Familienaufstellung im Politikerstadl

von Hartmut Krug

Recklinghausen, 22. Mai 2014. Nein, duzen kommt auch in der Gruppentherapie für Angela nicht infrage. Allenfalls darf der Leiter dieser merkwürdigen Zusammenkunft von vier deutschen Spitzenpolitikern sie mit dem Vornamen anreden. Angela ruht völlig in sich, schaut so aufmerksam wie unmerklich, dauernd schmallippig in die Runde und formt die Hände zur Raute. Die wunderbar genaue, aber nie kabarettistische Verkörperung Angela Merkels durch die Schauspielerin Nadja Robiné bewahrt das Stück "Mutti" von Juli Zeh und Charlotte Roos in der Uraufführung durch das Deutsche Nationaltheater Weimar bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen davor, zur komödiantischen Klamotte zu werden. Wie man es bei der Lektüre durchaus befürchten konnte.

Consulting für Spitzenpolitiker

Denn wenn Angela (Merkel), Sigmar (Gabriel), Ulla (von der Leyen) und Horst (Seehofer) als Theaterfiguren vor gerafften Vorhängen auf leerer Bühne auftreten, dann ist damit schon die erste Pointe gesetzt. Was die Autorinnen als theatrale Untersuchung von Verhaltensmustern und Sprachformen angelegt haben mögen, funktioniert auf der Bühne vor allem als reines Spiel der Wiedererkennbarkeit der Politprominenz. Das Theaterstück macht die vier nicht zu lebendigen Figuren, sondern belässt es bei der Ausstellung von fernsehbekannten Klischees. Die – und das macht den Abend auf nur nette Weise immerhin unterhaltsam – unsere Bilder im Kopf bestätigen.

Die Figur des Therapeuten (Stephan Grossmann) wird dabei zwar dramaturgisch gebraucht, stört aber eher. Jedenfalls so, wie sie hier gespielt wird. Kaum glaublich, dass vier Spitzenpolitiker sich bei dieser "Gruppentherapie", "Behandlung", "Consulting" oder "Systemaufstellung" so selbstverständlich den Anmutungen eines taktisch zwischen Freundlichkeit und Grobheit wechselnden Mannes aussetzen.

Mutti1 560 KerstinSchomburg uImmer wachsam: Nadja Robiné als Mutti Angela schaut auf ihre Pappenheimer, Stephan Grossmann als Therapeut Hellmann und Michael Wächter als Sigmar
© Kerstin Schomburg

Die "Systemaufstellung" soll die soziale Interaktion "effektiver machen". So stellen sich Angela und Sigmar als Ehepaar nebeneinander, während Ulla sich als Angelas Schwester zu ihr drängelt. Der in jeder Hinsicht unwillige Horst muss den Vater der Frauen geben. Was nun nicht gerade zu irrer Komik oder wahnsinnigen Erkenntnissen führt, aber immerhin zu ein paar lustigen, wenn auch voraussehbaren Streitmomenten.

Denn natürlich fühlt sich Sigmar so eng neben Angela nicht wohl. Sebastian Kowski als Horst spielt die Skurrilität eines zu dieser Veranstaltung gezwungenen Mannes aus, der mit hustendem Lachen und biederer Ungemütlichkeit vor allem besorgt um die bayerische Wirtschaft ist. Während Anna Windmüller die Ulla als ehrgeizige Nervensäge gibt, die, grell lachend, übersteigert und übersteuert, unendliche Tiraden ablässt. Das nervt nun wirklich auch schauspielerisch.

Michael Wächter, dick ausgestopft, bläst seinen Gabriel zu einer moralischen Verkündigungsfigur auf, lässt ihn aber auch einmal mit beweglicher Bodenakrobatik brillieren. Und er bekommt die wohl schönste Wendung des Stückes ab: "Sigmar hat manchmal Schwierigkeiten die Realität zu sehen. Er ist Sozialdemokrat."

Gedämpfter Un- und Irrsinn

Regisseur Hasko Weber schafft geschickt eine Atmosphäre von gedämpftem Un- und Irrsinn, ohne allzu sehr auf die Effektpauke zu hauen. Eigentlich war im Stück vorgesehen, dass auf einer Videoleinwand gezeigt wird, wie sich beim Verhalten der vier deren Beliebtheitswerte ständig verändern. Dieses Mittel versagt sich der Regisseur. Dafür muss der Therapeut immer wieder das Publikum und die Politiker darauf hinweisen, dass sie vor und für uns ihr politisches Verhaltensschauspiel aufführen. Ach ja, nun ja...

Das Politikertreffen findet zeitgleich mit dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft (zwischen Spanien und Deutschland!) in Brasilien statt. Angela steht in ständiger Handy-Verbindung mit Joachim Löw. Und während sie bei der Gruppentherapie immer wieder vergeblich zu Leidenschaft und Emotionen aufgefordert wird (ungeheuer komisch, wie sie da ihre Reden, ob mit oder ohne Manuskript, mit schlafwandlerischer Nüchternheit vorträgt) gehen beim Fußball ihre Arme in die Höhe und geht die Begeisterung mit ihr durch.

Mutti2 560 KerstinSchomburg uIm Zeichen der Raute: Stephan Grossmann (Hellmann), Nadja Robiné (Angela), Sebastian Kowski (Horst), Michael Wächter (Sigmar), Anna Windmüller (Ulla)
© Kerstin Schomburg

Gut, sie ist Taktikerin und braucht den Sieg der Deutschen. Denn sie weiß von der Zahlungsunfähigkeit Griechenlands, und wenn der ESM (European Stability Mechanism) vor dem Zusammenbruch steht und am Montag die Börsen darauf reagieren werden, könnte ein Weltmeistertitel die deutsche Bevölkerung ruhig stellen.

Da aber zeitgleich die Nachricht von einem Massaker der Sicherheitskräfte an Arbeitern beim Bau der Stadien in Katar (für die WM 2022) kommt, während vor dem Stadion in Brasilien Zehntausende demonstrieren, beginnt eine heftige Diskussion. An ihrem Ende bleibt Sigmar auf der Strecke und die standpunktlose, alle Informationen aufsaugende und jedwede Verhaltensweise wahrnehmende Angela hat sich durchgesetzt. So ist Politik. Ist so Politik? Es gab vorab viel publizistischen Wirbel um dies harmlose Komödchen aus dem Politikerstadl. Aber auch im Theater zählt nur, was hinten rauskommt. Und das war doch recht dünn.


Mutti (Uraufführung)
von Juli Zeh und Charlotte Roos
Regie: Hasko Weber, Bühne und Kostüme: Anette Hachmann, Video: Bahadir Hamdemir, Dramaturgie: Julie Paucker.
Mit: Nadja Robiné, Michael Wächter, Anna Windmüller, Sebastian Kowski, Stephan Grossmann.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar
www.ruhrfestspiele.de
www.nationaltheater-weimar.de

 

Mehr zu Mutti: Zeit online stellt eine Leseprobe des Stücktexts bereit – hier.

 

Kritikenrundschau

In die Theatergeschichtsbücher werde "Mutti" wohl nicht eingehen, vermutet Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (24.5.2014). "Was Juli Zeh und Charlotte Roos da mit spitzer Feder konstruiert haben, ist weder Königinnen- noch Schlüsseldrama, eher ein Schlüsselloch-Dramolett. Aber immerhin. Zwischen den bekannten Verhaltensmustern gibt es immer wieder fein beobachtete Pointen, die Spaß machen." Hasko Webers Regie fege "in aller Erwartbarkeit über die Politsatire. Von Dreiknopfblazer bis Ost-Akzent gibt Nadja Robiné das kabarettistische Angela-Double mit hängenden Mundwinkeln, und auch ihre Kollegen eilen ihren realen Vorbildern hinterher, mal mehr, mal weniger glücklich."

Andreas Rossmann redet in der Frankfurter Allgemeinen (24.5.2014) von "Mutti" als dem "Ding, von dem Zeh glaubt, es sei eine Satire". Die Autorin habe "mit Angela Merkel noch eine Rechnung offen, die auf den von ihr initiierten Brief zur Prism-Affäre nicht geantwortet hat." Als Reaktion darauf sei "Mutti" aber "ein Eigentor. Wer Klischees und Karikaturen für die Wirklichkeit ausgibt, kommt ihr nicht bei. Alberne Affirmation. Wenn das politisches Theater ist, dann ist Hansi Hinterseer ein Protestsänger." Zumal die Inszenierung von Hasko Weber den Text nur "kabarettistisch laufen" lasse: "Kasperletheater mit Menschen".

Das Stück sei "keine Kanzlerinnenvernichtung, auch keine kabarettistische Politikerbeleidigung im Stil der 'Heute-Show'", schreibt Stefan Keim in der Welt (24.5.2014). "Sein Skandalpotenzial geht gegen Null, auch wenn es am Schluss eine überraschende und sarkastische Wendung gibt. Die Autorinnen analysieren das System Mutti, das Konzept eines ideologiefreien Pragmatismus. Angela handelt erst im letzten Moment und dann mit voller Wirkung." Als Theaterstück sei "diese Politanalyse unterhaltsam und eher harmlos. (…) Große Aha-Erlebnisse bringt diese Aufführung nicht, aber ein paar hübsche Pointen."

Ein "mäßiges Polit-Lustspiel" hat Arnold Hohmann vom Zeitungs-Portal Der Westen (24.5.2014) gesehen, einen "Politikerstadl", der "eine eher oberflächliche Gaudi" bleibe. Man solle sich "amüsieren über allseits Bekanntes". Und da auch Hasko Weber großen Wert darauf lege, "dass die Akteure in Sprache und Aussehen ihren realen Vorbildern möglichst entsprechen" marschiere "die Unternehmung sehr schnell in Richtung Kabarett".

Die Autorinnen "haben kein Stück über die Mechanismen politischer Macht geliefert, auch keine Beziehungs-Analyse unter Koalitionspartnern", weiß Karin Fischer auf der Webpräsenz des Deutschlandfunks (24.5.2014). "Um die Vorführung politischer Rhetorik zum Zweck des Machterhalts geht es ebenfalls nur am Rande; und so etwas wie "Regierungs-Praxis" bleibt hier vollständig im Dunkeln." "Mutti" sei "ein kleiner, überdrehter Spaß mit sehr begrenzter Halbwertszeit, schnell verbranntes Schauspieler-Futter, aber auch ein flott zu inszenierendes Amüsierstück über nicht gerade amüsante Realitäten."

 
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