland, wo er sich nie zu Hause fühlte, bis ein Priester ihn nach München zurückholte.

Ausgrenzung in Deutschland

Über der Bühne hängt ein ausgerissener Baum mit der Krone nach unten, Sinnbild für die Entwurzelung von Menschen, die man gewaltsam ihrer Heimat Deutschland entfremdete. Ein Schriftband verrät uns, wer gerade spricht: Der "Bruder", die "Ehefrau", die "Schwiegermutter". Nicht immer ist gleich klar, von welcher Familie die Rede ist. Doch letztlich entspricht die mitunter mangelnde Trennschärfe auch dem Konzept von Umpfenbachs Inszenierung, die weniger auf Porträts von Individuen abzielt als darauf, die exemplarischen Gemeinsamkeiten in ihrer Geschichten hervorzuheben.

"Urteile" ist eine beklemmende Anklage ohne Protestparolen und gereckte Fäuste, führt vor, wie tief und selbstverständlich der Rassismus in unserer Gesellschaft verankert ist. "Man hat sich halt so gedacht, das sind irgendwelche Hintergründe aus ihrem Milieu", meint eine Schulsekretärin, und eine sich peinlich rechtfertigende Journalistin pocht auf "die Parallelgesellschaften, die ja existieren." In kurzen Texteinschüben erinnert sich Azar Mortazavi an ihre eigene Kindheit, an alltägliche Formen der Ausgrenzung, gedankenlos begangene Verletzungen.

urteile 12 280 thomas dashuber uDemet Gül (vorn) © Thomas Dashuber

Fast zwei Jahre hat Christine Umpfenbach für ihr Projekt recherchiert. Sie hat mit Verwandten, Freunden und Arbeitskollegen der Mordopfer geredet, mit Journalisten, einer Rechtsanwältin und einem Politiker. Trotz ihrer beharrlichen Bemühungen aber war kein Vertreter der Polizei bereit, sich zu äußern. So versucht sie die Versäumnisse in den Ermittlungen, den Tunnelblick der "SOKO Bosporus", die alle Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund und die Ungereimtheiten in ihrer Mafia-Theorie ausblendete, durch die Ausführungen eines leicht karikierten Polizeireporters und einer Journalistin zu verdeutlichen. Dabei jedoch gibt sie deren Stimmen zwischenzeitlich zu viel Raum. Hier hätten Verdichtungen und kleine Kürzungen gut getan.

Zumeist aber vertraut sie auf die Geschichten der Angehörigen der Opfer. Umpfenbach lässt ihre Figuren unkommentiert zu Wort kommen, frontal ins Publikum sprechen und beschränkt sich auf wenige einfache Spielszenen. Sie zeigt mit drei überzeugenden Schauspielern eine unprätentiöse, schlichte Inszenierung, deren eindringliche, schmerzliche Kraft nicht auf gewitzten Regieeinfällen beruht, sondern auf dem, was diese beiden Familien zu erzählen haben.


Urteile
von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi
Regie: Christine Umpfenbach, Recherche: Tunay Önder, Co-Autorin: Azar Mortazavi, Bühne: Eva-Maria Bauer, Kostüme: Judith Hepting, Musik: Azhar Naim Kamal, Licht: Monika Pangerl, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Gunther Eckes, Demet Gül, Paul Wolff-Plottegg.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi zeigten in "Urteile" die Folgen der NSU-Morde "konsequent aus der Sicht der Angehörigen", schreibt Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung (12.4.2014). Es gebe "in diesem Stück Momente, in denen nicht hämisch mit dem Finger auf bornierte Polizisten und reißerische Journalisten gezeigt wird, sondern sich die Zuschauer selbst erkennen." Doch zugleich werde das Ganze "breitgewalzt zu einer abendfüllenden Selbstanklage: Die deutsche Gesellschaft sei ressentimentgeladen, rassistisch, vorurteilsbefangen. Alles wird hineingepackt: Banales, Harmloses, Ärgerliches und Monströses." Irgendwann habe "man kapiert, dass es Vorurteile gegen Migranten in Deutschland gibt, dass der Rassismus bekämpft werden muss und die Polizei versagt hat." Es werde "ständig der Zeigefinger gehoben, so lange, bis es nervt."

Christine Umpfenbach sei es "tatsächlich gelungen zu zeigen, wozu Theater in der Lage sein kann: Einer wahren Geschichte, die seit fast einem Jahr wenige Minuten vom Marstall entfernt juristisch aufgearbeitet wird, durch Verdichtung eine weitere Ebene hinzuzufügen und bestenfalls einen neuen Blick auf das Geschehen und seine Folgen zu ermöglichen", schreibt Michael Schleicher im Münchener Merkur (12.4.2014). Es seien "kleine, unscheinbare Sätze, die in dieser Inszenierung Fenster aufstoßen, und die Zuschauer ahnen lassen, welche Stürme in den Hinterbliebenen getobt haben müssen." Immer wieder gehe Umpfenbach "weg von den konkreten Taten und beleuchtet alltäglichen Rassismus. Eine Stärke, die diese Inszenierung über die Rolle eines Kommentars zum aktuellen Prozess hinaushebt." Leider nur gehe im Lauf der knapp zwei Stunden die Konzentration verloren, . am Schluss fasere "Urteile" leicht aus.

"Urteile" sei kein Abend der Analyse, sondern einer der eindringlichen Emotionen, schreibt Sabine Leucht in der tageszeitung (14.4.2014). Umpfenbach ergreife klar für die Opfer Partei. "Das ist in Ordnung, denn Umpfenbach hat ihnen gegenüber Verantwortung übernommen. Und weil diese Menschen nicht erneut verletzt werden dürfen, nimmt die Aufführung all ihre Aussagen sehr ernst, während eine Schulleiterin, eine Journalistin und ein Polizeireporter eher in Richtung Karikatur geraten." Ästhetik und Inszenierung würden dabei zur Nebensache.

Kommentar schreiben