Wo sich der chinesische Drache wölbt

von Tim Schomacker

Münster, 11. April 2014. Ob sie die Plätze der toten Seelen markieren sollen? Ein Parteitagsauditorium andeuten? Oder gleich beides? Hochgradig symbolisch jedenfalls stehen sie da, die Reihen baugleicher knochenweißer Plastikstühle, die sich im ebenerdigen schwarzen Bühnenraum bis in angedeutete Unendlichkeit fortzusetzen scheinen.

Chinesische Geschichte von unten

In langem Marsch trippelt ein erzählender Alter durch einen Mittelgang, berichtet von der Profession des Totenrufers, den es immer gegeben habe, auch wenn er "nicht zu den zweiundsiebzig zugelassenen Berufen gehört". Als "abergläubisches Gewerbe" verfolgt zu Beginn der Kulturrevolution. Hinten links wölbt sich schlängelnd ein chinesischer Drache über die Stühle. Sie werden geschoben und getreten, gestapelt und versetzt. Einmal entstehen aus ihnen scheiterhaufengleiche Barrikaden. Im Schlussbild stehen sie akkurat gestapelt da. Deutlich aufgeräumter als das Innenleben der Figuren, deren Geschichten wir hören. Wie die von Fräulein Hallo, dem selbstbewusst verkorksten Techno-Mädchen mit der Aufmerksamkeitsspanne von unter zwei Sekunden.

frlhallo 560 oliverberg uGerhard Mohr, Dennis Laubenthal, Florian Steffens, Julia Stefanie Möller und Carolin Wirth
© Oliver Berg

Fräulein Hallo entwirft sich selbst als neusten Menschen – nachdem der neue Mensch der Kulturrevolution ebenso abgedankt hat wie jene, die für ihn weichen mussten. "Ich nehme an", ruft sie einem imaginären Freund oder Freier zu, "du gehörst zu der Generation
mit den bitteren Erfahrungen und dem Hass im Herzen." Die Kluft zwischen den diversen Generationen ist tief. Gekonnt zittert und quasselt sich Carolin Wirths Titelfigur durch die lange Schlusssequenz des Abends. Nervös im Pinkpastell ihrer Daunenjacke mit Kunstfellkapuze. Nervös auch im Herzen. Entlang der biographischen Geschichten aus Liao Yiwus Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" – der chinesische Dissident wurde für diese chinesische Gesellschaftsgeschichte von unten 2012 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet – entwirft Regisseur Max Claessen einen Bilderbogen quer durch Chinas Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Vom Langen Marsch bis zum Platz des Himmlichen Friedens

Wir hören vom Totenrufer, der unter die revolutionären Räder gerät, vom Schlafwandler, der von einer Stadt träumt, in der Schlafwandeln die Regel ist, nicht die Ausnahme, vom Sohn des Großgrundbesitzers, der sich bei der Bodenreform aus Furcht vor Maos Garden eingräbt in ein Erdloch (und somit wörtlich Underground wird), vom Komponisten, der ein Streichquartett schreibt, in der Manier "weißen Spezialistentums", und der sich allem revolutionären Elan zum Trotz als Abweichler geziehen sieht. Was als Buch eine Sammlung prototypischer Einzelfälle im Sinne etwa von Alexander Kluges Basisgeschichten sein mag, wird auf der Bühne zu einer lähmend langen Reihung solistisch ins Auditorium gesprochener Texte. Ihnen eignet etwas Gleichnishaftes. Trotzdem (oder eben deswegen) kommt man um den theaterhistorischen Kalauer nicht umhin, dass sich seit Brecht in der chinesischen Gegenwartsdramatik wenig bewegt hat.

frl hallo5 560 oliver berg uDüstere Stories aus der Kulturrevolution. Dennis Laubenthal, Gerhard Mohr, Julia Stefanie Möller
© Oliver Berg

Aber "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" ist ja noch nicht mal ein chinesisches Theaterstück, sondern ein Buch, das hier nun in der Manier weißen, lies: westlichen "Spezialistentums" (um mal beim Terminus zu bleiben) auf der Bühne ausgebreitet wird. Hineingesetzt in eine hübsch wandelbare Ansammlung weißer Plastikstühle (als Yin zum Yan des dunklen Raums und der noch düstereren Stories). Und chronologisch erzählt vom Langen Marsch bis zum Platz des Himmlischen Friedens (Plastikstuhlbarrikaden, Ende Hälfte eins). Nach der Pause dann brüchige chinesische Gegenwart in fünf verschränkten Lebensläufen zwischen Prostitution und Kleinkriminalität.

Zentraleuropäische Chinaklischees

Die Kulturrevolution war eine gewalttätige Angelegenheit, die sich selbst aufrieb. Und nach 1989 eine irgendwie haltlose (wenn auch mächtige) Gegenwart produzierte. Viel mehr an Erkenntnis kommt da nicht. Dass Sammlungen individueller Lebensläufe möglicherweise nach der großen Form oder Fragestellung verlangen, diesen Umstand ignoriert Regisseur Claessen weitgehend. Weder die spezifische Eigenlogik, nach der die chinesische Kulturrevolution spezielle Formen von Konterrevolution gewissermaßen selbst produzierte (um an dieser Dialektik dann zu zerbrechen) kommt vor, noch die nahe liegende Frage, in wieweit man einige Jahrhunderte zentraleuropäischer Chinaklischees eventuell sinnvoll und hilfreich dekonstruieren könnte, um hier etwas sichtbar zu machen. Da hilft Carolin Wirths souverän gezittertes Fräulein Hallo genauso wenig wie Florian Steffens langsam in eine mariobarthige Stand-Up-Nummer übergehende Erzählung von Gefängnisausbrecher, der durch die Senkgrube schwimmen muss oder die durch einfaches Stuhlumkippen angedeutete Exekution eines Peking-Oper-Ensembles nach Selbstkritik und Denunziation.

 

Fräulein Hallo und der Bauernkaiser (UA)
von Liao Yiwu
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder
Spielfassung von Max Claessen
Regie: Max Claessen, Bühne und Kostüme: Mirjam Benkner, Musik: Michael Barfuß, Dramaturgie: Kathrin Mädler.
Mit: Dennis Laubenthal, Julia Stefanie Möller, Gerhard Mohr, Florian Steffens, Carolin Wirth.
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

 

Kritikenrundschau

Auf der Website von Deutschlandradio Kultur schreibt Michael Laages (11.4.2014): Der chinesische Autor Liao Yiwu, geboren 1958, nach Deutschland geflohen vor drei Jahren, erzähle von "Chinas Kleinkriminellen", "entwurzelten Jungen vom Lande", "Prostituierten" und "Desillusionierten in allen Schichten". Es brauche "historische Kenntnis", um die "innerchinesischen wie weltpolitischen Konflikte" einordnen zu können, in den Berichten der "mundtot gemachten Zeitzeugen". Max Claessens Inszenierung bleibe "sparsam". Wie die "halbwegs szenisch geschriebenen Geschichten des Autors". Das Ensemble agiere "unerhört wandlungsreich" und halte sich fern von "China-Klischees".

Arndt Zinkant schreibt in den Westfälischen Nachrichten (13.4.2014) von einer "stimmigen Inszenierung" und einem "emotional auftrumpfenden Ensemble". Diese "Geschichtsstunde war lang und lehrreich, oft auch quälend". Und wenn "bewusst alberne Einsprengsel" dem Publikum mal "eine Atempause verschafften, fuhr die Grausamkeit danach umso mehr ins Mark".

Auf RuhrNachrichten.de schreibt Edda Klepp (13.3.2014): Die Volksrepublik China sei "von einer undurchsichtigen politischen Situation, rasantem Fortschritt und Industrialisierung auf der einen, Mythen, Aberglaube und jahrhundertealten Traditionen auf der anderen Seite durchdrungen". Die Bühnenfassung von Liao Yiwus Buch, in dem er Geschichten seiner "Mitinsassen" im Gefängnis aufzeichne, folge "einer monologischen Struktur". Frontal an die Zuschauer gewandt berichteten die Schauspieler von "Gewalt, Unterdrückung und Gleichmacherei". es gebe kaum Dialoge, dennoch folge das "präzise Zusammenspiel" einer "stringenten Logik, die nicht mit Symbolik geizt". Es sei zweifellos einer der Höhepunkte, wenn Florian Steffens als Erzähler in immer absurder werdender Gestik seine Flucht durch die Kloake eines Gefängnisses beschreibe.

Kommentar schreiben