Und ewig nölt der Frauenflüsterer

von André Mumot

Potsdam, 11. April 2014. Er ist ja ganz patent, dieser Fremde in der engen Hose. Seinen letzten Job hat er auch nur verloren, weil er so viel Quatsch erzählt hat. Dafür spielt er dufte Gitarre und macht jedermann wuschig, der ihm über den Weg läuft. Die neue Chefin jedenfalls moniert seinen koketten Hüftschwung und wirft ihm etwas verklemmt vor: "Alles, was du tust, erinnert einen ... daran!" Spätestens in diesem Moment aber schaut man vom Potsdamer Zuschauerraum aus noch einmal genauer hinauf zum Bühnenrund, wo sich der junge Mann in seiner Schlangenlederjacke verbiegt und nölt und sich nicht gerade aufreizend gebärdet, eher wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und ratlos kratzt man sich am Kopf.

Schwül ist's bei Tennessee Williams ja immer. Und so ist auch "Orpheus steigt herab" ein Seelenüberhitzungsstück voll durchgeweichter Hemden und schweißnasser Dekolletees, das wortreich davon erzählt, wie ein halb mythischer Testosteron-Orpheus im Totenreich eines Südstaatennestes zur Projektionsfläche für weibliche Befreiungs- und Befriedigungsfantasien wird. Der Dreiakter von 1957 ist immer abwechselnd betörend und klischeetriefend, effektvoll und aufdringlich bekenntnishaft, und auf den Spielplan in Potsdam hat es ihn vermutlich nur deshalb verschlagen, weil Sebastian Nübling vor zwei Jahren in München eine allseits bewunderte, schrill-verwegene und emotional aufwühlende Karussellfahrt daraus gemacht hat – eine Aufführung, die nicht zuletzt dank Hauptattraktion Risto Kübar auch beim letzten Theatertreffen große Glücksgefühle zu entfachen wusste.

orpheus3 280 hoch h l boehme uFrauenflüsterer vor Partyzelt: Holger Bülow
© HL Böhme

Ungeheure Blasenkontrolle

Bei Regisseur Elias Perrig dreht sich nun keine Jahrmarktsattraktion, stattdessen werden nach und nach jede Menge schäbig aussehende Partyhütten aus weißem Plastik auf die kahle Bühne geräumt, in denen verheißungsvoll die Lichterketten glitzern. Dass die Kleinbürger-Zeltstadt dann am Ende, als alle Hoffnung dahin ist, vom Ensemble wieder eingetreten wird, versteht sich von selbst. Bis es aber so weit ist, gehört das Two River County zwei gute Stunden lang dem Sex-Appeal des Westentaschen-Orpheus und seiner symbolüberfrachteten Frauenflüsterei: Von Vögeln ohne Füßen erzählt er, die erst im Tod den Boden berühren und die freiesten und deshalb auch die glücklichsten Geschöpfe sind, und davon, dass er ungeheuer lange seine Blase kontrollieren und Frauen problemlos auslaugen kann.

Holger Bülow, zurzeit gefeierter Mephisto im Potsdamer Ur-Faust, muss den Williams'schen Liebesbarden mit großflächigem Schlangen-Tattoo auf der Brust als arglosen Toren spielen, der leicht minderbemittelt durch die Gegend torkelt, weggetreten an seinem T-Shirt herumnestelt, versonnen klampft, gern mal in Tränen ausbricht und jeden bedeutungsschweren Lebenshilfe-Satz in näselnder Begriffsstutzigkeit in die Länge zieht. Aber all das, so unfreiwillig komisch es immer wieder über die Rampe kommt, soll offenkundig keine Parodie sein auf männliches Balzgehabe, sondern die erotische Anziehungskraft einer fast autistischen Unschuld vermitteln – was freilich schon deshalb fürchterlich daneben geht, weil es nie mehr zu sein scheint als ein durch und durch künstliches Schauspielermätzchen.

Nervenzusammenbruchs-Routine

Aber was soll's – hier passt sowieso nichts und niemand zusammen. Wenn die Darsteller auch immer wieder durchblicken lassen, was sie könnten, wenn sie dürften, irren sie doch, wie von allen guten Geistern verlassen, durch Perrigs unbeholfen handlungstreue Inszenierung, jeder auf der Suche nach einem anderen Stück. Melanie Straub etwa macht aus der unbezähmbaren Außenseiterin Carol ein zitternd schwaches, spindeldürres Ding mit schutzlos aufgerissenen Heroin-Augen. Übrig bleibt ein unglücklicher Mädchen-Storch im Salat, der auf einem Hackenschuh prätentiös durch das allgemeine Elend stakst und kalkuliert Mitleid erheischt.

Demgegenüber legt Christiane Hagedorn als Leading-Lady Torrance, sehr aufgeräumt und fit, eine geradezu fröhliche Nervenzusammenbruchs-Routine an den Tag, die leider keinerlei Spuren zeigt von Jahrzehnten der Eheschikane und Ausgrenzung. Der todkranke Gatte ist in diesem Fall übrigens Thalheimer-Veteran Peter Pagel, der in jede Menge Taschentücher hineinhustet und resigniert auf seine Blutkapsel beißt, bevor er in einem beschämend weginszenierten Schmierentheater-Finale der treulosen Gemahlin seine Platzpatronen entgegenballert, als gäbe es kein Morgen.

Kleinbürger aus Fleisch und Blut

Es passiert, was passieren muss und auf keinen Fall passieren darf an diesem Abend, der mit der ganz eigenen Poesie des verqueren Tennessee-Williams-Kitsches ebenso wenig anzufangen weiß wie mit den düster brodelnden Rassismus-Untergründen: Nur die tratschenden Kleinbürger, die eigentlichen Schurken des Stücks, wirken dann und wann, als seien sie aus Fleisch und Blut. Meike Fincks neugierige Nachbarstrulla, eine aufgedonnerte, aber keineswegs unsympathische Desperate-Housewives-Abgesandte, spielt lustigen Boulevard, hat Cupcakes gebacken und schüttelt zu Recht den Kopf. "Jetzt reißt euch aber mal zusammen", möchte man ungeduldig ihr zuliebe sagen, während Orpheus windschief in der Gegend steht und nölt, und man nicht versteht, warum alle immer noch verstört und wuschig sind – beim besten Willen nicht.

 

Orpheus steigt herab
von Tennessee Williams
Deutsch von Wolf Christian Schröder
Regie: Elias Perrig, Bühne: Wolf Gutjahr, Kostüm: Katharina Weissenborn, Musik: Biber Gullatz, Dramaturgie: Remsi al Khalisi.
Mit: Claudia Renner, Meike Finck, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Melanie Straub, Holger Bülow, Andrea Thelemann, Christiane Hagedorn, Peter Pagel, Raphael Rubino.
Dauer: 2 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrundschau

Ariane Lemme schreibt in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (14.4.2014): Tennessee Williams habe die "Ausgestoßenen" in ein "besonderes Licht" gerückt, um "Platz für sie zu schaffen im Herz des Publikums." Deswegen blieben die "Wohlsituierten und Wohlanständigen, eine gesichtslose graue Masse". Genau so habe es Elias Perrig auch umgesetzt – die Mehrheitsgesellschaft erscheine als gesichtslose Masse. "Seine Außenseiter packen einen, allen voran Christiane Hagedorn." Zwar scheiterten die drei Kaputten, Lebendigen im Stück, "rennen aber natürlich mit ihrem abgewrackten Charme, ihren Unsicherheiten und Macken beim Publikum nur offene Türen ein". Doch was in der 50ern noch als "wild und abwegig" gegolten habe, sei heute akzeptiert. "Spannend wäre also die Frage gewesen, ob die Gesellschaft inzwischen tatsächlich toleranter, liebesfähiger geworden ist – oder ob einfach nur die Feindbilder gerade andere sind." Perrigs Inszenierung stelle diese Frage nicht – und bleibt deshalb trotz "brillanter Schauspieler" schal.

 

 
Kommentar schreiben