Neue Endzeit

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 12. April 2014. Etwas stimmt nicht mit dieser Welt. Vielleicht hat ihr Schöpfer mitten in der Arbeit das Interesse an ihr verloren. Es könnte ihm auch das Geld ausgegangen sein. Oder – und diese Vermutung drängt sich noch eher auf – sie hat ihren Zweck schon längst erfüllt und wurde nur nicht vollständig abgebaut: Fünf ineinander übergehende Stahlgerüste suggerieren eine sanfte Hügellandschaft. Das im Zentrum der Bühne ist zu gut zwei Dritteln von einem blauen Überwurf bedeckt. So könnten die Kulissen für ein Science-Fiction-B-Movie aussehen.

Kalter Kamerablick
Eine Frau steckt bis über die Hüften fest in der Mondlandschaft. Zusammen mit einem zunächst noch von dem Hügel verdeckten Mann wurde sie von der Filmcrew zurückgelassen. Gefangen in dieser ebenso unwirtlichen wie unwirklichen Szenerie. Dem kalten Blick einer Kamera ausgesetzt, die ihr gegenübersteht.

gluecklichetage 004 560 galkehuebbecker fotosebastianhoppe u 1"Glückliche Tage" für Winnie (Claudia Hübbecker) © Sebastian Hoppe

Die Bilder, die diese Videokamera aufnimmt, werden live übertragen und füllen eine riesige Leinwand im Hintergrund der von Stéphane Braunschweig und Alexandre De Dardel gestalteten Bühne. Die leichteste Regung der Frau, die Samuel Beckett Winnie genannt hat und die in dieser Inszenierung von Claudia Hübbecker verkörpert wird, wirkt in der Dopplung überlebensgroß.

"Wieder ein himmlischer Tag"
Winnie ist nicht nur eine Gefangene der Erde, die sie im Lauf der Zeit weiter und weiter verschlucken wird. Sie ist auch eine Geisel der Kamera, die ihr, der nahezu Bewegungslosen, noch den letzten Rest an Freiheit und Privatsphäre nimmt. Um wie vieles besser hat es da ihr Mann, der von Rainer Galke gespielte Willie. Er spricht zwar kaum, kann sich dafür aber noch langsam kriechend bewegen und damit dem Auge der Kamera entziehen. Sein Leben findet weitestgehend im Off statt. Auch er wurde vergessen, wird aber wenigstens nicht immerfort überwacht und damit auch bewertet. Gelegentlich übernimmt Winnie den Part der Kamera. Doch ihre Beobachtungen und Beurteilungen prallen seit langem an ihm ab. So beschwerlich die Wege auch sind, die Rainer Galke nimmt, so sehr er sich auch anstrengen muss, wenn er sich an den Stahlstangen und -Verstrebungen Stück für Stück entlang arbeitet, man sollte ihn sich als glücklichen Menschen denken.

Winnie verlebt und verplappert in ihrem Erdhügel zwar "glückliche Tage" und verkündet gleich zu Beginn: "Wieder ein himmlischer Tag." Hier hat sich jemand in seinem Elend und seiner langsam fortschreitenden Auslöschung heimisch gemacht. Doch die Detailversessenheit, mit der Beckett jede Bewegung und jede Pause vorgibt, macht auch Winnies Darstellerin zu einer Eingegrabenen. Gefangen in den Worten und Anweisungen, die im zweiten Akt, in dem Winnie bis zum Hals im Hügel steckt, noch akribischer sind, sich noch enger um die Schauspielerin legen. Natürlich bleibt ihr trotz allem noch die Freiheit der Interpretation und die Chance einer eigenen Setzung.

Unendlich erhöht, bis aufs Äußerste erniedrigt
Der Theaterkritiker Georg Hensel hat diese verborgene, dem Text abzutrotzende Möglichkeit des Freiseins einmal als "innere Geräumigkeit der Beckett-Rollen" beschrieben. In Düsseldorf schrumpft sie unter dem Blick der Kamera weiter und weiter zusammen. Mit der Technik katapultiert Stéphane Braunschweig seine Inszenierung, eine Koproduktion des Düsseldorfer Schauspielhauses mit dem von ihm geleiteten Pariser Théâtre de la Colline, in eine neue End- oder zumindest Zwischen-Zeit, in der die Körper nicht nur nach und nach ihre Funktionen verlieren, sondern auch noch ihrer Materialität beraubt werden. Darin liegt eine Brutalität, die einem schleichend bewusst wird. Die riesigen Videobilder, die angesichts der Größe des Zuschauersaals durchaus auch etwas Pragmatisches haben, verleihen Becketts Regie- und Spielanweisungen einen ungeheuren Nachdruck.

Claudia Hübbeckers Winnie ist eine gänzlich Ausgelieferte, deren Gesicht im zweiten Akt in einer extremen Großaufnahme zu sehen ist. Zurückgelassen in einer Welt, die im Wechselspiel von Wirklichkeit und deren digitaler Reproduktion die Einzelne unendlich überhöht und zugleich bis aufs Äußerste erniedrigt. Ständig wandern Hübbeckers Augen von einer Seite zur anderen. Sie leisten Widerstand gegen die Bewegungslosigkeit und das Verschwinden des Körpers. Aber die Kamera unterwirft auch sie. Auf der Bühne mag Winnie mit ihrem Blick noch Willie folgen und daraus Hoffnung schöpfen. In der isolierten Nahaufnahme, die die Welt außerhalb des Bildkaders auslöscht, geht er ins Leere.

Glückliche Tage
von Samuel Beckett
aus dem Englischen von Erika und Elmar Tophoven
Regie: Stéphane Braunschweig, Bühne: Stéphane Braunschweig und Alexandre De Dardel (Mitarbeit), Kostüme: Thibault Vancraenenbroceck, Licht: Marion Hewlett, Dramaturgie und künstlerische Mitarbeit: Astrid Schenka.
Mit: Claudia Hübbecker, Rainer Galke.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Aus einer unwirtlichen ist eine unwirkliche Landschaft geworden, aus einer Inszenierung eine Installation", so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.4.2014). Die Übersetzung in die neueste Medienwelt lasse die Figur ihre Erdung verlieren und zum Objekt eines Vorgangs werden, der sie manipuliert und noch einmal versehrt. Vielleicht habe die technische Aufrüstung auch einen pragmatischen Grund, mutmaßt Rossmann: "Auf die Große Bühne gesetzt, verdoppelt das Stück die gegenwärtige Not des Düsseldorfer Schauspielhauses: Es muss auf beiden Seiten der Rampe die Reihen füllen."

Auch Michael-Georg Müller in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (14.4.2014) ordnet die Inszenierung ins gegenwärtige Krisenszenario des Hauses ein: "Die Lotsen gehen von Bord." Hebe die "imposante, opernhafte Bühneninstallation" das Stück anfangs aus seiner deprimierenden Tristesse heraus, übermanne den Zuschauer schnell "die quälende Ruhe und Stille, in die sich nur Winnies zarte, manchmal ängstliche Stimme einnistet".

Auch Dorothee Krings in der Rheinischen Post (14.4.2014) verweist auf die Krise, allerdings nicht in ihrer Interpretation. "Das Ringen der Existenzialisten mit dem Sein ist auch nur eine Oberfläche", so deutet sie Braunschweigs Regie. "Und die ist in Auflösung begriffen. Unter dem Erdhügel schaut das Konstrukt hervor. Genauso ließe sich etwas anderes auf das Raster programmieren. Game over. Die Generation Pixel muss über das Leben nicht mehr grübeln, sie entwirft sich neue Welten." Die Doppelung per Web-Cam sei "nicht raffiniert inszeniert, aber konsequent".

Auf der Website von Deutschlandfunk schreibt Dorothea Marcus (14.4.2014), Stéphane Braunschweig spitze das "traurig-rätselhafte Stück" modern zu. Die Endzeitlandschaft erinnere hier an eine "Computer-Rastergrafik in 3D". Ausgeliefert sei Winnie aber auch an die Kamera, die in "gnadenloser Großaufnahme" jede Regung ihres Gesichts auf die Großbildleinwand projiziere. Die Hölle, das ist heute "das dauerhafte Ausgestelltsein". Braunschweig zeige, wie man "verloren gehen" kann, wenn die Welt "nur im Spiegel der Bildschirme real zu sein scheint". Claudia Hübbecker sei eine "hager-groteske" und doch immer "damenhafte und würdevolle" Winnie. Sie wirke wie ein "altes Kind", wunderbar vereine sie "clowneske und graziöse Züge, Naivität und Tapferkei"t. Rainer Galke als Willie, ist als Gegensatz dazu ein "schnaufend-kriechendes Walross in Unterwäsche".

 
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