Sport, Spiele, Unterhaltung

von Andreas Kotte

Leipzig 4. Juni 2014. Wie wird eigentlich Theater in der Dewey-Dezimalklassifikation widergespiegelt, dem am meisten verbreiteten Standard für die Erfassung von Publikationen? Die DDC wird in 135 Ländern weltweit genutzt, natürlich auch für die Deutsche Nationalbibliografie.

Theater erscheint hier nicht neben den anderen Künsten auf der zweiten Klassifikationsebene, es erscheint überhaupt nicht als Theater, sondern unter "Sport, Spiele, Unterhaltung" werden in einer dritten Ebene dann drei seiner Ausprägungen aufgeführt. Könnte das nicht ein Ansporn sein für eine hundertjährige Wissenschaft, ihre Ansprüche auf Sichtbarkeit offensiver zu vertreten? Am Beispiel der Theaterhistoriographie wird der Frage nachzugehen sein, welche Gründe zu einer solchen Außensicht führten. Ist vielleicht doch die interdisziplinäre Offenheit der Theaterwissenschaft mehr Fluch als Chance?

Theater als Wurmfortsatz des Dramas
Im Diskurs der griechischen Antike ist Theater stark vertreten, im Mittelalter wird es ausgeschlossen, mit der Aufklärung holt man es zurück in den Diskurs, aber vor allem als Wurmfortsatz des Dramas. Theater wird in Bezug auf andere Künste verhandelt. Dort, wo es das teilweise chaotische Spiel behauptet, will man es sogleich reformieren. Bildende Kunst, Musik und Literatur gelten als die echten Künste, Theater als eine zweifelhafte.

Es scheint, dass diese Denkungsart überdauert hat, trotz aller Vielgestaltigkeit von Theater.
"Theatergeschichten" verhandeln nicht nur Theaterbegriffe, sondern auch die Relevanz von Theater und seiner Wissenschaft. Sie bilden das geeignete Medium, ein dramenzentriertes Theaterverständnis zu überwinden. Deshalb überrascht es, dass sich die "Theatergeschichten" der letzten 50 Jahre an der literarisch-dramatischen Sichtweise der "Storia critica de' teatri antichi e moderni" von 1777 orientieren, verfasst von Pietro Napoli-Signorelli.

Schlagwortkatalog 560 Dr.MarcusGosslerWiki uWo ist das Theater? © Dr. Marcus Gossler/Wikipedia

Aus dem Vergleich der neueren "Theatergeschichten" mit ihrem Modell ergeben sich für die Theaterhistoriographie eine Reihe von Leitfragen, von denen mindestens drei so gravierend sind, dass sie die Haltungen der Theaterwissenschaft und die Haltungen gegenüber der Theaterwissenschaft prägen, wodurch letztlich die Position dieser Wissenschaft im Forschungsgefüge mitbestimmt wird.

Die Leere der Theatergeschichte
Im Streit darüber, ob es einen Ursprung von Theater gebe oder mehrere Ursprünge, hat sich in den neueren Theatergeschichten die zweite Position inzwischen durchgesetzt. Aber wo diese Ursprünge liegen, bleibt weiterhin strittig. Liegen sie im Griechenland des 6. Jahrhunderts vor Christus, wofür die Quellenlage spricht und literaturwissenschaftliche Konzepte plädieren, oder liegen sie in dunkleren Zeiten vor etwa 40.000 Jahren, aus welchen Fundstücke bekannt sind, die das Vorhandensein von Musik und bildender Kunst belegen?

Ob sich die Forschung hier für eine gemeinsame Entstehung der Künste oder dagegen entscheidet, lenkt den Diskurs in die eine oder andere Richtung. Die Entscheidung für die griechische Antike gibt Melvil Dewey und der Verbannung von "Bühnenkunst" in die dritte Klassifikationsebene recht.

Die so genannte "Leere der Theatergeschichte" (Signorelli) verringert sich zwischen Napoli-Signorellis Theatergeschichte und den heutigen zumindest auf die Hälfte, auf die Zeit zwischen 530 und 930. Im 10. Jahrhundert entstehe dann Theater neu, und zwar aus dem Ostertropus. Wer dies wegen der Nähe zur Liturgie nicht akzeptiert, ortet Theater ab dem 13. Jahrhundert in weltlichen Schauspielen oder gar noch später in den Fastnachtsspielen oder im Humanistendrama. Der Literaturwissenschaft gebührt das Verdienst, dieses Forschungsfeld zu bearbeiten, während die Theaterwissenschaft mit ihrer vielleicht ausdifferenzierteren Theaterbegrifflichkeit Abstinenz übt, was für den Diskurs nicht folgenlos bleibt.

Das Eigene der Theatergeschichte
Eine weitere systemrelevante Sollbruchstelle wird im 20. Jahrhundert offenbar: Es ist die Frage nach dem Verhältnis von Theater und audiovisuellen Medien. Wenn Medienforscher nicht nur eine Explosion der audiovisuellen Produkte konstatieren, sondern darin auch die Aufhebung von Theater erblicken, kann man sich vice versa die Frage stellen, ob nicht das, was sich vor einer Kamera als szenischer Vorgang abspielt, eine Ende des 19. Jahrhunderts neu entstandene Theaterform ist.

Kommt auch dem, was am Set geschieht, wenn Schauspielerinnen oder Moderatoren vor dem Aufnahmeteam agieren, der Titel Theater zu? Vielleicht, bis sich etwas besseres findet, der Titel "Medientheater"?

Kann es sein, dass die Haltung zu diesen drei Gegebenheiten das Profil einer Forscherin oder eines Forschers in der Theaterhistoriographie mitbestimmt, gleichgültig, ob sie oder er je darauf explizit eingehen? Berührt an diesen Drehpunkten der historiographische Diskurs vielleicht den Eigensinn der Theatergeschichte? Sollte man die Dewey-Dezimalklassifikation wie bisher belassen oder ändern?

 

Kotte 120Andreas Kotte
ist seit 1992 Professor für Theaterwissenschaft an der Universität Bern und seit 2005 Co-Leiter des internationalen Projekts STEP – Project on European Theatre Systems. Forschungen zur Theatergeschichte und zur systematischen Theaterwissenschaft. Herausgeber der Buchreihen Theatrum Helveticum und Materialien des ITW Bern, 27 Bände, sowie der drei Bände Theaterlexikon der Schweiz (2005; 2012 online). In UTB sind erschienen: Theaterwissenschaft. Eine Einführung (2005, 2012) und Theatergeschichte. Eine Einführung (2013).

 

Diese Thesen sind die Kurzfassung eines Vortrages, den Andreas Kotte im Rahmen der Ringvorlesung Theaterwissenschaft: Aus Tradition Grenzen überschreiten am 4. Juni 2014 an der Universität Leipzig hält. Die Ringvorlesung findet aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums des Instituts für Theaterwissenschaft Leipzig statt. Dem Institut droht die Schließung. Das Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.

Weitere Thesen: Matthias Warstat hat sich mit der Protestform der direkten Aktion befasst, Christopher Balme mit der globalen Theatergeschichte.

 
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