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Rich Is The New Cheap

von Simone Kaempf 

Berlin, 29. Januar 2008. Eigentlich hätte es so etwas wie eine Gazprom-Variante des "Kirschgarten" werden sollen. Eine Agentur, die auf Wirtschaftstexte spezialisiert ist und schon für den russischen Erdgas-Konzern gearbeitet hat, wurde beauftragt, Tschechows Stück für die Schaubühne neu zu übersetzen. Aber dann erwies sich die Version doch als kaum spielbar und Falk Richter legte am Text selbst noch einmal kräftig Hand an. So bleiben einem russische Oligarchen zwar erspart, aber vom Geld ist in diesem "Kirschgarten" an der Berliner Schaubühne dennoch viel, sehr viel die Rede.  

Es geht um die Frage, ob Geld ein Allheilmittel ist – was es natürlich nicht ist, aber es verfügt doch über unheimliche Fähigkeiten, Gefühle einzuverleiben. Auf der Bühne ist also viel vom Geld die Rede, es gibt euphorische Momente, Stillstand, Depression und Verzweiflung. Und Musik natürlich auch. Es ist kurzum ein rundum originaler Falk-Richter-Abend geworden.

Heim ins Flokati-Reich 

Der beginnt erst einmal mit einem Tschechow-Gefühl: ein langer und breiter Gaze-Vorhang verdeckt anfangs noch im zarten Faltenwurf die Bühne, dass man dahinter fast schon das Kindheits-Paradies samt der Kirschbäume vermutet, von denen später soviel die Rede ist. Doch hinter dem Vorhang öffnet sich ein Spiegelsaal, mit vorgelagerter Flokati-Landschaft, in der sich bald alle wie Heranwachsende fläzen: Ranjewskaja, die ihr Geld in Paris auf den Kopf gehauen hat, ihr neuer Geliebter Jascha, Tochter Anja und eine Künstlerin, die für Unterhaltung zu sorgen hat.

Sie fühlen sich sofort wieder zuhause in dieser 70er-Jahre-Wohnwelt, musizieren auf alten Kinderinstrumenten und albern herum. Nur Lopachin (Bruno Cathomas) drängt auf die Entscheidung, im Kirschgarten Wochenendhäuser zu bauen, um die drohende Pleite abzuwenden. Aber von "gefragten Mehrwertressourcen, weitläufigem Freizeitangebot, Wertsteigerungen bis zu 100%" will hier niemand etwas wissen. Falk Richter bringt auf der Bühne Figuren zusammen, die das Geld verprassen oder es streng zusammenhalten. Die tüchtige brave Ziehtochter Warja, kann schon lange nicht mehr das Guts-Personal bezahlen und streitet um jede einzelne Pfandflasche, als könne dies das Gut noch retten.

Anarchie des Geldes

Leonid (Kay Bartholomäus Schulze) dagegen, unfähig, das Gut zu verwalten, redet von der Anarchie des Geldes, das "immer irgendwo wieder auftaucht", und Jascha vergreift sich noch an fremden Portemonees, als die Pleite schon längst feststeht. Was ist es bloß, das sie so taub macht für die drohende Versteigerung? Am ehesten die Tatsache, dass in Zeiten von Börsen-Absturz oder Pleitewelle immer noch genügend Geld da zu sein scheint, dass heute alle den Preis der Dinge kennen, aber nicht mehr ihren wahren Wert, als dessen letzte Lordsiegelbewahrer Falk Richter die bankrotte Truppe hier auftreten lässt.

In welcher Zeit die Inszenierung genau verortet ist, bleibt dennoch unklar. An die 70er-Jahre-Aussteigerzeit fühlt man sich erinnert, als sich die Figuren am Höhepunkt des ersten Teils zwischen den Kissen zum Diskussionskreis versammeln und sich die Phrasen um die Ohren schlagen: dass wir "alternative, radikal andere, nicht destruktive, nicht marktorientierte Lebenskonzepte" brauchen. Schon wahr. Aber in dem Hippie-Feeling, in dem das hier gespielt wird, ist dieses Gerede schnell der Lächerlichkeit preisgegeben.

Bankrott und Glitzerkleidchen 

Nach der Pause wechselt die Stimmung in den Hedonismus der 80er-Jahre: auf der Bühne wummern die Beats. "Heute wird gefeiert, und wenn es die letzte Party meines Lebens ist", so stürmt Ranjewskaja im Glitzerkleid auf die Bühne. Bibiana Beglau hat wenig Möglichkeiten, aus ihr eine echte Figur zu machen, muss immer wieder ihre Klamotten wechseln, mal gelber Hosenanzug, mal im Tunika-Look. In Sachen Kirschgarten rührt sie dagegen keinen Finger. So tanzt die feier-launige Gesellschaft mit ihr in die Pleite.

Das mitanzuschauen, lässt einen nicht kalt, aber gepackt ist man auch nicht. Gerade weil einem Falk Richter mit giftiger Geste den Spiegel vorhält, ja, im zweiten Teil im Bühnenhintergrund die Spiegelrückwand freigeräumt ist, auf dass sich die Zuschauer selber sehen. Schon klar, ganze Kulturen, Ideologien, Moralsysteme verändern ihr Wesen, sobald sie komplett in den Geldkreislauf eingespeist sind. Aber mit diesen Absteigern in ihren fetten Designer-Sonnenbrillen, die die Augen vor allem verschließen, lässt sich kein Exempel statuieren. Rich is the new cheap? In Russland wohl erst wieder, wenn Gazprom Pleite macht.


Der Kirschgarten
von Anton Tschechow, in einer Bearbeitung von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Paul Lemp. Mit: Bibiana Beglau, Eva Meckbach, Elzemarieke De Vos, Kay Bartholomäus Schulze, Bruno Cathomas, Mark Waschke, Steffi Kühnert, Erhard Marggraf, Stefan Stern.

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Vielleicht", schreibt Nikolaus Merck in der Frankfurter Rundschau (31.1.2008), "sollte man diesen 'Kirschgarten' als Geschenk betrachten... Pünktlich zur medialen Begehung von '40 Jahre Schicksalsjahr 1968' legt Falk Richter eine Art theatralischer Bilanz vor, wie sie desillusionierter kaum ausfallen könnte." Richter gebe in der Schaubühne eine Antwort auf die Frage, was politisches Theater heute sei. "Die Mittel mögen grobschlächtig sein, allein: sie funktionieren, um das rot-grüne Milieu zu spiegeln." Richter sei ein "hochbegabter Stimmenimitator", der "das linke, von Küchenpsychologie durchtränkte rhetorische Stroh" zusammengeklaubt habe. "Es ist, als hätten in den alten Kämpfern von 1968 und ihrem postmodernen Nachwuchs sämtliche "Restposten linker Ideologien Gestalt angenommen." Der Abend habe aber, trotz allen zwischendurch entfachten "Remmi Demmis, mit lebenden Spielkarten, Zaubertricks und Techno-Party, spielerisch nichts zu bieten. "Da verläuft zur Zeit die Grenze der Kunst in der Schaubühne."

Überhaupt nicht gnädig ist Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (31.1.2008) mit Richters Inszenierung und lässt seinem Überdruss freien Lauf: "Moralinsaurer Konzeptkitsch eines pseudokritisch selbstzufriedenen Retro-Theaters, das sich bei Onkel Tschechow unterhakt." In der Neuübersetzung wirke Tschechows atmende Sprache "geradezu kaputtsaniertt", eine "stumpfe, großflächige Verlautbarungsprosa." Tschechow werde zum Objekt eines "Pfropfversuchs, Flower Power mit künstlichem Kirschgeschmack". Die dösige "Kiffer- und Gruppensex-Romantik von damals" werde beschworen, man gluckere "die Floskeln der Protestbewegten" von einst, "alternative Lebensentwürfe müssen her", "darin sind sich zwar alle einig, trotzdem endet der Diskurs in der Disco." Der letzten Worte Firs im groß ausgestellten Schlussbild seien "der letzte sentimentale Fettfleck einer ranzigen Theater-Einbalsamierung." So trage Richter seine Tschechow-Trilogie an der Schaubühne zu Grabe, "Friede seiner Masche".

Irene Bazinger steigt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.1.2008) damit ein, wie Bruno Cathomas als Lopachin hinter dem mächtigen Gaze-Vorhang hervorkommt, sich als "Vollidiot", als "Mastschwein in der Businesslounge" beschreibt. "In Tschechows letztem, 1904 uraufgeführtem Stück ist das zwar ähnlich gemeint, bloß klang es da stets ein bisschen anders." Die "modisch aktualisierte Fassung" ist "so flott wie flach, geht gut ins Ohr und genauso schnell wieder hinaus." Die "aufgedrehte Schreckschraube" Ranjewskaja sehe bei Bibiana Beglau wie "eine ordinäre, aufgedonnerte Plastikpuppe aus." Der Leonid von Kay Bartholomäus Schulze ein zorniger "Blindgänger mit herrischer Attitüde", Mark Waschke zeige Trofimow als "unappetitlichen Apo-Opa in weiten Leinenhosen". Fazit bei Bazinger: Richter mache aus Tschechows "Kirschgarten" mit Geschick und Gespür in Wort und Bild Kleinholz "rabiat, aber mit Respekt, dabei freimütig geknickt in der Apotheose des Mittelmaßes."

In der taz (31.1.2008) findet Eva Behrendt in einer Doppelkritik inklusive Goschs "Onkel Wanja" am DT Berlin, dass Richter Tschechows russischen Landadel in eine "Bürgerfamilie aus pseudolinken Faulpelzen, Selbsterfahrungstrommlern und Gedichteaufsagern" verwandle, die mit einem "Schlag aus ihren verlogenen Revolutionsträumen erwachen". Das Wort "Geld" falle reichlich an diesem Abend. „Die schöne blonde Frau Ranjewskaja speit es aus wie Gift und Galle, während Langzeitstudent Petja Trofimow lange Vorträge über das Seelenelend hält, das die Jagd nach dem Geld so mit sich bringt." Man würde bei dieser Art linker Selbstkritik aber weder Schmerz noch Trauer spüren, so das Fazit.

Ulrich Seidlers Text in der Berliner Zeitung (31.1.2008) trägt die Überschrift "Bekanntes von den Wohlstandsneurotikern". Die Frauen "glitzern und tragen High Heels wie bei Frank Castorf". Statisten tanzen, wie sie es auch schon bei Michael Thalheimer getan haben. "Bei dem Anspielungssalat dieser Inszenierung beginnt man unwillkürlich, aber ohne Erfolg nach Claus-Peymann-Zitaten zu suchen." Seidler moniert, dass "Richter alles an den Pranger der depressiven marktkritischen Dialektik" stelle. Einerseits finde er keine eigene Sprache, andererseits "strahlen seine Arbeiten zunehmend überdrüssige Ausdrucksroutine aus." Einerseits solle jede Inszenierung eine "Abrechnung mit der 68er-Generation sein", andererseits könne man bei "Richter gut einen gefahrlos-unterhaltsamen Theaterabend mit der Schwiegermutter verbringen."

Im Tagesspiegel (31.1.2008) schreibt Andreas Schäfer: "Richter liest das Stück als reines Drama der Ökonomisierung ... in sich stimmig, manchmal unterhaltsam, dafür seelenlos." Nicht nur der Garten, sondern auch Tschechows Poesie werde wegrationalisiert. Als "Klischeevariante russischer Neureicher" falle die Familie in die Flokati-Landschaft ein. "Tschechows Landgut liegt bei Richter in Berlin-Mitte, Ende des letzten Jahrtausends, als alle noch groß und luxuriös redeten, während die Blase der New Economy schon am Platzen war." Längst verjährt auch die Techno-Rhythmen, zu denen das Ensemble wie zwei Dutzend älterer Laiendarsteller eine halbe Stunde lang tanzen muss. Und zur Spiegelwand: "Was soll damit gesagt sein? Dass wir alle dekadente (Theater-)Partys feiern, während um uns herum die Welt zu Grunde geht?"

In der Welt (31.1.2008), die wir nicht vorenthalten wollen (siehe Kommentar), schreibt Matthias Heine, dass die Neuübersetzung "so schlimm gar nicht geworden ist". Zwar sei dem Stück viel Poesie abhanden gekommen, aber dafür wäre "ein wenig Brecht-Sound" injiziert". "Die sehr gegenwartsnahe Aufführung" erzähle von "den Nöten der 20-40jährigen in der heutigen Welt des globalisierten Kapitalismus". Sie hätten begriffen, "dass ihre Welt untergeht." Sie verbringen ihre Zeit damit "zu psychedelischer Loungemusik zu grooven. Das sieht auf eine sehr schöne Weise geradezu überirdisch entspannt aus." Als "Medium des Widerstands gegen die ökonomischen Sachzwänge" tauge die Popmusik heute jedoch nicht mehr. "Deshalb leiden hier eigentlich alle darunter, dass sie nicht mehr so leben können wie ihre Eltern." Weiter: "Die echten Arbeitslosen drängen sich dagegen fröhlich auf der großen Party, die die Ranjewskaja veranstaltet." Man würde merken, dass Richter bei seinen Opern- und Shakespeare-Inszenierungen auf den Geschmack an solchen Massenszenen gekommen sei. Wenn man die Titelunterzeile zu Hilfe nimmt, erfährt man auch, wie Heine den Abend insgesamt fand: nämlich "richtig gut."  

 
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