Mondsüchtige in Neverland

von Hartmut Krug

Dresden, 31. Mai 2014. Ein weiter Wintergarten, wie aus jeder Zeit gefallen. Draußen, hinter den hohen gläsernen Wänden, huschen die Menschen wie Schatten im wabernden Nebel zwischen kahlen Bäumen. Wer drinnen ist, präsentiert sich im Konzert der Stimmen wie eine Traumfigur auf der Suche nach Sinn.

Gedanken, Geschrei, Getobe

Regisseurin Friederike Heller entwirft am Staatsschauspiel Dresden mit Dostojewskijs "Dämonen" kein historisches Panorama und fügt die Figuren nicht in einen klaren sozialen Rahmen, sondern schafft mit einem szenischen Visionsraum eine zugleich virtuelle wie surreale Welt – in der Peter Thiessen, Sänger der Hamburger Band Kante, immer wieder Puschkins dem Roman vorangestellte Gedichtzeile "Keine Wegspur, nichts zu sehen, wissen wir noch, wo wir sind?" singt. Denn die Menschen, die hier auf der Suche nach der richtigen Lebens- und Gesellschaftsform sind, entgleiten einander und sich selbst wie Mondsüchtige in Neverland.

Daemonen4 560 MatthiasHorn uDiskutieren und toben – Ben Daniel Jöhnk (als Lebjadkin), André Kaczmarczyk (als Nikolaj).
© Matthias Horn

Friederike Heller setzt auf Atmosphäre und füllt den Erzählraum mit einem Gewitter aus Licht und Farben, Ton und Gesang – und damit mit viel Bedeutung. Psychologisches Entwicklungsspiel und genaue soziale Figurenzeichnung, das gibt es hier nicht. Die Figuren sind in ihrer klaren Eindeutigkeit zuweilen bis in die Karikatur geschraubt. Immerhin zehn sind aus der Personalfülle des knapp 1000 Seiten umfassenden Romans ausgewählt, von denen einige zu Beginn vor dem Vorhang präsentiert werden: Stepan Trofimowitsch (Torsten Ranft), einst Hauslehrer bei der reichen, verwitweten Gutsbesitzerin Warwara Petrowna (Nele Rosetz), und ihre Söhne, die Protagonisten des revolutionären, gesellschaftsverändernden Denkens, das die unzufriedenen Menschen in der Provinzstadt umtreibt. André Kaczmarcyk gibt Warwaras Sohn Nikolaj als eitlen Melancholiker und schwarzen Romantiker: stets posenhaft und ganz in schwarz, grüblerisch zerrissen in sich und mit zugleich faszinierender wie bedrohlicher Ausstrahlung. Thomas Braungardt ist als Stepans Sohn Pjotr zappelig und sprunghaft, ein schneller Dauerdenker und Redner, dem seine Emotionen in die Gliedmaßen fahren.

Die Erzählkonstruktion des Romans und dessen Übergänge ins Szenische übernimmt und nutzt die Regisseurin durchaus geschickt. Immer wieder wenden sich Darsteller ans Publikum, wechseln ins Spiel, nehmen das Mikrofon zur Hand, spielen miteinander, mit ihren Gedanken und mit uns. Überdeutliche, fast schrille Darstellung, heftiges Körperspiel mit viel Geschrei und bewegtem Getobe. Es herrschen klare Gesten, deutliche Haltungen, die nicht aus den Figuren geholt, sondern auf sie projiziert werden.

Didaktischer Totentanz

Allesamt sind sie von Anfang an desorientiert und kaputt und wirken oft zugleich etwas albern. So ist es schwer, diese Bühnenmenschen ernst zu nehmen oder spannend zu finden. Sie sind eben vor allem und allein Bedeutungszeichen. Cathleen Baumanns als leicht irre und körperlich behinderte heimliche Ehefrau von Nikolaj ist ein schönes Humpelmonster voller plötzlich ausbrechender Sehnsüchte, ihr Bruder ein Hauptmann in kurzen Hosen (weil unreif). Und wenn Stepan von Warwara aus deren Haus gewiesen worden ist, zieht er ständig sein Bett hinter sich her (Achtung: Altersbequemlichkeit und Unbehaustheit!). Wer hier tollpatschig ist, wirft beim Eintreten in den Raum die Ikone herunter (die später von einer Madonna ersetzt wird). Und wer an einer Heilsidee hängt und sich an der Existenz von Gott abarbeitet, dribbelt stets mit einem roten Ball umher.

Dieser Totentanz kommt also denkbar deutlich daher. Und überdies recht statisch. Die Inszenierung wirkt weniger spielerisch als didaktisch. Sie nimmt uns nicht mit den Figuren auf deren Reise in Hoffnungs- und Illusionswelten, sondern lässt uns nur die Draufschau auf diesen endzeitstimmrigen Reigen der Gefühle und Ideologien. Hier gibt es von Hellers Seite aus keine wirkliche Haltung gegenüber den Figuren – und damit auch keine Spannung. Nur zeit- und ortlose Figuren, die wie in die Grobheit getriebene Tschechow-Typen wirken, also auch von heute sein könnten ...

Daemonen2 560 MatthiasHorn uRevolutionäre Sitzung der Bürger unter Tiermasken © Matthias Horn

Wie Dostojewskij in den "Dämonen" private Gefühle, Liebesbeziehungen und gesellschaftliche Intrigen mit den unterschiedlichsten sozialen, sozialistischen, stalinistischen Ideen kollidieren lässt, macht die Inszenierung zwar durchaus deutlich. Wenn Pjotr am Schluss aber zum mörderischen Faschisten wird, der, weil seine weitergehenden Ideen scheitern, seine Mitstreiter töten lässt, dann wirkt das vor allem als Knalleffekt in einem zunehmend durch Spannungslöcher humpelnden Abend. Die Wendung kommt unvermittelt, auch wenn die Diskussionsstufen zuvor durchspielt, das heißt: durchredet worden sind.

Die Natur kehrt zurück

"Jetzt habe ich nur noch mich", sagt der Erzähler Wirginskij, nachdem Nikolaj, der sich selbst erhängt hat, vom Himmel geschwebt ist. Und der Wintergarten steht weit offen. Die Zerstörung der Menschen wird auch durch die Rückeroberung des Spielraums durch die Natur gezeigt, die mit Sand, Gras und toten Bäumen in den Wintergarten eingezogen ist.

Wirginskij aber ist für sechs Jahre nach Karlsruhe gegangen, sagt er. Und war dort im Gemeinderat für Entwässerungsfragen zuständig. Und das, obwohl er zuvor, in der russischen Kleinstadt Dostojewskijs, doch den hin- und herwogenden Diskussionen um die neue Gesellschaft oder um Diktatur und Entmenschlichung oder um Gleichheit und Terror beigewohnt hat. Was ihm bleibt, ist die Erfahrung von bösen Geistern. Jetzt ist das banale Leben. Mit einer stillen Implosion geht eine Inszenierung zu Ende, die dem Zuschauer trotz aller Turbulenz fern bleibt.

 

Dämonen
nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij
Deutsch von Swetlana Geier
Bühnenfassung von Friederike Heller und Felicitas Zürcher
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüm: Sabine Kohlstedt, Musik: Peter Thiessen, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Torsten Ranft, Nele Rosetz, André Kaczmarczyk, Thomas Braungardt, Nadine Quittner, Benjamin Pauquet, Cathleen Baumann, Ben Daniel Jöhnk, Jonas Friedrich Leonhardi, Duran Özer, Peter Thiessen (Elektronik, Gesang, Klavier), Sebastian Vogel (Schlagzeug, Elektronik).
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Bei den Wiener Festwochen im Sommer 2010 stemmte Peter Stein Dostojewskijs Dämonen als Zwölf-Stunden-Theater mit sechs Pausen und 26 SchauspielerInnen auf die Bühne.


Kritikenrundschau

Mancher Gedanke in Hellers Inszenierung komme nur als Ahnung rüber, schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (2.6.2014). "Aber diese Ahnung hat es in sich." Die Bühne erlaube eine Menge an Spielerei und verdeutliche: "Niemand kann sich sicher fühlen, auch die nicht, die drinnen sind." Es gelinge der Regie nicht immer, die unzähligen Figuren zur Genüge zu gestalten. Aber Heller Stärke seien ja gerade nicht die authentischen Dialoge, "die Zuschauer zum trägen, wissenden Nicken zwingen", sondern die Komposition von Bildern. Heller erzeuge mit den "Dämonen" eine "deutliche, ziemlich düstere Grundstimmung", die hängen bleibe. Außerdem sei der Abend "die Stunde einer neuen, jungen Schauspieler-Generation in Dresden". "Nicht alle sind neu am Haus, aber hier kommen sie in solch geballter Wirkung zum Einsatz, dass es eine Freude ist." Lobend erwähnt werden André Kaczmarczyk, Thomas Braungard, Jonas Friedrich Leonhardi, Nadine Quittner, Cathleen Baumann, Torsten Ranft und Nele Rosetz.

"Die Regie und die Darsteller mühen sich redlich darum, aus all den Versatzstücken eine aktuell wirkende, allgegenwärtige Landkarte des Bösen-Geister-Befalls zu zeigen", schreibt Bistra Klunker in den Dresdner Neuesten Nachrichten (2.6.2014). Doch die Figuren erführen kaum eine Entwicklung, "sie agieren zu oft schreiend und aufgereizt, so dass Nuancen kaum Platz haben". All zu verwitzelt kämen die textlastigen Dialoge daher, "sie tragen nicht, sie verwirren und projizieren nur." Verdichtung der überbordenden Dostojewski-Handlung in eine Figurengeschichte spüre man nur selten – etwa bei Duran Özers Kirillow und bei Cathleen Baumanns Marja.

"In Dresden denkt man offenbar: Wir wissen es besser. Und wir sind auch besser! Wir machen aus Dostojewskij einen Tschechow", sagt Stefan Petraschewsky auf MDR Figaro.
Das sei anmaßend und im Grunde genommen auch eine Geringschätzung der Autoren, "wenn man einen XXL-Roman sozusagen zusammentwittert". Die Figuren seien allesamt grandiose Spielvorlagen für Schauspieler, "aber es sind zu viele – warum: Weil es Romanfiguren sind. Und im Roman hat man mehr Zeit." Dramaturgie und Regie hätten es versäumt, Akzente zu setzen. Großartig sei das Licht von Michael Gööck. Wie er die Szene und die Figuren beleuchtet, sei Weltklasse – "fast könnte ich sagen: man sollte sich das Stück in Dresden nur wegen des Lichts ansehen, wenn der Rest nicht so langweilen würde."

 
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