Die Realität schlägt zurück

von Marcus Hladek

Gießen, 3. Mai 2014. Vor Beginn steht "LNASGAM LAGNASM HBEEN WIR AB" auf den Vorhang in der Bühnenmitte. Neuronesisch – paradoxerweise lesen wir den Satz trotz massiver Fehlschreibungen spontan richtig. Eine ähnliche Spielerei leisten sich Regisseur Dirk Schulz und Ausstatter Bernhard Niechotz in ihrer Philipp Löhle-Inszenierung, indem sie den Bühnenboden mit einem verzerrten Liniennetz überziehen. Das spielt, na klar, auf Einsteins Raumzeit an. Die Figur Tom (Milan Pešl) stolpert folgerichtig mehrmals über das Gravitationszentrum, bevor er schließlich darin verschwindet.

Das Netz unterstützt später auch das Spiel mit einer optischen Täuschung: Zwei schwarzweiße Häuser fahren herab und dienen als Projektionsfläche für Videos, vor allem aber, um Zuschauers Augen zu betrügen. Spätestens wenn die Drehbühne das Bodennetz rotieren lässt und die Häuser auf-, dann in Negativfarben gleich wieder abfahren, erkennen wir, dass diese bemalten Hütten ihre Räumlichkeit nur – überzeugend - vortäuschten. Solche Einfälle ersparen uns in dieser Inszenierung dankenswerterweise Löhles Großraumbüro.

Hat der gequälte Spießer eine Seele?
Vordergründig geht es in "Nullen und Einsen" (Nachtkritik zur Mainzer Uraufführung von Jan-Philipp Gloger) um den kleinen "Controller" Moritz, der unbedingt originell sein will, aber ein lahmer Spießer ist. Ein doppelter Prolog führt die Geistesgrößen Leibniz und Konrad Zuse ein, um dem Titelthema "virtuelle Datenwelt" eine Abstammung zu geben. Der zweite Prolog führt einen "Direktor" (Harald Pfeiffer) im feinen Anzug von zirka 1900 ein sowie einen glatzköpfigen Mörder, "der Bär" (Rainer Hustedt). Neuronesisch-Zueignung und doppelter Prolog? Da denkt man unvermeidlich an "Faust", was aus der Beobachtung des Protagonisten Moritz eine Wette um dessen Seele macht. Löhle fragt: Hat er eine?

Nullen 560 RolfK.Wegst u© Rolf K.Wegst

Moritz, mit schwäbischem Autorenwitz und Pfiffigkeit gespielt von Lukas Goldbach, ist Akteur in einer restlos determinierten Welt, die Bewusstsein und freien Willen nur als Illusion kennt. Was das determinierte Lebensbündel Moritz nicht wissen mag, worunter er aber leidet.

Nach der Pause nur noch acht Minuten
Löhle schaltet in seine Geschichte Intermedien ein, die aus dem Szenenspiel herausfallen: Eins handelt von den Zahlen in der Natur, von Realität und/oder Scheinhaftigkeit unserer Welt, was vordergründig an Scheinwelten von Fassbinders "Welt am Draht" bis "Matrix" erinnert: Wir alle sind nur ein Algorithmus. Das andere widerlegt kurz vor Schluss, genauer: zu Beginn der acht Minuten Spielzeit, die der Pause noch folgen, den Stücktitel. Die determinierte Welt, heißt es zum kurzen Schluss, ist auch eine Illusion, seit die Quantenphysik herausgefunden hat, dass das angebliche Eins-oder-Null in allem und jedem durch Überlagerungszustände aufgehoben ist.

Dann ist da noch das Universalienproblem. Moritz' dramatische Chance entsteht ja aus einem Unfall; der Sanitäter Jonas (Pascal Thomas) hat keinen Bock mehr auf sein altes Leben. Also stiehlt er Moritz' Ausweis und Identität nebst Kreditkarte, Job und Traumfrau Klara, als Moritz durch den Mordversuch des "Bären" im Krankenwagen gelandet ist. Diese Tat spaltet Löhles Figuren in Nominalisten und Realisten. Nominalisten sind der Arzt Beck, der Moritz und andere Figuren zum Nennwert des Namens nimmt und auch so (nach Krankenblatt) behandelt, sowie die Frauen auf Männersuche: Klara, die ewige Braut, und Jule (Rula Badeen): Alles, so ihr Prinzip ist Konstruktion – wir sind, wozu man uns macht oder wir uns machen. Eine Strandszene mit Klara und Jonas als falschem Moritz, mit passender Geräuschkulisse in der Bühnen-Sonne vor dem Spiegel, ist perfekter Ausdruck solchen Scheins.

Finale in Trockeneis-Nebel
Moritz bleibt der gnadenlose Realist, der – halb Faust, halb Hiob – nach dem Grund der Dinge fragt. Das macht ihn zur starken Figur, zuletzt aber buchstäblich auch zum kläffenden Hund an der Leine des Direktors: Löhles Pudel ist Faust, nicht Mephisto. Im Trockeneis-Nebel des Finales rächt sich die Realität an den Schwätzern. Der Betrüger Jonas: tot, Jule hüpft und springt wieder, zum Lohne dafür, dass sie das Prinzip Konstruktion abgeschüttelt hat.

All das hat Witz und Komik – unabhängig davon, ob das Publikum die benannten wie unbenannten wissenschaftlichen Untergründe aufschlüsseln will. Zusammen mit Löhles Text, der Funken aus allegorischer Gedankenschwere schlägt, produzieren das  locker-disziplinierte Gießener Ensemble und die flüssige Handschrift von Dirk Schulz eine surreale Farce auf ernstem Grund.

Nullen und Einsen
von Philipp Löhle
Regie: Dirk Schulz, Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz, Dramaturgie: Matthias Schubert. Musik: Fabian Kühnlein.
Mit: Lukas Goldbach (als Moritz Krehmer), Rainer Hustedt (der Bär), Harald Pfeiffer (der Direktor), Anne-Elise Minetti (Klara), Roman Kurtz (der Professor), Pascal Thomas (Jonas), Vincenz Türpe (Beck), Rula Badeen (Jule), Milan Pešl (Tom).
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.stadttheater-giessen.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Teil der Zuschauer verließ kopfschüttelnd vorzeitig das Haus, der andere hatte einen überaus vergnüglichen Abend", berichtet Karola Schepp in der Gießener Allgemeinen (4.5.2014). Die Absurdität des Finales sei – "neben einigen unlogischen Konstellationen in der Story" – die große Schwäche des Stücks, aus dem Regisseur Dirk Schulz mit leichter Hand das Bestmögliche heraushole. Statt tiefgreifender Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, bleibe am Ende "leider nur die schnöde Erkenntnis, dass nichts so ist wie es scheint." Aber das sei ja wohl keine wirklich neue Einsicht. Dass der Abend dennoch zu einem Genuss werde ("lange wurde im Stadttheater nicht mehr so viel gelacht"), dafür sorge neben "der einfallsreichen Regie und den durchweg mit erkennbarem Spaß agierenden Schauspielern" Bühnenbildner Bernhard Niechotz – "er jongliert im Mathematikum-Stil mit Spiegeln, optischen Täuschungen, ungewohnten Proportionen, dass es eine wahre Freude ist."

 
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