Im Dazwischen

von Harald Raab

Baden-Baden, 16. Mai 2014.  Üppige Blumenpracht im Kurpark. Diskreter Charme der betuchteren und vorwiegend älteren Bourgeoisie. Nostalgische Erinnerungen allenthalben. Das schmucke, kleine Gründerzeit-Theater, Miniatur-Kopie der Pariser Oper, gleich neben dem Spielcasino, ist genau der richtige Ort für ein Experiment: in memoriam 1. Weltkrieg. Hier, wo man sich französischem Savoir Vivre verbunden fühlt und deutsche Bürgerbehaglichkeit nicht missen mag, wird an links- und auch ein bisschen rechtsrheinische  Zerrissenheit erinnert und damit auch an den Unsinn nationaler Zugehörigkeiten. Sie wurden den Menschen aufgezwungen, die doch nur gut und in Frieden leben wollten.

Belle Époque auf dem Lande

Gesprochen wird Deutsch und ein bisschen Französisch in René Schickeles Seelen-, Gesellschafts- und Nationalitätendrama "Hans im Schnakenloch". Vor 100 Jahren geschrieben, zu Beginn des 1. Weltkriegs, von französischer Seite als deutsches Propaganda-Stück beargwöhnt, von der deutschen Obrigkeit als franzosenfreundlich verboten. Mittendrin saßen die Elsässer, von denen René Schickele einer war, Mutter Französin, Vater Deutscher. Jetzt sollte man sich plötzlich nur noch zu einer Nation bekennen, im Klartext: die richtige Uniform anziehen und für ein Vaterland kämpfen, obwohl man ja auch ein Mutterland hat, es liebt. Daheimsein, das war den Elsässern das Dazwischen. Diese Haltung galt nun plötzlich als Vaterlandsverrat.

hansimschnakenloch 560 jochenklenk uElsässische Vorkriegsidylle mit Hausmusik. @ Jochen Klenk

Expressionistisch oder naturalistisch – auch so eine Entscheidung, die der Regie von Ingo Putz und Boris Brandner abverlangt wird. Sie bedienen sich in einem schlüssigen Balance-Akt beider Elemente und weichen streckenweise auf Volksstück-Charakter aus. Belle Époque auf dem Lande mit einem Schuss neue Sachlichkeit suggerieren Bühnenbild und Kostüme von Ulrike Melnik. Enge allenthalben, umstellt von einer Fototapete aus dichtem Pflanzengewirr.

Krieg als Richtung und Lebenssinn

Als Leitmotiv ertönt der Spottvers: "Der Hans im Schnakenloch / hat alles, was er will. / Und was er will, / das hat er nicht, / Und was er hat, / das will er nicht. / Der Hans im Schnakenloch / hat alles, was er will." Hans Boulanger ist in Charakter und impulsivem Handeln dieses elsässische Zwitterwesen: Er ist Besitzer des Gutshofs Schnakenloch, will aber Freiheit, liebt eine Französin und gleichzeitig seine deutsche Frau Klär. Und weil er den preußischen Militarismus samt seiner hoch effizienten Kriegsmaschine nicht mag, entscheidet er sich zuletzt für das bedrängte Frankreich. Max Ruhbaum, im weißen Anzug, verleiht dieser doppelbödigen Existenz Konturen, gebeutelt von gleich mehreren Identitäten: dem Mannsbild, das sich ausleben will und gleichzeitig aufs traute Heim nicht verzichten mag. Doch der Krieg verlangt auch von ihm, einen Standpunkt zu beziehen. Töten und Sterben dulden kein Sowohl-als-auch.

Auf der anderen Seite sein Bruder Balthasar. Der weiß wo er hingehört und tut als deutscher Leutnant das, was er für seine Pflicht hält. Tobias Graupner stellt diese Figur als den stets zu kurz Gekommenen vor. Der Krieg gibt ihm Richtung und Lebenssinn. Er, der Korrekte, Bodenständige, hätte gern das Familiengut und die Ehefrau des Bruders obendrein. Die aber liebt ihren Gatten. Tina Wilhelm gestaltet Klär einerseits als starke Frau, andererseits definiert sie sie über Hingabe bis zur Selbstaufgabe, sieht im Leiden ihre Bestimmung und in der Nebenbuhlerin Louise die attraktivere, weltgewandte Frau. Diese Rolle hat ebenfalls Tina Wilhelm übernommen und fordert in einem ausgezeichneten Französisch gleichermaßen die Liebe von Hans ein.

Tragfähige persönliche Psychogramme

Das Regiekonzept, aber auch die Leistungen der Schauspieler und Schauspielerinnen widerstehen den sich bei diesem Thema anbietenden Rollenklischees des in der Hochzeit des Expressionismus entstandenen Stücks. Selbst Typen wie Preußen-Leutnant Starkfuß (Fritz Peter Schmiedle), Oberlehrer Dimpfel (Florian Kroop) und  Abbé Schmitt (Mattes Herre) verharren nicht in der bloßen Karikatur. Es werden in starken, eindringlichen Szenen tragfähige persönliche Psychogramme entwickelt. Die individuellen Handlungen erklären sich aber auch aus der Ausnahmesituation Krieg. Er verlangt Entscheidungen abseits oder gar entgegen persönlicher Interessen. Die Regie verdeutlicht diese komplizierte Gemengelage. Das Fazit kann jeder selbst ziehen: Krieg als Katalysator ist die schlechteste aller denkbaren Lösungen.

 

Hans im Schnakenloch
von René Schickele
Regie: Ingo Putz, Boris Brandner, Bühne, Kostüme: Ulrike Melnik.
Mit: Birgit Brückner, Tobias Graupner, Mattes Herre, Florian Kroop, Max Ruhbaum, Fritz Peter Schmidle, Tina Wilhelm.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www. theater-baden-baden.de

 

Kritikenrundschau

Das Theater Baden-Baden habe ein spielenswertes Stück wiederentdeckt, das die Hellhörigkeit und Weitsicht seines Autors zeige, so Sibylle Orgeldinger in den Badischen Neuesten Nachrichten (19.5.2014). Ingo Putz und Boris Brandner fokussierten in ihrer Inszenierung auf die Verzahnung politischer und persönlicher Konflikte. "Am Ende schieben sich die Wände zusammen und vermitteln ein klaustrophobisches Gefühl, während sich im Hintergrund eine Kluft öffnet – die Katastrophe kann nicht die Lösung sein."

Regisseur Ingo Putz lege das Drama des Expressionisten Schickele "kühl und abstrakt an", schreibt Sabine Rahmer im Badischen Tagblatt (19.5.2014).  Ein "Lehrstück, dessen Textmengen oft direkt an der Rampe ins Publikum gesprochen werden". Durch die vielen auftretenden Figuren wirke die Inszenierung leicht verwirrend, gelegentlich auch zäh, was allerdings nicht an den Schauspielern liege.

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