Flucht aus Freiburg

von Nikolaus Merck

Berlin, 30. Januar 2008. Seltsam, dass Jungdramatiker immer Terror, Terror denken müssen, wenn sie nach den siebziger Jahren in Deutschland gefragt werden. Frauen-, Öko- und Friedensbewegung; Innerlichkeitswahn und Konsumismus; antiautoritäre Erziehung, Landkommunen; Honecker, Biermann und Weltjugendfestspiele in Berlin-Ost – das alles zählt nichts, jedenfalls nicht für die drei großen L‘s, die in der Schaubühne die Deutschlandsaga, Abteilung 70er Jahre bestreiten. Für Claudius Lünstedt (geboren 1973), Philipp Löhle (1978) und Lorenz Langenegger (1980) besitzt, wie es scheint, nur der "Mensch-oder-Schwein-Du-musst-Dich-entscheiden"-Terror den nötigen Glamfaktor.

RAF-Briefe, Polizisten-Schüsse, Bekennerschreiben

In Lünstedts "Freiburg" ist es die Zivilcourage der städtischen Theatermacher, Briefe des inhaftierten RAFlers Christoph Wackernagel öffentlich vorzutragen, die dem erzählenden weiblichen Ich erstmals Mut machen. Mut machen, den geistig in Ostpreußen stecken gebliebenen Vater, samt verleugneter jüdischer Oma und Eigentumswohnung schleunigst zu fliehen, um in Paris ein neues (Theater-)Leben anzufangen.

In Langeneggers "Überfall. Auf der Suche nach Edith Kletzhändler" rekapituliert ein einsamer, fassungsloser Mann, wie seine Frau, die nur rasch aus dem Haus ging, um Cognac zu kaufen, von Terroristen (oder der Polizei) aus Versehen erschossen wurde.

In Philipp Löhles Minidrama "Big Mitmache" rotten sich vier große Kinder zu der brutalst möglichen Terrorbande zusammen, um "das System" zu bekämpfen. Weil in der Anstalt, in der sie einsitzen, weder Waffen noch Sprengstoff zur Verfügung stehen, wollen die Schrecklichen Vier mit Bekennerschreiben die Verantwortung für alle Verkehrstoten übernehmen. Blöderweise, wenn auch dramaturgisch nicht ganz schlüssig, machen ihnen die autofreien Sonntage im Winter 1973 einen dicken Strich durch die Terror-Rechnung.

Jagd durch die Zuschauerreihen

Während die beiden ersten Lieferungen der Deutschlandsaga (sie umspielten die 50er und 60er Jahre, wir berichteten) eher Heimsuchungen glichen, die einem ein zorniger Theatergott auferlegt hatte, herrschte diesmal eitel Jubel und Wohlgefallen. Die Stücke: deutlich besser in der Qualität. Robert Borgmanns und Jan-Christoph Gockels Regie: aus Niederlagen klüger geworden. Die Schauspieler: mit Spaß bei der Sache und sowieso bisher schon die Rettung aus allerhöchster Dramennot.

Besonders Ursula Doll, in "Freiburg" allein gegen alle gestellt, zeigte sich entschlossen, die 70er auch wieder fühlbar zu machen. Also jagte sie erst einmal – "wir drehen das Ganze heute einmal um!" – das Publikum, das es sich gerade zum Gaffen bequem gemacht hatte, von seinen Sitzen auf die Bühne, wo es stehend oder jahrzehntgerecht am Boden kauernd Dolls Spielgänge durch die Zuschauerreihen verfolgte. Drei Damen, die sich geweigert hatten, ihre Plätze aufzugeben, bezog Doll kurzerhand in ihr Sitzen und Sinnen, ihr Sprechen ohne Punkt und Komma und Zack-zack-alle-Stühle-hochgeklappt mit ein. Erst als die auf den Unterseiten der Sitzflächen klebenden Politikerportraits – für Lünstedt Repräsentanten einer Vätergeneration, die sich in den Siebzigern klammheimlich von Tätern zu Opfern umlogen – herunterklappten, trollten sich die drei standhaften Ladies und überließen Doll das Feld.

Gelungener Umgang mit dem Irrsinn terroristischer Selbstermächtigung 

Ihre mit seltsam unbewegter Miene und latenter Hysterie im Leib interpretierte Lebenserzählung einer heute gut 50jährigen Künstlerin gab am genauesten die in den 70ern verbreitete Selbstgerechtigkeit der gegen ihre stummen, autoritären Väter rebellierenden Jungen wider. So wirkte es wie ein nachgeholtes Versöhnungsangebot, als Doll zum Abschluss gemeinsam mit einem verlegenen Herrn aus dem Publikum ein brüchig rührendes "Kein schöner Land" sang.

Wo Ursula Doll und später auch Lore Stefanek als tote Edith Kletzhändler Proben einer über Kabarett hinausgehenden Spielkunst abgeben dürfen, erfreuen Felix Römer und Niels Bormann in der "Big Mitmache" als Chef und Unterling der Terrorgruppe "Fotze", die es auf das System, also auf "alles, was Scheiße ist", also auf "Busfahren, Rosenkohl und Sand zwischen den Zehen" abgesehen hat. Römer als cholerischer Fassbinder-Verschnitt beisst Bormann, Bormann begeistert sich an Römers Charisma, während Ina Tempel schwer von K.P. ist und Doll ungerührt Stadt Land Fluss spielt.

Bleibt als Fazit dieses am Terrorismus und seinen Begleitumständen über Gebühr interessierten Abends, dass Löhles Farce wohl die angemessenste Weise darstellt, im Nachhinein mit dem Irrsinn terroristischer Selbstermächtigung umzugehen.

 

Deutschlandsaga - drei Kurzstücke zu den 70ern
Uraufführungswerkstatt

Freiburg

von Claudius Lünstedt
Regie: Robert Borgmann

Big Mitmache
von Philipp Löhle
Regie: Jan-Christoph Gockel

Überfall. Auf der Suche nach Edith Kletzhändler
von Lorenz Langenegger
Regie: Jan-Christoph Gockel

Raum: Magda Willi, Kostüme: Esther Krapiwnikow, Musik: Alexander Britting.
Mit: Niels Bormann, Ursula Doll, Felix Römer, Lore Stefanek, Ina Tempel.

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Das "deutsche Gegenwartstheater leidet an Gegenwartssucht", schreibt Gerhard Jörder in der Zeit (7.2.2008). "Es scheut das Imperfekt wie der Teufel das Weihwasser." Das "Deutschlandsaga"-Projekt sei daher "umso richtiger, umso wichtiger". Der Start (zu den 50er Jahren) sei allerdings "peinlich" misslungen: Die Schaubühne habe die "hohen Erwartungen, die das große Thema und der Markenname "Schaubühne" auslösten, schlicht unterschätzt". Die "traurige Bilanz" nach den 50ern und den 60ern könne nur lauten: "So hat es keinen Sinn." Jetzt aber, bei den 70ern, müsse "ein kleines Wunder" geschehen sein. Denn nach diesem Teil könne man vermelden: "Noch ist Deutschland nicht verloren." Die präsentierten Stücke seien "beachtlich", die Regisseure befänden sich "auf Höhe der Texte" und die Schauspieler "finden zu ihren Rollen". Fazit: "Land in Sicht."

In diesem dritten Teil der "Deutschlandsaga" habe man es, schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (2.2.2008), "mit Texten und Inszenierungen zu schaffen, die einer Auseinandersetzung würdig sind." In dem Monolog "Freiburg" blicke  Lünstedt "weder im Zorn noch mit Arroganz zurück", denn er wolle erst einmal "wissen, wie es war in den 70ern" war und habe so eine Theaterprosa geschrieben, die "durchlässig für gegenwärtige Erfahrungen" sei, ohne "das Vergangene in schnöder Aktualität oder stumpfem Historismus zu ersticken." Und siehe da: "Mit stärkeren, tragbareren Vorlagen" würden sich auch die beiden "Dauerregisseure" Robert Borgmann und Jan-Christoph Gockel "sichtlich leichter tun". Mit Philipp Löhles "Big Mitmache" wechsle der Abend zwar harsch die Tonart, ohne allerdings "an Überzeugungskraft zu verlieren." Und "dezent, fast zärtlich" sei Langeneggers "Überfall" inszeniert: "Weder die Stücke noch ihre Uraufführungen geben sich mit Klischees zufrieden. So wird Denk-Stoff geliefert. Endlich!"

 
Kommentar schreiben