Überschwang der Geometrie

von Sabine Leucht

München, 4. Juni 2014. Schon die Entstehungsgeschichte ist ein Stoff, der viele weitere Geschichten anstößt: Zum Beispiel die Tatsache, dass Oskar Schlemmer sein "Triadisches Ballett" Anfang der 1920er Jahre als Gegenpol zum Ausdruckstanz entwarf – und es ein halbes Jahrhundert später ausgerechnet ein ehemaliger Mary Wigman-Schüler war, der die Schlemmerschen Figurinen wieder zum Tanzen brachte. 1977 fand in Berlin die Uraufführung von Gerhard Bohners choreografischer Neufassung des "Triadischen Balletts" statt, und obwohl es auch davor und danach einige wenige Versuche gab, das offenbar nicht gerade gefeierte "Original" zu rekonstruieren, war es vor allem Bohners bis 1984 tourende Version, die so unterschiedliche Künstler wie Tadeusz Kantor und Laurie Anderson nachhaltig inspirierte.

Frisch aufpolierte Kugelrock-, Draht- und Spiralmenschen

Wie sie aussah, kann man jetzt wieder erleben, denn die damals in über 80 Vorstellungen unter etlichen Masken und Röcken steckenden Solisten Ivan Liška und Colleen Scott haben nun in München die Rekonstruktion der Rekonstruktion auf die Bühne gebracht. In der Reithalle feierte die Neueinstudierung des Ballettdirektors und der Ballettmeisterin des Bayerischen Staatsballetts Premiere, um recht bald an die koproduzierende Akademie der Künste in Berlin weiterzuwandern. Im November wird der Abend im Rahmenprogramm einer Schlemmer-Ausstellung an der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen sein, die in ihrer ständigen Sammlung sieben der letzten Originalkostüme von 1922 beherbergt.

Triadisches1 560 CharlesTandy uVielfarbiger Glanz: Die Rekonstruktion der Rekonstruktion.   © Charles Tandy

Wie aber wirkt nun die sagenumwobene Schlemmer-Übermalung heute? Wie museal wirken die von der Kostümabteilung des Staatstheaters frisch aufpolierten Kugelrock-, Draht- und Spiralmenschen, die michelinmännchenhaft ausgestopften Körper? Wie macht sich die in den formphantastischen Überschwang getriebene Geometrie? Zunächst einmal: Erstaunlich munter! Der vom Tanzfonds Erbe der Bundeskulturstiftung ermöglichte Abend ist nämlich ganz und gar kein gravitätisches Herumtragen von heiligen Kunstwerken, auch wenn die von Bohners Kostümbildnerin Ulrike Dietrich einzeln bei Künstlern in Auftrag gegebenen Kostüme optisch der Hammer sind, wenn sie mit ihrem vielfarbigen Glanz aus der schwarzen Bühne herausleuchten.

Wohltemperiert ohrenbetäubend

In München lässt man statt der drei Tänzer, die ursprünglich alle 12 Tänze tanzen und alle 18 Kostüme füllen sollten, fünf auftreten. Und statt der bereits existierenden Musiken, die Schlemmer seinem bekanntesten Werk vermutlich deshalb unterlegte, weil er für mehr kein Geld hatte, ertönt zu Bohners Ballett industriezeitaltrige Ingenieurs- respektive Baumeistermusik mit viel Blech; ihr Wohlfühlfaktor liegt irgendwo zwischen Schönberg, Peter Brötzmann und Metallsäge. Sie klingt fast zeitlos modern und auf wohltemperierte Weise ohrenbetäubend. Und dennoch dominiert das Mensch-Maschine-Thema nicht die Choreografie; die Fremdgesteuertheit der Figur, die allein schon dadurch entsteht, dass der Tänzer die sperrigen, schweren und gewiss nicht atmungsaktiven Kostüme weniger anhat "als dass sie ihn anhaben, dass weniger er sie trägt als dass sie ihn tragen." So Schlemmer.

Triadisches2 560 WilfriedHoesl uGrafisch-anatomisches Spiel mit dem Bild vom "neuen Menschen"?  © Wilfried Hoesl

Bohner (und Liska in seinem Gefolge) aber lässt es flott zugehen, baut die wenigen von Schlemmer so genannten "Zwei-" und "Dreitänze" des eigentlich handlungslosen Balletts zu kleinen Balz- und Eifersuchtsszenen aus, inszeniert trotzige Gören und Kindsköpfe, die Piouretten drehen, auf Spitze tanzen und sogar Hebefiguren wagen, wobei man dabei das Material knarzen hört und das Eigengewicht der phantasievollen Röcke die Leichtigkeit der Tänzerinnen (wie die der Bewegungsanmutung) relativiert. Es ist vermutlich das, was dem Nachwuchs-Ensemble des Bayerischen Staatsballetts II die Gewissheit gibt, mehr als Mannequins für eine historische Kostümpräsentation zu sein. Doch es sind auch genau jene Stellen, an denen es tänzerisch eher konventionell zugeht.

Zwischen Ding und Mensch

Spannender wird es da, wo durch einfache Schritte, eine halbe Verbeugung oder Drehung eine Irritation entsteht, der schimmernde Perlmuttrock von der Seite plötzlich wie ein Blasebalg aussieht oder die gymnastikballgroßen Kugeln an den Armen von "Kugelhände" in der Wahrnehmung zu multiplen Waffen mutieren. Wenn eine Figur plötzlich vibriert, als stünde sie unter Strom. Oder in ein paar wenigen immergleichen Armbewegungen eine große Ratlosigkeit liegt.

Es ist nicht allein das grafisch-architektonische Spiel mit dem Verschieben von Anatomien – die plötzliche Verkürzung der Arme ebenfalls bei "Kugelhände" oder der Effekt, wenn die vom Scheitel bis zum Schritt in ein flaches Rund gepressten "Scheiben"-Männer sich drehend von der Zielschreibe plötzlich zu Angreifern werden. Es ist auch die latente Bedrohung, die von diesen Figuren ausgeht, die zwischen Ding und Mensch, zwischen organischer Bewegung und noch nicht recht in die Gänge gekommener Mechanik in der Schwebe sind, die – bilde ich mir ein – dem Vorhaben Schlemmers näher kommt, so kurz nach dem ersten Weltkrieg den Menschen neu zu definieren.

Ein bisschen ist es auch so, als würde man hier einigen alten Bekannten begegnen. Weil das, was man zu sehen bekommt, längst schon Kreise gezogen hat. Nicht nur in das Theater Robert Wilsons oder Achim Freyers, Merce Cunninghams oder Andreas Kriegenburgs hinein. Denn es kommt einem auch der ketzerische Gedanke, ob der Schöpfer der Teletubbies wohl den tapsigen "Taucher" kannte, der so putzig mit dem dicken Unterleib wackelt, bevor er die Troddeln an seinem armlosen Rumpf zum Schwingen bringt – und hüpft.

 

Das Triadische Ballett
von Oskar Schlemmer
Choreografie: Gerhard Bohner (1977) Musik: Hans-Joachim Hespos (vom Tonträger) Kostümkonstruktion und Neufassung: Ulrike Dietrich, Rekonstruktion und Neuproduktion und Einstudierung: Colleen Scott, Ivan Liška.
Mit: Nagisa Hatano, Nicholas Losada, Marta Navarrete Villalba, Sebastian Goffin und Florian Sollfrank.

www.bayerische.staatsoper.de

Kritikenrundschau

"Es könnte sein, dass die Wiederaufführung von Bohners Version des 'Triadischen Balletts' ein ähnlicher Erfolg beschieden ist wie 1977", schreibt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2014). Denn die Tänzer Nagisa Hatano, Marta Navarrete Villalba, Alisa Bartels, Nicholas Losada, Sebastian Goffin, Alexander Bennett und Florian Sollfrank haben es aus ihrer Sicht "bravourös gemeistert, die steifen und originalen Kostümnachbauten, die für die Rekonstruktion des Choreografen Gerhard Bohner im Jahr 1977 angefertigt wurden, mit Leben zu erfüllen."

Bei allem Respekt vor den seinerzeit visionären Ideen des Bauhaus-Künstlers: Tänzerisch bietet die Ausgrabung auch in der aufgepäppelten Version Gerhard Bohners aus Sicht von Volker Boser von der Münchner Abendzeitung (5.6.2014) kaum spannende Momente. "Da ein Trippelschritt, dort eine Arabeske, Clownerien auf Sparflamme, geometrisch ausgetüftelt, hölzern, ungelenk und steif. Die Tänzer der Junior Company, angeführt von Florian Sollfrank, waren als Kostümträger gefordert. Das 'Triadische' aufzuspüren, nämlich den Dreiklang zwischen Kostüm, Bewegung und Musik, war höchstens als Absicht erkennbar."

Auch wenn sich Elisabeth Nehring in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandradio (4.6.2014) zuweilen fragt, "wie viel das zuweilen stark typisierte Getändel auf der Bühne noch mit dem Original zu tun haben mag", bleibt diese Version der Juniorcompanie des Bayerischen Staatsballetts aus ihrer Sicht "ein Abend, an dem wir staunend vor der wunderbaren Frische der Vergangenheit stehen".

Es handele sich "um simple, relativ steife Bewegungen aus dem Ballettrepertoire", schreibt Isabelle Jakob in der Neuen Zürcher Zeitung (7.6.2014). "Als virtuos würde man die Tänze mitnichten betiteln. Vielmehr kommt man ins Nachdenken über die Ausführbarkeit der Abläufe, denn die Kostüme scheinen die Körper der Tänzer richtiggehend in ihrer Bewegungsfreiheit zu hemmen." Das zeuge "bisweilen von einer rührenden Komik, und manchmal wirkt es so, als ob das Ballett leicht, aber gleichzeitig sehr liebevoll auf die Schippe genommen würde." Das Ganze sei "nicht nur amüsant, sondern vor allem sehr anmutig anzusehen." Es sei hier "ein wahrlich wunderlicher Abend gelungen. Ein Abend fern jeder Zeit."

 

 
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