Einbruch der Genetik ins wirkliche Leben

von Irene Grüter

Berlin, 1. April 2007. "Box" soll einmal ein Begriff gewesen sein, der die Theaterwelt begeistert hat. Schlichte Experimentierbühnen für simple stories, lautete der Schlachtruf. Schwer vorstellbar, dass der Erfolg der Containerbühnen einmal am DT begonnen hat. Denn wohin das Haus mit seiner vor einem halben Jahr eröffneten dritten Spielstätte eigentlich will, wurde bisher nicht klar. Warum zum Beispiel der neue Lukas Bärfuss, immerhin ein Fünfpersonenstück, in dieser kleinen Kiste erprobt wird, bleibt rätselhaft.

Keine einfache Ausgangslage für einen schwierigen Text. Wie gewohnt hat der Schweizer Autor, 1971 geboren und 2005 mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, einen aktuellen Stoff aufgegriffen. In "Die Probe (der brave Simon Korach)" geht es um den Einbruch der Genetik ins Familienleben, konkret: um den Vaterschaftstest. "Ich bin modern. Ein moderner Idiot", sagt Peter Korach am Ende eines bluttriefenden Eröffnungsmonologs, der von den archaischsten aller Gefühle handelt. Die Zunge will er seiner Frau herausreißen, "ihre Fotze schütte ich zu mit Fugenleim, eigenhändig, dann wird ihre Untreue keinen mehr kümmern". Drastische Worte, doch ganz so ernst ist es dem geprellten Vater wohl doch nicht. Stolz reicht er ein Foto des Kindes, eben noch als "zahnlose Made" beschimpft, ins Publikum und lächelt selig.

Karpfen im Chinarestaurant

Lange hat sich Peter Korach in der Rolle des liebenden Vaters gefallen, den Kinderwagen durch den Park geschoben, bis ihm ein Bekannter einen leisen Zweifel implantierte. Und weil das heute so einfach ist, schickte er schnell ein paar Zellen ins Labor und bekam bestätigt, was er eigentlich nie wissen wollte. Der biologische Vater ist ein anderer. Henning Vogt behandelt die ins Biblisch-Monumentale gehobene Sprache mit ironischer Brechung, doch leider ist er der einzige, der mit der doppelgleisigen Tonlage etwas anzufangen weiß. Peter Rühring, sein Gegenspieler als Vater, macht unzweideutig klar, dass die Figur des Simon Korach nicht ernst zu nehmen sei. Wie ein Karpfen im Chinarestaurant glotzt er ins Publikum, schnappt mit dem Kiefer und gibt den trotteligen Lokalpolitiker, der seine Wahlkampfsreden Hände fuchtelnd im Fußbad übt.

Die Ballons mit der nicht besonders originellen Parole "Zukunft wählen. Simon Korach wählen" hängen bereits in Girlanden auf der Bühne, und da kommt der Familienkrach des Sohnes natürlich ungelegen. Zugegeben: Die Dramatik dieser Konstellation wirkt sehr konstruiert. "Die Probe", uraufgeführt im Februar an den Münchner Kammerspielen, bleibt ein wenig papieren mit seinen Figuren, die dauernd  versuchen, sich selbst zu erklären. Von ihrer ambivalenten Anlage hat die Regie allerdings nichts übrig gelassen.

Mama Korach (Gabriele Heinz) kommt mit wehenden Foulards aus Indien zurück, und damit auch klar wird, dass sie eine große Reise hinter sich hat, stellt sie gleich mal einen dicken Koffer auf die Bühne. Mit Duftöl kümmert sie sich um ihr Karma, rät dem Sohn, nur seinem Herzen zu folgen und legt ihm dazu die Hand auf die entsprechende Stelle. Katharina Schmalenberg als Mutter des Kuckuckseis verheddert sich in einer Vielzahl schauspielerischer Angebote, zieht den Text mal ins formalistisch Groteske, dann wimmert sie ganz psychologisch und wirft sich in überbordender Verzweiflung gegen die weißen Plastikwände der Bühne (Claudia Rohner). "Peter" schreibt sie darauf, malt einen Totenkopf und ein Herzchen dazu. Als er dann tatsächlich tot ist, gestorben bei einem Autounfall, muss er seinen Sarg im weißen Anzug auf die Bühne schieben. Dazu der einzige Musikeinsatz des Abends - ein schluchzendes Streichquartett.

Armeruderndes Türentheater 

So unentschieden wie überdeutlich bleibt alles an dieser Inszenierung, dass die eigentliche Thematik, die Frage, wie sich langjährige Beziehungen zu biologischen Tatsachen verhalten, völlig untergeht. (Ebenso die gegenläufige Handlungsebene, den Wunsch des bürgerlichen Ruhestörers Franzeck, von Simon Korach adoptiert zu werden.) Überhaupt entsteht der Eindruck, dass Bettina Bruinier keine Ahnung hatte, was sie mit diesem Stück eigentlich will. Das Ensemble kompensiert die fehlende Führung durch Aktionismus, zieht ins hampelnd Überdrehte und traut dem Publikum keine Sekunde der Stille zu. Bärfuss hat bessere Texte geschrieben, aber dieses armerudernde Türentheater, das Bruinier daraus macht, hat "Die Probe" nun doch nicht verdient.

 

Die Probe (der brave Simon Korach)
von Lukas Bärfuss
Regie: Bettina Bruinier, Bühne: Claudia Rohner.
Mit: Gabriele Heinz, Katharina Schmalenberg, Gabor Biedermann, Peter Rühring, Henning Vogt.

www.deutschestheater.de

 
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