Vom Lechzen nach Liebe und Geld

von Nikolaus Merck

Berlin, 16. Mai 2014. Am Anfang gibt es Apfelschnitze und ein altspanisches Schlaflied. Am Ende liegt ein einsamer Revolver auf dem Stuhl. Der Revolver ist aus der Requisite, das Lied von Emanuel Geibel. Aber eigentlich tut das nichts zur Sache. Zwischen Apfelschnitz und Revolver indes ereignet sich im Deutschen Theater Beachtliches. Ist das hier wirklich noch dasselbe wohltemperierte, wohlmeinende Ensemble, dem man immerzu alles Gute wünscht, aber nie ein Wort, eine Absicht, eine Haltung zu glauben=abzunehmen imstande ist?

Unter der Decke rumort der Kapitalismus

Diesmal spielt man am Deutschen Theater "Wassa Schelesnowa". Von Maxim Gorki. 1910. Aber eigentlich ist die Aufführung sprachlich und plotmäßig eher zurechtimprovisiert. Die Aufgabe: erzähle mit einer ollen Familienkamelle, in der der sterbende Kapitalismus unter der Decke rumort, eine Geschichte von heute. Wo der sterbende Kapitalismus jeden Tag fröhlich totalitäre Urständ feiert. Von einem Familienunternehmen, das Muttern führt, weil Vaddern, der alte Kapitalist, an seinen Sünden und Hurereien langsam im Hinterzimmer krepiert, was zwei Akte lang dauert. Von einer "dysfunktionalen" Familie, mit tepperten Söhnen, verstoßener Tochter, rachsüchtig-habgierig-hurenböckischem Schwager, romantisch-revolutionärer Schwiegertochter Nr. 1 und lebensgieriger Schwiegertochter Nr. 2. Kurz: von einer ganz normalen Bürgerfamilie, in der die Liebe durch die Firmenkasse geht, diese Firmenkasse aber leider wegen Oligopolen und dem entsprechenden Konkurrenzdruck auf kleine Familienunternehmen beklagenswert leer ist. Dabei kommt heraus: ein aktualisierter Klassiker. In Stahlrohrgestänge (Katja Hass) und aktweiser Unterwäschen-/Rock-und-Pullover-/Trauerklammotten-Kostümierung (Anja Rabes).

wassa 9379-280 arno declair xWassa (Corinna Harfouch) und Pawel
(Alexander Khuon) © Arno Declair

Liebesbedürftige und Zukurzgekommene

Nun... zum Beachtlichen. Es ist korrekt, wenn das Theater Zeitgenossenschaft sucht. Wie kann es das erreichen? Unter anderem, indem es die Figuren, wenn schon Figuren gespielt werden, ernst nimmt. Spielleiter Stephan Kimmig und seine Leute nehmen die Figuren ernst. Das bedeutet zum Beispiel: Sohn Pawel, den Alexander Khuon gibt, ist am Anfang völlig gaga. Er sabbert und brabbelt vor sich hin, er sei ein Schiff, das durch Eis ... und solches Zeug. Was ihn aber nicht daran hindert, Mutter und Eheweib und Onkel brutalst zu bedrängen und dabei dennoch den Liebesbedürftigen, Zukurzgekommenen, Bemitleidenswerten nicht nur im Knopfloch zu tragen.

Desgleichen Christoph Franken als der zweite Bruder Semjon. Gemeinsam mit Pawel eine rechte Skorpionenbrut, die Mutters Assistenten Alexander (in Vertretung von Gorkis Dienstmägden: Marcel Kohler, beachtlich) zusammenschlägt, Schwester Anna um den Esstisch jagt, wenn sie in Verdacht gerät, das Familienerbe zu erschleichen. Und doch gelingt es auch Franken, am Ende, wenn er mit gespitztem Kussmund um die Liebe der sich vor ihrer Ausgeburt ekelnden Mutter Wassa bettelt, als armer Junge, den man trösten möchte, vor den Herzen des Publikums zu erscheinen.

Selbst Bernd Stempel als steifstöckiger Verwalter Michailo macht als vergeblich liebender Ljudmilla-Vater Punkte. Und Michael Goldberg, obwohl er sich über Kratzer im Autolack beschweren muss und nicht mehr wie bei Gorki über getötete Tauben, steht am Ende alleine im Regen seiner unglücklichen Liebe zu Verwaltertochter und schaut nicht nur wie gewöhnlich auf diesem Theater übermüdet, sondern geradezu verloren und deshalb sehr menschlich drein. Bevor er erschlagen wird, weil er die Orgasmen mit Pawels Frau Ljudmilla als Morphium für seine Herzkrankheit gefeiert hatte.

wassa3 560 arnodeclair u 0161Wassa Schelsnowa (Corinna Harfouch), Tochter Anna (Franziska Machens), Sohn Pawel (Alexander
Khuon) und Sohn Semjon (Christoph Franken). © Arno Declair

Aber wie es, ungewöhnlich genug, ein Abend der Männer ist im Deutschen Theater, ist es auch ein Abend der Frauen. Wundersam, verrückt und tränenumflort somnambul gibt Katharina Marie Schubert Schwiegertochter Nr. 2, Michailos, also Stempels, Tochter Ljudmilla, die zugleich knüppelhart ihrem Mann Pawel jede Zärtlichkeit verweigert ("Meine Haut würde ich Dir gerne da lassen, wenn ich nur weg könnte"). Als revoluzzendes und ihren Kerl Semjon mit Klauen verteidigendes Springteufelchen Natalja, Schwiegertochter Nr. 1, sorgt Lisa Hrdina für den comic relief. Mit ihrem Auftrittsmotz "Gibt's keine Eier?" sollte sie sich für tragende Rollen in "Fuck ju Goethe" 2 bis 17 aufgedrängt haben. Nur Franziska Machens als Tochter und Erbin Anna, genauso verschlagen und berechnend wie Mamma Wassa, bleibt in ihrer lispeligen, die Arme vor der Brust verschränkenden Zurückhaltung ein wenig blasser.

Aber nicht nur der Schauspielkunst halber ragt dieser Abend aus dem derzeitigen deutschtheatrigen Einheitsbrei heraus. Spielleiter Kimmig führt die Sache straff mit einem guten Gefühl für Tempo und Zuspitzung. Wenn die bösen Buben Khuon und Franken explodieren und nach Blut und Moneten lechzen, kann's einem identifikationssüchtigen Zuschauerherzen recht blümerant werden im Parkettsitz.

Die Liebe aus der Seele schneiden

Und natürlich ... natürlich ist da, wir haben's, der geneigte Leser ahnt' es schon, rezensionsdramaturgisch aufgespart bis zuletzt, die Diva Corinna Harfouch als Wassa. Harfouch ist die Seele und das Zentrum, Harfouch hält den Laden zusammen. Kraft ihrer Präsenz. Nüchtern, zurückgenommen, mit kleinen Zeichen der Sache Fahrt und Richtung gebend. Recht eigentlich etabliert sie eine Natürlichkeitsspielweise bereits zu Beginn, wenn sie in aller Ruhe einen Teebeutel aufbrüht, woraus dann ihre Hass-Liebes-Not zum Sohne umso mehr sich beglaubigt, wenn sie Sohn Pawel verzweifelt davon abzuhalten versucht, das gesamte Familiengeschirr zu zerdeppern.

Harfouch bebt innerlich und zeigt es außen, Harfouch kommandiert und Harfouch liebt, Harfouch kämpft um "ihren", also Wassas Besitz, den sie schließlich mit Tricks vor den untauglichen Söhnen in Sicherheit bringt, und Harfouch zeigt, dass sie sich die Liebe zur Familie aus der Seele schneiden muss, will sie die Firma behalten, die wiederum den Kitt abgeben soll, den Rest, allerdings den von Wassa selbst auserwählten Rest der Familie, Anna und Ljudmilla und sie selbst, zusammenzuhalten. Man könnte auch sagen, die Weise, wie die kapitalistischen Gesetze "in der Familie privatisiert werden" (Programmheft), gewinnt in Corinna Harfouchs Darstellung der Familienunternehmerin Wassa Schelesnowa eine vorbildliche Gestalt. Großer Jubel und Chapeau.

 

Wassa Shelesnowa
von Maxim Gorki
Fassung von Sonja Anders unter Zugrundlegung einer Linearübersetzung von Maiko Miske.
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Corinna Harfouch, Franziska Machens, Christoph Franken, Alexander Khuon, Lisa Hrdina, Katharina Marie Schubert, Michael Goldberg, Bernd Stempel, Marcel Kohler.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"So weinerlich und selbstgerecht, wie die vermeintliche Erbengeneration hier zwischen Designermobiliar abhängt, kann man sich nur wundern, dass Wassa nicht noch öfter mit Handtüchern und anderen Gebrauchsgegenständen zuschlägt", bedauert Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (18.5.2014), die die Figuren eher schlicht gezeichnet findet. Denn eigentlich treffe der von Kimmig in herausgearbeitete Konflikt zwischen elterlicher Macher- und kindlicher Gratismentalität ja einen empfindlichen Gegenwartspunkt: "Die ewigen Töchter und Söhne, die in Papas Eigentumswohnung leben und sich von seinem Geld hippe Galeristenkarrieren leisten, um dann mit kapitalismuskritischer Kunst gegen die moralisch fragwürdigen Eltern rebellieren, sind nicht nur in Berlin-Mitte ein Massenphänomen." Dass der Konflikt aber "in plakativen, dem Gorki-Text aufgepfropften Vorabendseriensätzen à la 'Was seid ihr denn für eine Generation; kein Kampfgeist, keine Visionen, nichts!' vergegenwärtigt wird", macht ihn aus Sicht dieser Kritikerin eher klein.

Es sei "ein Abend der großen Darsteller, doch die Harfouch überragt sie alle", so Kathrin Pauly in der Berliner Morgenpost (18.5.2014) wesentlich begeisterter. Kimmig habe die Geschichte "klar konturiert, er hat überzeugend modernisiert und alle Figuren scharf herausgearbeitet". Zwar gebe es "arg überzeichnete Szenen", dennoch sei der Abend ein "handwerklich extrem präziser Abend"  geworden, der zudem mit einem überraschenden Schluss aufwarte.

Begeisterung auch bei Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (19.5.2014) über den "sehr streitbaren und ungemein aufschlussreichen Abend", Theater, "das dem schnellen Blick schlichter Gemüter nach plumper Fernsehdramatik aussehen mag, nach einem Realismus, der auch mir oft wie die schiere Verdopplung einer schlechten Wirklichkeit vorkam (...). Diesmal aber ist es psychologischer Realismus schärfsten Wassers, kein weich gezeichnetes Gegenwartsaquarell, sondern ein Kupferstich, spitz und beißend." Kimmig zeige Figuren, deren Bewusstseinshaushalte nicht mit ihrem Wissensstand Schritt halte. "Man sieht es an ihren Gängen, an den Blicken, den Verkrampfungen der Finger."

Not amused hingegen Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.5.2014): So "lust- und freudlos und, man muss es sagen, so hirnlos inszeniert, so völlig unüberzeugend gezeichnet war wohl selten eine Wassa", die bei Kimmig "auf eine banale heutige Mittelstandstussi reduziert" werde. Corinna Harfouch nehme man weder die verzweifelte Mutter ab noch die emanzipierte Chefin. "In dieser fehlkalkulierten Aufführung genügt das freilich, dass sie wie ein schwarzes Loch, das der Regisseur sich selbst (und dem armen Gorki) gegraben hat, alle Energie in ihrem Umfeld vernichtet, weshalb die anderen Schauspieler fad und farblos bleiben."

Kimming straffe und modernisiere das Stück, so Christiane Rösinger in der tageszeitung (19.52014). Das Umgangssprachliche wirke jedoch hölzern und bemüht, die Absurditäten des Originaltextes gingen verloren. Auch der Schluss bleibe "seltsam unentschlossen".

Aus Sicht von Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (20.5.2014) schwebt die intendierte politische Aussage der Inszenierung im Ungefähren. Doch übrig bleibe "eine packende Sozialstudie über eine vom Geld zerfressene Familie. Und das Psychogramm einer Frau, die sich mit Härte in einer Männerwelt behaupten will."

"Kimmigs Inszenierung begreift Gorki als einen Propheten, der unsere Verhältnisse hell vorgezeichnet hat", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (22.5.2014). "Aber er löscht den gesellschaftlichen Hintergrund von damals." Wassa sei, in der Darstellung von Corinna Harfouch, eine moderne Frau mit den kurzen Geduldsfäden von heute, "sie erträgt nicht die verschlafene Egozentrik ihrer Kinder, welche, terroristische Dauerinsassen von 'Hotel Mama', verkatert aus ihren Löchern kriechen – untüchtige, verwöhnte Pyjamagestalten."
Rabiat würden "die semantischen Schonbezüge von den Zusammenhängen gerissen", und man sehe, "was darunter liegt: die nackte Gier von heute". Wie auch Michael Thalheimer mit seiner Frankfurter Ibsen-Inszenierung Nora, die Kümmel mit "Wassa" zusammen bespricht, sei Kimmig in die Theatervergangenheit aufgebrochen und hätte nichts gefunden, was zu verteidigen sich lohnte. "Beiden Inszenierungen ist anzusehen, dass die Regisseure die Schuld daran nicht bei sich selbst suchen."

Matthias Heine schreibt in der Welt (25.5.2014), die Konzeption sei, dass "die Familienbeziehungen und überhaupt die Sphäre des Privaten in den letzten 100 Jahren noch weiter ökonomisiert worden sind als sie es – nach Gorkis Darstellung – schon damals waren." Trotz dieses "Programmbuchstusses" könne man die Aufführung "streckenweise mit staunend offenem Mund genießen". Corinna Harfouch dominiere, "andere Schauspielhöchstleistungen ergäben sich fast immer in direkter Konfrontation mit ihr". Sie schaffe es, diesen "verzweifelten Mutterdragoner unaufdringlich als Liebesuchende ein bisschen sympathisch zu machen". Wenn Wassa am Ende gewahr werde, dass ihre Machenschaften wirkungslos waren, gelinge es Harfouch vor den Augen des Publikums "um zehn Jahre zu altern". Um diese "Wassa Harfouchowa" herum: lauter Schauspieler, die "heller leuchten als sonst meist im Alltagsgeschäft des Deutschen Theater üblich". Regisseur Kimmig erweise sich als der einzige Stammregisseur des DT, der "Verlässlichkeit und Innovation einigermaßen zuverlässig auszubalancieren" in der Lage sei.

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