Sehnsucht nach Selbstauslöschung

von Sascha Westphal

Moers, 15. Mai 2014. Ganz am Ende hält der irische Packer Galy Gay den Fisch in den Händen, den er zu Beginn für sich und seine Frau kaufen wollte. Nur ist er zu diesem Zeitpunkt längst kein Arbeiter im Hafen von Kilkoa mehr, und seine Frau hat er auch gänzlich aus den Augen verloren. Nicht einmal sein Name ist ihm geblieben. Dafür steht er nun als Soldat der britischen Armee an vorderster Front im tibetanischen Krieg und führt den Namen Jeraiah Jip. Aus dem Mann, der nicht "nein" sagen konnte, ist eine Kampfmaschine geworden.

... wie ein Auto ummontiert

Aber was bedeutet das schon. Wie heißt es schließlich in dem das Geschehen kommentierenden Zwischenspruch, den Philipp Preuss dem Abend quasi als Motto voranstellt: "Herr Bertolt Brecht behauptet: Mann ist Mann. / Und das ist etwas, was jeder behaupten kann. [...] Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert / Ohne dass er irgendetwas dabei verliert."

mannistmann2 560 jakob studnar uSuchbild mit Soldaten © Jakob Studnar

Nein, dieser Galy Gay verliert tatsächlich nichts, zumindest nichts, was ihm etwas bedeuten würde. Und ganz nebenbei, er selbst bedeutet schließlich auch niemandem etwas, schon gar nicht seiner von Patrick Dollas gespielten Frau, die sich kaum aufraffen kann, ihm auf seine Fragen wegen des Fischs zu antworten. Dass er dann doch noch zu seinem Fisch kommt, ist der letzte bittere Scherz einer Inszenierung, die eben nicht davon erzählt, wie ein Mensch gleich einem Auto ummontiert wird. An solche Prozesse mag der Dialektiker Bertolt Brecht in den 1920er Jahren noch geglaubt haben. Fast neunzig Jahre später ist ein derart mechanistisches Welt- und Menschbild längst passé.

In einer Zeit, in der das Virtuelle sich mehr und mehr vor das Reale schiebt, ist das Konzept von Identität, das schon Brecht in Frage gestellt hat, endgültig brüchig geworden. Mann ist Mann, und Frau ist Mann, und Mann ist Frau. Also wird Galy Gay in Philipp Preuss' nur sanft aktualisierter, aber deutlich skelettierter Inszenierung von Marieke Kregel verkörpert. Ein angeklebter Schnurrbart, aufgemalte Bartstoppel und ein gerade in Stressmomenten verstärkt auftretender Sprachfehler reichen der Schauspielerin, um sich die Identität des Packers perfekt anzueignen. Jeder kann jeder sein. Später wird sie als Kampfmaschine Jeraiah Jip den Sprachfehler dann weitgehend ablegen. Der schüchterne Ja-Sager war eben nur ein momentanes Ich, das gleich dem nächsten weichen muss.

Quälendes Verharren

Dabei hatte Galy Gay bei Preuss durchaus die Chance, sein altes Leben zu behalten und den drei von Frank Wickermann, Patrick Dollas und Matthias Heße verkörperten britischen Soldaten zu entkommen, die ihn als Ersatz für ihren bei einem versuchten Raubzug verloren gegangenen Kameraden brauchen. Marieke Kregel steht in diesem Moment vorne auf der Bühne und wiederholt immer die gleichen Sätze, dass sie gehen könnte, aber vielleicht doch noch gebraucht wird. Währenddessen gehen die anderen im Hintergrund wieder und wieder von rechts nach links und von links nach rechts. Jedes Mal blicken sie kopfschüttelnd und voller Verachtung zu Gay und stöhnen merklich auf. Er soll endlich verschwinden. Doch dazu kann er sich einfach nicht durchringen.

mannistmann1 560 jakob studnar uWer ist Mann? Marieke Kregel ist Galy Gay und wird Jeraiah Jip. © Jakob Studnar

Dieses sinnlose Verharren ist zunächst nur ein grandioser komödiantischer Moment. Doch je länger er währt, desto quälender und bitterer wird er. Der Witz wendet sich schließlich gegen jeden, der sich gegen die Behauptung "Mann ist Mann" sträubt. Etwas Abgründiges liegt in Marieke Kregels Augen, während sie ganz sanft, fast schon zart ihre sich gleich einem Mantra wiederholenden Sätze spricht. Ihr Galy Gay will seine Identität loswerden und sein bisheriges Leben verlieren. Ein Einzelner zu sein, selbst wenn dieser Einzelne alles bejaht, ist Arbeit und damit anstrengend. Und so liegt in Marieke Kregels Blick eine seltsame Gier, die später, wenn die Soldaten Galy mit einem falschen Geschäft locken, noch einmal aufblitzen wird.

Freiheit als Mitläufer

Es ist nicht nur die Gier nach Geld, es ist vielmehr eine Sehnsucht nach Selbstauslöschung. Und die kann die Armee auf jeden Fall erfüllen. Davon zeugen schon Ramallah Aubrechts Bühnenbild und Kostüme. Zu den Seiten und nach hinten wird die kleine Bühne des Schlosstheaters von Vorhängen begrenzt, auf die in Schwarzweiß Bilder einer Moerser Hecke gedruckt wurden. Die gleichen Bilder zieren auch die Tarnanzüge der Soldaten, die so tatsächlich mit ihrer Umgebung verschmelzen können.

Identität und Individualität sind den Menschen nichts als eine Last. Das ist die böse Leere, die Preuss aus Brecht zieht. Nicht einmal Marissa Möllers Witwe Begbick, die in ihrem von silbernen Fäden durchwobenen Kleid, mit ihren lasziven Bewegungen, mit ihrer mal einschmeichelnden und mal in schrille Höhen erhebenden Singstimme wie ein Fels in der Brandung der Gleichheit wirkt, bleibt am Ende verschont. Auch sie hüllt sich in einen, wenn auch recht extravaganten Tarnmantel. Die Freiheit der Mitläufer.

 

Mann ist Mann
von Bertolt Brecht
Musik von Paul Dessau für die Aufführung bearbeitet von Kornelius Heidebrecht
Regie: Philipp Preuss, Ausstattung: Ramallah Aubrecht, Dramaturgie: Nicole Nikutowski. Mit: Marieke Kregel, Frank Wickermann, Patrick Dollas, Matthias Heße, Marissa Möller.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schlosstheater-moers.de

 

Kritikenrundschau

Im WAZ-Onlineportal Der Westen (17.5.2014) schreibt Karen Kliem: "Dass sich Unterhaltung und Haltung nicht ausschließen, hat Bertolt Brecht vorgegeben, Preuss dreht es noch ein bisschen weiter." Was es mit Menschen mache, wenn Kampfmaschinen Krieg spielten, das führe das Stück "mit Folterszenen und obszönen Gesten, die wir aus Guantanamo kennen" vor Augen. "Nein, diese Aufführung verliert ihren Ernst keineswegs. Er ist halt nur gut getarnt."

Preuss setze in seiner Brecht-Interpretation auf Effekte, so Anja Katzke in der Rheinischen Post (17.5.2014). "Er baut im Schloss nicht nur eine beachtliche Klang-Kulisse auf, sondern spielt auch auf der visuellen Ebene mit den Möglichkeiten", was wirke "wie aus einem erfrischend jungen Videoclip". Statt Auf Psychologisierung setze Preuss "auf Ironie und Situationskomik. Er legt die Figuren wie Karikaturen an - mit schneller Feder gezeichnet."

Kommentar schreiben