Verausgabt euch!

von Stefan Keim

Bochum, 21. Mai 2014. Kein Plot, kein Sinn. Wer so etwas sucht, sollte diesem Abend der Needcompany fern bleiben. Zwar ist das belgische Künstlerkollektiv berühmt für seine ungewöhnliche Art, Geschichten zu erzählen. Seine Paradeaufführung "Isabella's Room" lief gerade mal wieder im Essener PACT Zollverein und hat nichts an Emotionalität und Originalität verloren. Doch diesmal gehen Mitgründer Jan Lauwers und Maarten Seghers, ein junger, gleichwohl prägender Kopf der Gruppe, völlig andere Wege.

Das erste Stück ist eine Videoinstallation mit Liveelementen. "The Ohno Cooperation Conversation" zeigt parallel zwei Filme, die 17 Minuten und 46 Sekunden lang sind. Im einen sitzen Jan Lauwers und Maarten Seghers mit seltsamen Bärten und Gitarren in einem verranzten Proberaum. Sie brabbeln vor sich hin, zupfen auf den Instrumenten herum, setzen sich Kabelgewirr auf die Köpfe, so dass sie wie Insektenwesen von einem anderen Stern aussehen. Im zweiten  Film begegnen sich die beiden in einem Teich. Pathetisch brüllen sie einfache Sätze als wären sie altmodische Knattermimen, die ihre absurde Situation überspielen wollen. Sie haben Geschenke füreinander dabei, in schwarze Müllsäcke verpackt, damit sie nicht nass werden. Es sind Pappfiguren mit aufgemalten Gesichtern, die sie sich überstülpen. Wie Weltraumwesen sehen sie damit nicht aus, eher wie Kinder, die auf einem Geburtstag mit selbst gemachten Kartons Monster spielen.

Verlorene Entertainer
Jan Lauwers und Maarten Seghers stehen auch lebendig auf der abgedunkelten Bühne. Sie verdoppeln Gesten und Körperkonstellationen aus den Videos, verändern sie, stehen sich oft bewegungslos gegenüber. Das eine Video ist schon vor sieben Jahren entstanden, das andere nun für die Bochumer Premiere. Maarten Seghers kündigte zu Beginn des Abends an, Lauwers und er würden diesen Dialog fort führen, solange sie leben. Ein Sinn ist darin nicht zu erkennen, eher die Beschreibung eines Lebensgefühls, das viel mit Samuel Beckett zu tun hat. Die beiden wirken wie Wladimir und Estragon, denen man auch noch den Text weg genommen hat. Zwei verlorene Entertainer, denen überhaupt nichts übrig geblieben ist, um sich und ihr Publikum zu unterhalten. Und dennoch gelingt es ihnen, überraschenderweise ist die Performance niemals langweilig. Im Gegenteil, man wundert sich, dass sie nach 17 Minuten und 46 Sekunden schon vorbei ist.

Es gibt keinen Applaus, Jan Lauwers setzt sich in die erste Reihe, während Maarten Seghers das nächste Stück ankündigt und einen Scheinwerferzug herunter lässt. Nun spielt er solo mit seiner Band "The Horrible Facts" das Theaterkonzert "What do you mean what do you mean and other Pleasantries". Die Band besteht aus Holzkisten. Sie sind schon viele Jahre alt, Maarten Seghers hat mit ihnen bereits eine Ausstellung und eine Performance gestaltet. In ihnen steckt Elektronik, sie geben wummernde Geräusche von sich. Maarten Seghers kann mit dem Fuß einen dröhnenden Takt schlagen. Die Dinger sind schwer, sie lassen sich nur mit Mühe herum schleppen. Zudem befestigt Seghers gleich zu Beginn ein Brett am Kopf und zwischen seinen Beinen, so dass er in gebückter Haltung herum laufen muss. Sein T-Shirt ist schnell durchnässt.

Meerrettich ist die Lösung
Eine Stunde lang zeigt Maarten Seghers einen grotesken Kampf. Er schleppt, stampft, ächzt, brüllt. Schließlich beginnt er einen ersten Song, der immer wieder in Loops gerät und auf der Stelle tritt. Er hat sein Passwort vergessen, röhrt Seghers, sein schönes Passwort. Ohne das kommt er aus der Nummer nicht raus. Er fordert ein neues an, aber irgendwas klappt nicht. Der stampfende Rhythmus übernimmt das Kommando. Bald ist es egal, was Seghers auf das punkartige Hämmern singt. Immer wieder fordert er die Zuschauer auf, mitzumachen. Doch das klappt nicht. Er nimmt auch zu schwere Worte. "Horseradish" zum Beispiel, übersetzt Meerrettich. Ich kannte das Wort nicht und dachte die ganze Zeit, da sei ein Pferd verschwunden, a horse vanished. Stutzig machte mich nur, dass dieses Wort etwas mit Essen zu tun haben sollte. Also hab ich die Klappe gehalten und nicht mitgemacht. Außerdem bestand ja der begründete Verdacht, dass die immer panischere Aufforderung nach Partizipation eine Parodie auf Animateure ist. Müsste man mal ausprobieren. Wer in die Vorstellung geht und Lust auf so was hat: Horseradish meint der Mann, Meerrettich.

WhatDoYouMean 560 AnuVatra uJeder hat seinen Balken zu tragen: Maarten Seghers in "What do you mean..." © Anu Vatra

Es macht schon Spaß, Maarten Seghers zuzusehen, wie er sich eine Stunde lang abrackert. Zwischendurch skandiert er, man müsse dieses Leben doch irgendwie rum kriegen. Und wenn man sich verausgabt, hat man immerhin das Gefühl, etwas gemacht zu haben. Die beiden Stücke der Needcompany teilen dieselbe Weltsicht. In der Auflösung allen Sinns und in der Verlorenheit einer nur um sich selbst kreisenden Existenz bietet die Kunst zwar keinen Ausweg, aber kurzfristige Entspannung. Die Hysterie, das Schwitzen, der Rhythmus, das Brabbeln – all das kreiert eine absurde Welt, eine Heimat aus Spinnerei, um den wahren Wahnsinn zu ertragen. Ja, dieser Doppelabend hat viel mit Beckett zu tun. Mit Figurentheater nur am Rande, aber das macht nichts. Denn die Fidena ist längst ein Festival für Performances, Objekt- und Materialtheater geworden. In diesem Jahr zeigt das Festival viele starke, ungewöhnliche Aufführungen. Man fühlt sich oft wie bei der Ruhrtriennale von Heiner Goebbels. In diesen Rahmen passen die beiden merkwürdigen Stücke der Needcompany.

The Ohno Cooperation Conversation
von und mit Maarten Seghers und Jan Lauwers/Needcompany
Dauer: 17 Minuten und 46 Sekunden

What do you mean what do you mean and other Pleasantries
von und mit Maarten Seeghers/Needcompany
Dauer: 1 Stunde

www.fidena.de

 

Kritikenrundschau

"Was kann Theater sein? Auch so ein heiter-verrätseltes Spiel", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (23.5.2014) zum ersten Teil des Doppelabends "The Ohno Cooperation Conversation". Der zweite Teil "What do you mean…" hat den Rezensenten "mit jeder Minute (…) mehr" fasziniert. "Die Lautsprecher in einer Box sehen aus wie Augen und Nase. Seghers setzt ein Bündel Kabel als Haar auf, malt mit feuchtem Schwamm einen Mund und hat eine übermannsgroße Puppe als Spielpartner." Auf einen rationalen Sinn lasse sich die Performance nicht bringen. "Aber es bereitet großes Vergnügen, dem kraftvollen Auftritt zu folgen."

Genreübergreifend wissen die Kreativköpfe der Needcompany eigentlich Geschichten auf spektakuläre Art zu erzählen, "nur nicht linear, selten stringent, dafür den Blick des Publikums stets auf Details und Überraschendes zu lenken." Beim Doppelabend in den Kammerspielen gelang das aber nicht immer, so Tom Thelen im WAZ-Portal Derwesten.de (23.5.2014). Wohl aber meistens, denn die Kritik endet wohlwollend: "Unter 15 Neonröhren spielte sich eine knappe Stunde lang ein humorvolles, ironisches Bühnenspektakel ab, das zu Recht orkanartigen Beifall erntete."

 

 
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