Powergirl geht unter

von Tobias Prüwer

Dresden, 26. April 2014. Mit Gezeter auf Hebräisch beginnt der Abend. In der ersten Reihe streiten sich zwei Frauen und ein Mann. "Ich will den König sehen!": Eine trotzige Rahel in Abendgarderobe springt, von den Warnungen ihres Vaters und der Schwester ungerührt, auf die Bühne. Sie versteckt sich in einer zwischen Herrschaftszeichen in die hintere Bühnenwand vertikal eingelassenen Grünfläche. Von dort mag sie auch nicht herunterklettern, als sie entdeckt wird. Kämpferisch nennt sie den Auftritt des königlichen Gefolges Kriegspropaganda. Als das auftürmende Gestrüpp zu Boden fährt und in die Horizontale kippt – schöne Idee im insgesamt sehr ansprechenden Bühnenbild (Irina Schicketanz) – nötigt Rahel Alfonso den Schutz aller Minderheiten ab. Die Tagesschau berichtet "live" via Videoprojektion von dem königlichen Versprechen. Rahel bezirzt dann wunderbar respektlos und entwaffnend ausgelassen, Busenblitzer inklusive, den König, und beide ziehen gen Lustschloss ab. Eine Clip-Collage à la Boulevard-TV leitet schmissig in den nächsten Akt über, und von da ab ist alles anders.

Franz Grillparzers "historisches Trauerspiel" reist ins Toledo des Jahres 1195, wo sich die schöne Jüdin Rahel trotz Verbots in den königlichen Garten begibt. Dort trifft sie König Alfonso, der von Rahels Gestalt und Übermütigkeit schlagartig gefesselt ist. Als Kind bereits mit der unterkühlten Engländerin Eleonore verheiratet, erwacht nun erstmals Leidenschaft im jungen König. Er vergisst ob aller Lust und Liebelei seine Pflichten: Die Maurer bedrohen das Reich. Eleonore ruft die Stände, und man beschließt, die Fremde Rahel zu töten, um Alfonso wieder zur Staatsräson zu bringen und die Verteidigung gegen die muslimischen Eroberer zu organisieren.

Schwere Grillparzer-Sprache
Nach dem locker-spielerischen Anfang verfestigt sich Nuran David Calis' Inszenierung des Stoffs in Dresden leider zum zähflüssigen Sprechtheaterstellungskrieg, in welchem eine reichlich monotone Textwüste vor Bildern und Gesten dominiert. Nach zweieinhalb Stunden endet der Abend mit dem Eindruck, die Regiearbeit sei nicht fertig geworden.

juedin von toledo3 560 david baltzer u© David Baltzer

Offenkundig liegt das am gewundenen, nicht immer verständlichen Text. Zum konzentrierten Zuhören muss man sich zwingen, manche Vokabel hätte man gern nachgeschlagen. Emotionalität und Spannung geraten bei der einlullenden Textaufsagerei unter die Räder. Mehr als alle anderen ringt Sascha Göpel als Alfonso mit der rechten Wortintonation. Allerdings drängt sich allgemein das Gefühl auf, dass alle Schauspielenden nicht viel mit der Sprache anfangen können. Auch die anfänglich als Rahel begeisternde Sonja Beißwenger fällt in die altbacken wirkende Theatralität der anderen, als sie nach der Leichtigkeit des Powergirl-Seins großes Gefühl bei Textschwere geben soll. Die Schauspieler haben kaum eine Wahl: Jedes freiere Spiel oder Sprechen erzeugte zu große Distanz zum Text, die Inszenierung würde ins Groteske kippen. Den Ernst wollte man aber wohl unbedingt beibehalten.

Antisemitismus heute
Denn Nuran David Calis verfolgt eine politische Agenda. So verweist die Szene mit Rahel in der Grünrabatte auf jene Baumbesetzerin, die das vor einigen Wochen geräumte Berliner Flüchtlingscamp nicht aufgeben wollte. Am Schluss werden Rahels Vater und Schwester hetzerische Schilder – "Schandfleck dieser Erde" – umgehängt. Auch einen expliziten Exkurs zum heutigen Antisemitismus platziert die Regie: Nach dem ersten Akt wird eine Szene dazwischen geschoben, in der die Schauspieler vorm heruntergelassenen Eisernen Schmähzuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland vorlesen.

juedin von toledo2 560 david baltzer u© David Baltzer

Solche Bezugnahme hätte in anderer Form – etwa mittels Videoprojektion direkt ins Handlungsgeschehen hinein – vielleicht besser funktioniert. Denn gerade der Videoeinsatz überzeugt durch Durchdachtheit jenseits der Effekthascherei und schafft wunderbare Übergänge; bevor solch schöne Momente wieder im alles verschlingenden Wortbrei untergehen. In der Klammer der Trauerspiel-Texttreue verpuffen so alle dramaturgischen Ideen und Aktualisierungsversuche.

Die Jüdin von Toledo
Historisches Trauerspiel von Franz Grillparzer
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüm: Ellen Hofmann, Musik: Vivan Bhatti, Video: Sami Bill, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Sascha Göpel, Karina Plachetka, Julius Schütze / Linus Wacker, Hannelore Koch, Matthias Luckey, Tom Quaas, Laina Schwarz, Sonja Beißwenger, Max Rothbart, Lukas Mundas, Nadine Quittner.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr Jüdinnen von Toledo: Im Mai 2012 inszenierte Alexander Schilling in Wilhelmshaven eine neue Fassung des Stoffs von Kristo Sagor (hier die Nachtkritik), Rafael Sanchez griff für seine Inszenierung in Düsseldorf 2010 auf den Roman von Lion Feuchtwanger zurück; das "Original" von Grillparzer (auch eine Adaption: von Lope de Vegas "Las Paces de los Reyes y Judía de Toledo") brachte Stephan Kimmig auch 2010 auf die Bühne des Wiener Burgtheaters (Nachtkritik hier).

 

Kritikenrundschau

Auf Spiegel Online (28.4.2014) schreibt Christine Wahl: "Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Ressentiments" interessierten Nuran David Calis, selbst mit türkisch-armenisch-jüdischen Wurzeln, heute an diesem "historischen Trauerspiel". Umstandslos versetze er es in "unsere viel zitierte Mediengesellschaft". Optisch lege sich die Inszenierung "unglaublich ins Zeug". Mit "zwiespältigem" Resultat: es gelinge, Rahels und Alfonsos Beziehung glaubwürdig als "Boy-meets-girl-Geschichte" zu erzählen. Bei Grillparzers Vorlage durchaus eine Leistung – Verdienst des "unverkrampften Spiels" von Sonja Beißwenger und Sascha Göpel. Andererseits fielen der "ästhetischen Radikal-Modernisierung" "ziemlich viele Textnuancen und Handlungsaspekte" zum Opfer, die "sich auszuloten gelohnt" hätte. Die Zitate aus aktuellen Briefen an den Zentralrat der Juden wirkten wie angeklebt. "Als Hemmschwellen senkender Theatereinstieg für Jugendliche mag sich die Dresdner 'Jüdin von Toledo' eignen."

"Tatsächlich erweisen sich Anachronismen und gut gemeinte Propaganda als die hervorstechenden Züge in einer Aufführung, in der ein durchaus gut besetztes Ensemble über weite Strecken auch rein akustisch kaum zwingend agieren kann", so Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (28.4.2014). Individueller oder psychologischer Feinschliff hätten es schwer, "wo mehr oder weniger plakativ alte wie neue Vorurteile und Klischees aufeinandertreffen." Gerade zum Ende hin folgten Regie bzw. Dramaturgie treu dem Text, allerdings werde das Original "mit einer Mehr oder weniger plausibel korrespondierenden neuzeitlichen Folie überzogen", wobei "die oft sehr dominanten Videoeinspiele" kaum Gewinn brächten.

Calis gelinge "eine Inszenierung, die über weite Strecken eindringlich zeigt, wieso es eben immer noch notwendig ist, über Antisemitismus zu sprechen", meint Johanne Lemke in der Sächsischen Zeitung (28.4.2014). Er vermöge es, "Situationen in komplexe und doch verspielte Bilder zu übersetzen". Die Videos seien keine technischen Mätzchen, sondern selbstverständlich Teil der ästhetischen Idee. Allerdings stünden "dem ungewohnt unsicheren Ensemble wie Fremdkörper entgegen. Toll funktionieren die Darsteller, wenn sie einfach spielen dürfen."

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