Kommissar Zufall kombiniert

von Claude Bühler

Zürich, 15. Mai 2014. Es ist keine Schande, an der Umsetzung von Friedrich Glausers Roman von 1936 zu scheitern. Das passierte schon Leopold Lindtberg mit der bekanntesten Verfilmung von 1946, trotz seines Hauptdarstellers Heinrich Gretler, der das Bild des Wachtmeister Jakob Studer mit Brissago-Stumpen, vertrauenerweckender Basstimme und Studers Lieblingsausdruck "Chabis" (deutsch: Kohlkopf, Blödsinn) etwa so stark prägte, wie Marlon Brando das des Kowalski in "Endstation Sehnsucht" von Elia Kazan. Vom Zürcher Ensemblemitglied Michael Neuenschwander, mit Wilhelm-Tell-Bart, schwarzem Ledermantel und fettigem Haar, kann man sagen, er habe es mit "Chabis" und anderen berndeutschen Einsprengseln nicht schlecht gemacht, den Fahnder solid vorgestellt.

Krimi oder Zustandsbeschreibung?

Das Problem im Zürcher Schauspielhaus ist auch nicht Neuenschwander, sondern dass Regisseur Sebastian Nübling sich nicht entschieden hat, uns entweder die Vorgänge in damaliger (oder heutiger) Psychiatrie nahezubringen oder doch den Akzent auf den verwirrenden "Who-done-it"-Krimi zu legen und Studer in die Gänge der Irrenanstalt Randlingen zu schicken, um ihn dort Mord, Diebstähle und Anstaltsflucht aufklären zu lassen. Der Abend zeigt beides, aber beides nur aus der Distanz des Zitats.

mattoregiert1h 280 matthiashorn uJirka Zett als Dr. Blumenstein
© Matthias Horn
Das bestimmende Bild der Aufführung bleibt der Studer, der vorne an der Rampe langfädig seine Kombinationen ausbreitet, wer jetzt wohl den Anstaltsdirektor Ulrich Borstli (Michael Ragazzi) mit dem Telefonanruf vom Anstalts-Fest weg in die tödliche Falle gelockt habe, während im Hintergrund, in den schwarzen, kahlen Bühnenwänden des Pfauen, die Patienten und die Ärzte gemeinsam den Wachtmeister belauern. Sie rufen dazwischen, bewegen sich wie als Wolke von rechts nach links, sitzen im Halbrund ironisch grinsend da oder bringen tänzelnd und "Sentimental Journey" singend in einer für eine Irrenanstalt aufreizenden Aufgeräumtheit die berühmten Landi-Stühle von 1939 in neue Anordnungen.

Dabei muss Neuenschwander vorne viel Textmasse loswerden, was auf Dauer zäh wirkt, auch wenn er gewisse Handlungsabläufe mit den jeweiligen Figuren wie dem Pfleger Gilgen (Tim Porath), dem Abteilungschef Jutzeler (Claudius Körber) oder dem Portier Dreyer (Lukas Holzhausen) nachstellen lässt. Ob Glausers komplex aufgebauter Krimi mit eingewobenem Vater-Sohn-Drama überhaupt als Bühnenstoff taugt, wenn wie hier jede Windung immer bereits vergangener Vorgänge nacherzählt wird? In der Form: Nein.

Tableaus, Teint und Tobsucht

Eindrücklich gelingt es Nübling aber, das Reich des Anstalts-Dämons Matto als ein unheimliches und auch das Auditorium umfassendes Räderwerk darzustellen, nach dessen Regie ohne erkennbaren äußeren Anlass Figuren auftauchen und verschwinden, Lichter aufflammen und ausgehen, Geräusche anheben und Echos verklingen. Mit stehenden Tönen, statischen Figuren, herumstehenden Stühlen schafft er Tableaus, die der Zeitlinie des Krimis entrissen scheinen. Vor Beginn sind alle im Saal in ein gelbes Licht getaucht, das einen schwarzgrauen Teint hervorruft, als wäre man in einem Totenreich.

Zur großen Lachnummer wird der Auftritt des Patienten Schmocker (Jean-Pierre Cornu), der den gescheiterten Bundesratsattentäter als aktuellen SVP-Wutbürger darstellt. Die Landesregierung sei eine Bedrohung für die Unabhängigkeit des Landes geworden, räsoniert er. Vor den Bundesratsbildnissen auf Kaffeerahmdeckeln gerät er in Tobsuchtsanfälle bis ihn ein Pfleger in eine Zuschauerreihe sperrt.

mattoregiert3 560 matthiashorn uKombiniere, kombiniere! Michael Neuenschwander © Matthias Horn

Blass dagegen ist das stellvertretende Direktoren-Ehepaar Laduner konzipiert. Susanne-Marie Wrage gibt die kokette, akademische Anstalts-Domina in weißer Schürze. Bald ist die Schablone bei aller Versiertheit Wrages aber verbraucht. Klaus Brömmelmeier muss als Ernst Laduner auf das "Ge-wiss" oder das Maskenlächeln, mit dem ihn Glauser als spitzen, selbstgewissen Analytiker zeichnet, verzichten. Dass er mit seinem Stellungsspiel dem intuitiven Studer immer eine Nasenlänge voraus ist, sieht man, aber Studers Aufklärungs-Wettlauf gegen den Intellektuellen erlebt man nicht, zu wenig ausgeformt ist Laduner, zu getrennt sind ihre Welten inszeniert. Im Roman spürt man bei der endlichen Niederlage Studers die Scharniere seines Wirklichkeitsbildes knacken: hier fadet die Vorstellung einfach aus.

Insgesamt ist Nübling aber doch ehrenvoll gescheitert. Erstaunlich viele Reizmomente des Romans hat er auf die Bühne gebracht, und damit atmosphärisch dichte Szenen geschaffen. Für die innerliche Aufgerissenheit, aus der Glauser erzählt, blieb die Aufführung aber zu sehr Formenspiel. Friedrich Glauser hatte in der Irrenanstalt Münsingen vier Jahre zugebracht.

 

Matto regiert
Nach dem Roman von Friedrich Glauser
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Jan Bluthardt, Klaus Brömmelmeier, Jean-Pierre Cornu, Lukas Holzhausen, Claudius Körber, Lisa-Katrina Mayer, Michael Neuenschwander, Tim Porath, Michael Ragazzi, Susanne-Marie Wrage, Jirka Zett.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (17.5.2014) tut  "reichlich Goodwill not", um der Handlung des Abends folgen zu können. Einerseits bemühe sich die Regie um brave Nacherzählung, anderseits sollen ihrer Einschätzung zufolge "Nübling-typische Abstraktionen für theatralische Dynamik sorgen: Choreografie und Chor, Turnübungen und Musikeinlagen". Nübling ziele trotz Kriegsanspielungen "mit dem Zaunpfahl" immer "auch auf unsere Gegenwart und ihre Isolationstendenzen". Muriel Gerstners leere Bühne umrahme "ein klinisch weisses Portal, hinter dem sich dann und wann lauschende Insassen herumdrücken". Die Message ist der Kritikerin bald klar, der Rest wirkt "wie variationenreiche Dekoration" auf sie. Die "aufsummierten Details" erzeugen aus ihrer Sicht kein Ganzes – "und schon gar keine Krimi-Spannung."

Während Cornelie Ueding in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandfunk (17.5.2014) noch rätselt, ob einer der auffälligsten Anstaltsinsassen zu Unrecht kaserniert oder der schlimmste Fall von allen ist, "nistet er sich im Zuschauerraum ein und macht sich dort durch ebenso renitente wie komische Zwischenrufe beliebt". Auch die Zuschauer, daran lässt die Aufführung aus Sicht dieser Kritikerin keinen Zweifel, "sind Teil dieses Anstaltssystems". Nübling verdeutliche u.a. das Verfließen der Grenzen zwischen Opfern und Komplzenen des Systems mit ausgeklügelten Doppelbesetzungen.

Den Romanstoff auf die Bühne zu holen, ist aus Sicht von Kaa Linder im Schweizer Sender SRF (16.5.2014) ein nachvollziehbares Unterfangen, "wimmelt es doch in Glausers Geschichte von vierschrötigen Figuren. Beim Transfer der Geschichte ins Theater werde jedoch der Bogen der Erzählung bewusst aussen vor gelassen, was sich in Linders Augen als Problem des langen Abends entpuppt. Mag die Spannung auch riesig sein, schreibt sie, die sich unter Studers Schädeldecke in ermittlerischer Trance anstaue. Sie bleibe jedoch dort seltsam gefangen. 'Matto', "dieser unheimliche Geist, der gelegentlich in jedem Kopf herumspukt und sich nicht mit dem Bösen oder Kranken schlechthin definieren lässt, er weht in dieser Inszenierung selten durch die Ränge."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.5.2014) schreibt Martin Halter, "Pfleger und Portiers, Patienten und Psychiater sind in Sebastian Nüblings Inszenierung kaum voneinander zu unterscheiden". So wie für Glauser der Plot nicht das Wichtigste gewesen sei, schleppe sich der kriminalistische Plot auch bei Nübling zäh dahin. "Dafür wird die düstere Atmosphäre von Paranoia, Schizophrenie und ärztlicher Grausamkeit meisterhaft in Dialoge, Geräusche und Bilder übersetzt."

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