Das löchrige Wort Sehnsucht

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2014. – Sagt der Delinquent, als er am Montag zur Hinrichtung geführt wird: "Na, die Woche fängt ja gut an." Sigmund Freud schrieb über solcherlei (Galgen-)Humor, er habe etwas "Großartiges", das in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs liege: "Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind."

Das siegreich behauptete Ich der Marquise von O...

Dass Fritzi Haberlandt in der Rolle der Kleist'schen "Marquise von O ...", die Armin Petras jetzt zusammen mit Christoph Heins Novelle "Drachenblut" für das Kammertheater des Stuttgarter Staatsschauspiels bearbeitet hat, immer wieder zerstreut ins Herumalbern abdriftet, macht also durchaus Sinn, wenn man ihre prekäre Situation bedenkt: Von einem Offizier wurde sie vor der Vergewaltigung durch Kriegsschergen gerettet, dann während einer Ohnmacht von ihm selbst vergewaltigt. Sie wird ohne es zu wissen also schwanger und von der Familie verstoßen, um dann im Retter und zukünftigen Ehegatten endlich den Täter zu erkennen. Eine ausweglose Lage für eine Durchschnittsfrau zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch die Marquise lässt sich nicht brechen.

marquise von o 1 560 bettina stoess uLustgewinn im Galgenhumor: Fritzi Haberlandt als Marquise von O...
© Bettina Stöß

Kleists Figuren agieren in Grenzsituationen stets aus dem Gefühl heraus. Und das ist im Falle der Marquise ausnahmsweise mal das einzig Richtige: Sie lässt sich die beiden Kinder aus erster Ehe nicht nehmen und flieht mit ihnen vor der betonköpfigen Familie aufs Land, um dort zu sich selbst zu finden. Haberlandt improvisiert auf schräger, leerer Bühne, wie sie mit ihrem Nachwuchs in Gestalt zweier Püppchen Schlafengehen übt. Sie selbst kann trotz aller Verrenkungen keine Ruheposition finden. Alles zu unkomfortabel. Da kommt ihr selbstbewusst die Idee mit der Zeitungsannonce, in der sie den Vaters ihrer Leibesfrucht sucht.

Einheit und Zerfall der Familie

Petras lässt den dreistündigen Abend komplett auf einer leeren, quadratischen Bühnenrampe spielen, die in unterschiedliche Schräglagen gebracht wird und manchmal auch in die Horizontale. Darauf werden die gesellschaftlichen Machtverhältnisse arrangiert und choreographiert. Hier der zunächst abgewiesene fremde Offizier, der die Marquise liebt und heiraten will, aber erst am Ende ins familiäre Viererpaket integriert wird. Dort die Marquise mit Eltern und Bruder, die sich erst noch als verschworene Einheit einer vierköpfigen Bürgersfamilie präsentieren und im Chor astrein "Am Brunnen vor dem Tore" intonieren, bevor die unglaublichen Vorkommnisse sie auseinanderdriften lassen.

Petras muss und kann sich auf sein Ensemble verlassen: Der Abend bietet großartiges, am Ende bejubeltes Schauspielertheater, das dem Kleist'schen Personal jene Sprengkraft verleiht, die in der nüchternen Sprache der Prosa noch gebändigt erscheint. Ungeheuer intensiv etwa gelingt Katharina Knap die in der Bearbeitung aufgewertete Rolle des kleinen Bruders der Marquise – zunächst von stummer, wissender Melancholie, dann verzweifelnd unterwürfig als Schachfigur der Familienbelange und Prügelknabe des Vaters alias Maximilian Simonischek, der wiederum kleistgerecht das Abdriften aus der Sprachlosigkeit in Gewalt und Zerstörungswut auf den Punkt bringt.

marquise von o 2 560 bettina stoess uIm Stechschritt zum Traualtar: Cristin König, Hans Löw, Fritzi Haberlandt,
Maximilian Simonischek und Katharina Knap in "Die Marquise von O..."
© Bettina Stöß

Natürlich wirkt Kleists präzise konstruierte Novellensprache oft verkünstelt in den Mündern der Protagonisten, doch die rhythmische Dynamik und Gewalt vermittelt sich in Petras' Adaption überraschend gut, zumal mit dem Grad der spielerischen Verflüssigung durchaus jongliert wird. Spricht man gefangen in gesellschaftlichen Konventionen, dann ist man näher dran an der Originaldiktion, während sich die Marquise gerade in ihren überdreht witzelnden Tonfällen davon befreien kann. Selbst das hat am Ende Größe: Wenn sie in stolpernder Haltung ein "Was spielen wir hier eigentlich?" herausquetscht , derweil sie von der Familie und dem zukünftigen Offiziersgatten eingehakt im Stechschritt zum Traualtar geführt wird.

"Drachenblut" als Psychokrimi mit Astrid Meyerfeldt

Nach Kleist dann Christophs Heins "Drachenblut", 1982 in der DDR erschienen, ein Jahr später im Westen. Auch dies ein Frauendrama: über eine als Single lebende Ärztin im DDR-Staat, deren Leben im Klinikjob und im Plattenbau-Appartement erstarrt ist. Eine Frau, die menschliches Leid kalt lässt, selbst der gewaltsame Tod ihres Nachbarn und Geliebten (Maximilian Simonischek). Nichts kann sie aus der Bahn werfen. Ein angepasstes Leben in einem Vakuum, kontrollier- und berechenbar. Aber was sich im Original als so kalt, distanziert, herzlos liest, gerät in Astrid Meyerfeldts Rollengestaltung zum Psychokrimi. Petras hat's hier als Bearbeiter leichter gehabt, legte einfach die Ich-Erzählung Meyerfeldt in den Mund. Das Darstellerquintett der Kleist-Adaption spielt auch im "Drachenblut", hier aber weniger exponiert, sondern als Einblenden in den Monolog.

marquise von o drachenblut 3 560 bettina stoess uWut auf das betonierte Leben: Astrid Meyerfeldt und Katharina Knap (am Boden)
in "Drachenblut" © Bettina Stöß

Im leeren, einsamen Raum entfaltet sich Meyerfeldts Kunst vorzüglich. Dank feinnerviger Mimik und lebendiger und farbiger Artikulation wird die Prosa so vielschichtig, dass das Original noch um einiges gewinnt. Jetzt werden ungeheure Verletzungen fühlbar, die hinter der kühlen Fassade schlummern und rumoren, auch die Gewalt, mit der Erlebtes permanent verdrängt wird, und die stille Verzweiflung über das betonierte Leben und die Unmöglichkeit, eine einst verlorene Liebe zurückzugewinnen: ihre Jugendfreundin Katharina. Auch dass dies nicht der einzige Grund sein kann für diese erstarrte, beziehungsunfähige Existenz lässt Meyerfeldt stets aufglimmen, und hebt damit eine Schwäche der Bearbeitung wieder auf: nämlich dass der graue Alltag im Überwachungsstaat, der in der Novelle omnipräsent ist, in Stuttgart Nebensache bleibt, obwohl angenommen werden darf, dass auch er das "unbestimmte, löchrige Wort Sehnsucht" befeuerte. Ja, die Sehnsucht, jenen "Faden, der das Land zwischen uns mit einem Spinnennetz überzieht, gefühlsträchtig, an das die Einsamkeit ihre Opfer klebt, aufdornt, aufsticht, auffrisst".


Die Marquise von O... / Drachenblut
nach den Novellen von Heinrich von Kleist und Christoph Hein
für die Bühne bearbeitet von Armin Petras
Regie: Armin Petras, Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Johannes Hofmann, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Carmen Wolfram.
Mit: Fritzi Haberlandt, Katharina Knap, Cristin König, Hans Löw, Astrid Meyerfeldt, Maximilian Simonischek.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de


Mehr dazu: Auch She She Pop widmeten sich im November 2011 am Maxim Gorki Theater Berlin Der Marquise von O., Frank Castorf beschäftigte sich mit Kleists Text im März 2012 an der Volksbühne Berlin eher anekdotisch, und am Wiener Burgtheater gab es im April 2013 eine Inszenierung von Yannis Houvardas.

 
Kritikenrundschau

Über "überbordende Emotionalität", "großartige Bilder und ironische Heldenzitate" in einer "gelungen-dramatisierten Regiearbeit" am Kleist-Text berichtet Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (12.5.2014). Mit "Drachenblut" folge dann ein "eher lakonisch kühler Ton – auch inszenatorisch", die Inszenierung tendiere hier "sehr zur bloßen szenischen Lesung mit angedeuteten Spielszenen". Dennoch funktioniere das Doppel, was vor allem an den begeisternden Protagonistinnen liege.

Roland Müller von der Stuttgarter Zeitung (12.5.2014) erscheint dieser Abend: "matt und glanzlos" und "altmeisterlich". Aus "jahrelanger Erfahrung" wisse Petras, "wie man Prosastoffe effektvoll auf die Theaterbühne bringt, epische Schilderungen in dramatische Handlungen übersetzt, Romankonflikte zuspitzt und diese Konfliktessenzen mit wenigen Gesten und noch weniger Requisiten symbolisch illustriert und überhöht." Zwar gelinge es den "starken" Protagonistinnen dieser Doppelinszenierung, Haberlandt und Meyerfeldt, jeweils "das differenzierte Bild einer Frau zu entwerfen, die unter den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht minder leidet als unter sich selbst". Aber Petras "ergeht sich in Routine" – und "schon gar nicht" löse die Inszenierung "die kühne Behauptung ein, Kleist und Hein in einen subkutanen Dialog treten zu lassen."

Auch Elske Brault von der Sendung "Fazit" im Deutschlandradio (10.5.2014) hat "starke Schauspieler" erlebt und einen stärkeren ersten Teil mit der "Marquise von O...". Dem "langen inneren Monolog" von Christoph Heins Novelle "Drachenblut" fehle es "an der bühnentauglichen äußeren Dramatik (Kleist hatte Krieg, Gewalttat, Heiratsantrag, Familienfehde und eine öffentliche Fahndung per Zeitungsannonce zu bieten)". Und Heins Erzählung funktioniere "nicht ohne ihren geschichtlichen Hintergrund: Den Leserinnen 1982 in der DDR war klar, dass die Heldin in 'Drachenblut' (bzw. 'Der fremde Freund', wie die DDR-Erstveröffentlichung hieß) so gefühllos geworden ist, weil ein autoritäres politisches System sie zum Rädchen im Getriebe degradiert hat."

Kostümbildnerin Aino Laberenz sorge dafür "dass überhaupt alle beneidenswert gut angezogen sind", so lanciert Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (13.5.2014) ihre Kritik. "Es ist auch insgesamt ein gutaussehender Abend"; und Regisseur Armin Petras "übt sich dabei geradezu defensiv in gediegenem Schauspielertheater". Allerdings: "Der Übergang vom Gediegenen zum Braven ist wie meistens fließend". Die Kritikerin bekundet Sympathie für Figuren und Darstellerleistungen, aber man werde "nicht schlau daraus, wohin die Aufführung will".

"Zwei exemplarische Frauenschicksale, zwei exzellente Schauspielerinnen, im Bühnenquadrat zusammengespannt", sah Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.5.2014). Fritzi Haberlandt als Marquise sei "äußerlich zerbrechlich und innerlich stark", Astrid Meyerfeldts Claudia "äußerlich unverletzlich und innerlich verwundbar". Der erste Teil, Kleists "Die Marquise von O.", stelle "trotz gelegentlicher Stilbrüche, ein packendes, rührendes bürgerliches Trauerspiel in aristokratischen Kreisen" vor, das anschließende "Drachenblut" von Hein, werde "trotz aller Zwischentöne und Distanzlosigkeit nur ein undramatischer Monolog aus einem fernen Land."

Adrienne Braun macht in der Süddeutschen Zeitung (26.5.2014) dem Regisseur Petras die Rechnung auf: Kleists Geschichte interessiere ihn "weniger". Er bürste den Text "gehörig gegen den Strich." Kleists Sprachkonstruktionen würden mit "halblautem Alltagsgeschwätz durchmischt", Zartes "aggressiv herausgeschleudert", Satzmelodien "eingeebnet" und "harsche Pausen" in gedankliche Zusammenhänge geschlagen, die Qualitäten der Schauspieler nicht annähernd ausgeschöpft. Zwischen den Figuren entstünden "keinerlei Beziehungen". Erst im Christoph-Hein-Teil ziehe Astrid Meyerfeldt mit "einem starken Monolog das Publikum in ihren Bann". Aber auch Heins Novelle nehme Petras letztlich nur zum Anlass für "belangloses Theatergeplänkel". Er vermittele nicht annähernd, wohin die Gesellschaft diese Frau getrieben habe: "in 'endgültige Einsamkeit'."

 
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