Vollautomatisch in die Dystopie

von Jan Fischer

Hannover, 17. Mai 2014. Was bisher geschah: Die Menschen trennten sich in einem großen Abschiedsfest von der Welt, mit der sie sich solche Mühe gegeben hatten. Die Pflanzen vermehrten sich unkontrolliert. Die Ökosysteme veränderten sich. Die Natur eroberte die letzten Reste der Städte zurück. Die Menschen waren nur noch eine Erinnerung, die unter der Erde vergraben liegt. Unsere Kunst, unsere Kultur gammelte vor sich hin. Nur der Plastikmüll blieb. Und das Leben? Das Leben fand einen Weg.

Oder vielleicht auch nicht. In "Po.W.E.R.", dem neunten und letzten Akt des seit 2010 in Hannover laufenden Langzeittheaterprojektes "Die Welt ohne uns" sind sechs Roboter die einzigen, die sich an die Zivilisation noch erinnern. Sieben, wenn man den schizophrenen Goldmann-Sachs als zwei zählt.

power2 560 peter hiltmann uZivilisationsfragmente: Roboter im Einsatz © Peter Hiltmann

Drängende Fragen

Aber von Anfang an: Die Sonne geht über dem 2015 zur Stilllegung vorgesehen Kraftwerk im Hannoveraner Stadtteil Herrenhausen unter. Über uns, sagt der Fremdenführer, der uns die neuen automatischen Grenzschutzroboter der Organisation F_x vorstellt, befänden sich Drohnen, die uns alle, das Publikum, vollautomatisch überwachten. Genau wie die Grenzschutzroboter, die seit neuestem eingesetzt würden, um illegale Einwanderer aufzuhalten: Sie schössen Taser, nur zur Lähmung der Grenzüberquerer, vollautomatisch, ohne einen Menschen am Joystick. Sauber, human,  intelligent.

Es geht um Automatisierung in "Po.W.E.R.", aber nur an der Oberfläche. Die Tour durch das Kraftwerk - für die Dauer des Stückes Produktionsstätte von Near-Future-Grenzschutztechnik – verdichtet sich zu der Frage: Was genau schützen die Roboter eigentlich? Und warum? Angesichts der nicht abreißenden Meldungen von Immigrationsversuchen, die mit dem Tod der Flüchtlinge enden, sind das tatsächlich drängende Fragen, Fragen, die der Fremdenführer in der schwarzen Uniform mit einem schmierigen Lächeln umgeht, und das Publikum lieber über das Gelände in eine Fabrikhalle führt, wo Edvard Griegs "Morgenstimmung" läuft. Das Publikum wird umstellt von noch mehr Uniformierten, dieses Mal in voller Kampfmontur, während der Fremdenführer und seine Kollegen enthusiastisch die Länder des Schengen-Raumes aufzählen. Die EU, erfahren wir, sei der beste Ort der Welt zum Leben, und das müsse geschützt werden.

Das totgelaufene System schützen

Es sind die Roboter selbst, die in der nächsten Fabrikhalle, im letzten Teil des Stückes, Antworten auf die Fragen geben, die der Fremdenführer umgeht. Inzwischen gibt es nichts mehr, keine Menschen, keine Zivilisation, nur noch die Roboter, die stumpf ihren Dienst versehen, nach wie vor die Grenzen beaufsichtigen. Warum eigentlich? Für wen? Selbst lenkend fahren sie vor riesigen LED-Wänden umher und zeichnen ein Bild der Katastrophe, die zur Auslöschung der Menschheit geführt hat: Der unbedingte Wille, ein System zu schützen, das sich schon längst totgelaufen hatte, ein System, in dem das einzige, was zur Identitätsstiftung dient, Markennamen sind und Wohlstand nur einigen wenigen vorbehalten sind, ein System, das eigentlich nur noch ein lebender Toter ist.

power5 560 uDer Raum ist der Star © Peter Hiltmann

Die Argumentationskette mag etwas dürftig sein, trotzdem ist die Frage, was genau an den europäischen Grenzen beschützt werden soll, eine wichtige. Daraus zeichnet der Abend eine Dystopie, in der die "Festung Europa" zusammenbricht und deren Ausformulierung es den anderen Teilen des Stückes überlässt. Obwohl die gigantischen LED-Wände tatsächlich sehr beeindruckend sind, die Fremdenführer angenehm schmierig, die Roboter sich beeindruckend autonom bewegen und die Geschichte zu einem brauchbaren Abschluss gebracht wird, ist das Stück eher solide denn beeindruckend – nichts zu rütteln, nichts zu loben.

Der eigentliche Star des Abends sind die Fabrikhallen, die dem monumentalen Anspruch von "Po.W.E.R." gerecht werden: Wenn die Abendsonne staubig durch verdreckte Fensterfronten fällt, diese fast stillgelegte Industrieruine beleuchtet, das Publikum von schwarz gekleideten Soldaten eingekreist wird, während das Echo der "Morgenstimmung" sich blechern in einer Trafohalle auffaltet, dann ist die Beklemmung mindestens ebenso das Verdienst des Raumes wie der Schauspieler.

 

Po.W.E.R.
Regie und Konzept: Janneke Schönenbach, Olaf Arndt, Roboter: BBM, Bühne: Kirsten Hamm, Musik: Ole Wulfers Dramaturgie: Aljoscha Begrich.
Mit: Olaf Arndt, Susana Fernandes Genebra, Julia Schmalbrock, Peter Sikorski, Sandro Tajouri, Ole Wulfers.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

 

Kritikenrundschau

"Was für ein Aufwand! Und was für ein trauriges Ergebnis!" stöhnt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen (19.5.) angesichts von Robotern, Leuchtwänden und Hubschraubern. Und er resümiert die gesamte Reihe "Die Welt ohne uns", in der das Schauspiel Hannover "vier Jahre lang posthumanes Theater ausprobiert" habe. "Die Zuschauer wurden durch verfallene Kasernen geführt, schauten Puppenspiel und Pflanzentheater. Oft blieb der besondere Spielort stärker in Erinnerung als das Spiel selber. So wird es wohl auch bei dem Finale der Reihe sein."

Eine "faszinierende Theatererformance" dagegen hat Christian Seibt für die Neue Presse (19.5.) gesehen, "packendes Erlebnistheater", ein "hochspannendes Endzeitdrama, das nachwirkt". In einem der "Levels" der Performance etwa fand sich Seibt in ein "Science-Fiction-Szenario" versetzt, in dem sich durch die Kommunikation der Maschinen erschließen würde, "wie sich die Menschheit selbst zu Grunde richtete."

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