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In einem Zustand der Verwirrung

von Peter Schneeberger

Wien, 31. Januar 2008. Im Frühjahr 2003 veränderte Gary Bartlam Großbritannien für immer. Nachdem der englische Soldat aus dem Irak heimgekehrt war, gab er seine Fotos vom Einsatz in Basra bei einer Filiale der Drogeriekette Max Spielmann zum Entwickeln. Eine Angestellte entdeckte darunter Bilder, auf denen irakische Gefangene gefoltert wurden, und alarmierte die Polizei. Die schockierenden Fotos lösten in der britischen Öffentlichkeit einen Aufschrei der Empörung aus.

Auch Danny hat in Basra gekämpft. Er ist 25 Jahre alt, moralisch verwahrlost – und der Protagonist von Simon Stephens' düsterem Theaterstück "Motortown", das zuletzt in Bremen und Zürich inszeniert wurde und nun auch im Wiener Akademietheater Premiere hatte. Die lose Abfolge kurzer Szenen bietet alles, was man in neuen deutschen Dramen oft vergeblich sucht: Aktualität gepaart mit politischer Brisanz.

Untersuchung des moralischen Chaos'

"Das Stück entstand in einem Zustand der Verwirrung", erzählt Simon Stephens, der den Text 2005 in nur vier Tagen zu Papier brachte. "Ich war verwirrt darüber, dass ich mehr Sympathien gegenüber dem Infanteristen Gary Bartlam empfand, der wegen zahlreicher Verbrechen an irakischen Gefangenen verurteilt wurde, als gegenüber prominenten Kriegsgegnern wie Harold Pinter und Damon Albarn. Ich habe es nicht für oder gegen den Krieg geschrieben. Ich wollte mit der mir größtmöglichen Ehrlichkeit das moralische Chaos in England untersuchen.

Das hohe Tempo, in dem das Stück geschrieben wurde, ist "Motortown" anzumerken: Der Plot ist grob geschnitten, die Figuren sind hart am Rand zum Klischee gezeichnet. "Ich komme heim, und es ist ein völlig fremdes Land", sagt Danny wehleidig, nachdem er ein 14-jähriges Mädchen skrupellos gefoltert und erschossen hat. Längst wurde er von seiner Freundin für einen anderen verlassen, auch sonst will im schockierten England von den einstigen Helden des Vaterlandes niemand mehr sonderlich viel wissen.

Allerlei Missverständnisse

In Wien spielt Nicholas Ofczarek den sich selber und der Gesellschaft fremd gewordenen Soldaten. Wie ein Harlekin auf Drogen turnt sich der Publikumsliebling durch den knapp zweistündigen Abend: Seine Gewaltausbrüche sind ebenso unvorhersehbar wie unmotiviert. Dabei ist Danny gar nicht so irre, wie Ofczarek ihn spielt. Dieser brutale Kerl ist nicht verrückt, er ist verzweifelt und moralisch abgestumpft.

Derartige Missverständnisse prägen die Inszenierung von Andrea Breth, die mit "Motortown" ihre letzte Arbeit unter der Intendanz Klaus Bachlers ablieferte. Seitdem sie Schillers "Wallenstein" vor eineinhalb Jahren krankheitsbedingt niederlegen musste, ist das Verhältnis zwischen dem Burgtheaterdirektor und seiner langjährigen Weggefährtin zerrüttet. Die beiden haben keinen Weg mehr zueinander gefunden: In seiner letzten Spielzeit 2008/09 kommt Bachler ganz ohne seine Hausregisseurin aus.

Als große Stilistin hat Breth regelmäßig für kleine Theaterwunder gesorgt ("Don Karlos", "Emilia Galotti"). Nun aber hat sie Stephens unprätentiös dahin geschriebene Kriegstragödie mit deutscher Schauspielkunst überfrachtet. Ofczarek aktiviert zu viele seiner Manierismen, Wolfgang Michael verniedlicht den Waffendealer Paul zum Schmierenkomödianten. Markus Meyer gibt Dannys debilen Bruder Lee: Kostümbildnerin Sabine Volz hat ihn in einen ulkigen Bademantel gesteckt, ihm falsche Zähne in den Mund geschoben und einen Vollbart angeklebt: Meyer ist eher Austin Powers als ein geistig zurückgebliebenes Arbeiterkind.

Virtuose Stilistik

Natürlich sind die brutalen Gewaltszenen gut in Szene gesetzt, natürlich weiß Breth, was an dem Abend auf dem Spiel steht: Die Verlogenheit der westlichen Welt. Doch scheitert sie letzten Endes daran, Dannys Charakter glaubhaft zu skizzieren. Ganz im Gegensatz zum britischen Regisseur Ramin Gray, der "Motortown" 2006 zu den Wiener Festwochen brachte: Mit spartanischen Mitteln trieb er das Publikum Szene um Szene ins blanke Entsetzen hinein.

Ähnlich schmucklos – aber dafür umso glaubwürdiger – agiert am Akademietheater Johanna Wokalek: Als Dannys Ex-Freundin Marley trabt sie affektfrei durch ein Leben dumpfer Anspruchslosigkeit. Eine Klasse für sich sind Andrea Clausen und Udo Samel, die als frustriertes Ehepaar einen kleinen Sexausflug in die Provinz wagen: Das präzise Spiel der beiden, ihre perfekt gesetzten Gesten bleiben an diesem Abend leider die Ausnahme.

"Motortown" unter der Regie von Andrea Breth bringt den Unterschied zwischen dem britischen und dem deutschen Theater auf den Punkt: Wo Simon Stephens schlichten Realismus fordert, trumpft Breth mit virtuoser Stilistik auf. Das Ergebnis ist ein Zwitter, der keinem der beiden Theatermacher gerecht wird: Stephens ist ein besserer Autor und Breth eine bessere Regisseurin, als dieser Abend vermuten lässt.

 

Motortown
von Simon Stephens
deutsch von Barbara Christ
Regie: Andrea Breth, Bühne: Annette Murschetz, Kostüm: Sabine Volz, Musik: Bert Wrede. Mit: Andrea Clausen, Astou Maraszto, Markus Mayer, Wolfgang Michael, Nicholas Ofczarek, Jörg Ratjen, Udo Samel, Johanna Wokalek.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Andrea Breth habe durch das Wiener Akademietheater "eine De-Luxe-Hass-Schneise gezogen", meint Peter Kümmel in der Zeit (7.2.2008). "Motortown" sei ein "In-Yer-Face"-Theaterstück, ein Stück nämlich, das mit seinen Figuren so "absichtsvoll gleichgültig" verfahre, "wie es die 'Gesellschaft' mit ihren Angehörigen tut". Breth aber könne das "Schmutzige, Beiläufige, Zerfetzte und Unmotivierte", das dem Stück anhafte, nicht "beiläufig skizzieren, sie malt es groß aus". Und die Hauptfifur Danny wolle Breth als "zugleich eingekreist und doch völlig allein gelassen" skizzieren. Deshalb setze sie Blacks zwischen die Szenen: "Bei jedem Blackout hören wir ein "Zosch", ein "Schlllzz" – als säße hinter der Bühne ein Riese, der in einem Zug mit dem Strohhalm eine Badewanne leerschlürft". Im übrigen sei Danny bei Breth als ein "Woyzeck im Videozeitalter" inszeniert: Sie habe die Figur mit "anerkennenden Regie-Tuschen" hofiert und übergossen. "Das ist ein Fall von Kitsch und umgestülptem Heldentum – und zweifellos zu viel der Ehre."

Gerhard Stadelmaier, FAZ (2.2.2008), ist dagegen ganz hin und weg. Er erlebte eine "große Höllenfahrt", die Breth aus dem Stück mache.Sie setze "mit hinreißender Leidensschärfe jede Begegnung Dannys mitanderen Unterweltmenschen als Möglichkeit in Szene, den Sprenggürtel inihm zu zünden." Bei Stephens würden immer "links die Klischees liegen", aber "rechtsdie Menschen mit ihren offenen Schädeldecken" stehen. Bretherledige die "Klischee-Seite des Stücks ein für allemal mit einem einzigenSuperschlag: durch einen Coup der Zeichen." Auf der Bühne "herumliegende Reifen, umgestürzte Bürostühle, zerbrochene Fabrikwände,rostige Felgen, zerstörte Telefone" als "apokalyptische Resteverwertung einer abgewickelten Welt." Breth spielt "grandiosfrisch und hart mit dem, womit sie immer spielt...legt Nerven, Sehnen,Herz, Hirn und blutende Seelen frei." Und weiter im Lob: "ihr Reich: das Innere. Ihr Grund: der Abgrund", keine "verklemmte, schleimverkleisterte Party" der Ganze, sondern "das tödliche Spielzündelnder gefallener Engel."

Laut Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (2.2.2008) spielt Nicholas Ofczarek den Exsoldaten "mit explosiver Wucht." In keinem Augenblick von BrethsInszenierung lasse sich vorhersehen, wie Danny im nächsten Augenblickreagieren werde. Auf der Bühne "nackte Hauswände", die eher "zufälligin einer apokalyptischen Landschaft herumstehen". Ein Bierkasten seider letzte Hinweis, dass hier noch Menschen leben. Breth setze ruppigeSchwarzblenden mit krachendem Musikeinsatz, inszeniert aber sehrtexttreu. "Dadurch treten Stärken wie Schwächen des Stückes klarhervor. 'Motortown' schwanke zwischen Realismus und Stilisierung." Breth tappe jedoch in die Realismusfalle. "Dannybringt ein Mädchen um, und Nicholas Ofczarek muss gewaltig ackern, umdie ganze Zeit richtig sadistisch zu wirken." Und Markus Meyer spieleDannys behinderten Bruder Lee mit "vorstehenden Zähnen und Dauerkauenviel zu sehr als Krüppel-Klischee".

Nach Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 5.2.2008) hinterlässt der Abend ein "seltsames Unbehagen", das von der "virtuosen Glätte" herrühre, "mit der einen diese Inszenierung kalt lässt". Als "künstlerische Soziologin" habe die Regisseurin auf die Figuren geblickt und "dieses Demonstrative prägt die Inszenierung deart, dass man auch als Zuschauer stets in beobachtender Distanz und damit außen vor bleibt".

"Die Prototypen, die Autor Simon Stephens in seinem 2006 uraufgeführtenStück 'Motortown' beschreibt, kreisen verzweifelt um sich selbst", meint Stefan Grissemann in der taz (2.2.2008). Diesen "wütenden Stillstand" fasseBreth in "einfache, dennoch wirkungsvolle Bilder." Ihre Figuren würdenum sich schlagen, "wie gegen die Gitterstäbe unsichtbarer Käfige." "Berührungen sind kaum zu bewerkstelligen, nur die Worte sind nochgeblieben.... Sie pfeifen einem um die Ohren wie Projektile." SozialerRealismus sei aber Breths Sache nicht.Nicholas Ofczarek lege Danny zu "spielfreudig" an. "Er zappelt, tänzeltund posiert." Fazit: "Unaufgelöst zwischen leicht überhöhtemDeklamationstheater und fein kalibriertem Minimalismus, gerät Breths 'Motortown'-Variation zur halben Sache.

Margarete Affenzeller schreibt im Standard (2.2.2008), dass Andrea Brethbei der österreichischen Erstaufführung am "bilderlosen, konstantgeatmeten Schrecken des Textes" folge. "Am Ende wird ein Mord stehen,und man weiß, warum." "Aus allen Ritzen" auf der Bühne "dröhne dieZukunftslosigkeit" und "unberechenbaren Zeiten bricht dasUnberechenbare aus den Körpern." Dafür sei Ofczarek der richtige Mann. "Ein Schauspielerkrieger, der mit unvergleichlichem Einsatz des Leibesauf unerhört knappem Spielraum dem schmählichen Druck seinerwiedergewonnenen Welt standzuhalten versucht." Breth mache klar: "DerKrieg beginnt schon dort, wo der Mensch am bloßen Menschsein gehindertwird." Diese letzte Arbeit Breths am Burgtheater unter Bachler könneihre Meisterwerke Emilia Galotti oder Don Carlos nicht überragen. "Esbleibt aber schlicht bemerkenswert, wie die auf Klassikerfestgeschriebene Künstlerin schwungvoll die Formate wechselt."

Und in der NZZ (2.2.2008) sieht Barbara Villiger Heilig den Schauspieler Nicholas Ofczarek als Danny "reden, lachen, heulen, rasen, wüten – und ins Nichtslaufen." Das Nichts bestehe aus dem "unüberwindlichen Graben zwischen den Leuten,die Danny trifft, und seiner dunklen Innenwelt...die er selber nur bruchstückweise enthüllt." Zwei Jahre nach ihrer "Minna von Barnhelm" bringe Breth eine "krude Fortsetzung": "das so schlacken- wie gnadenloseStationendrama eines Woyzeck-Nachfahren, dessen Soldatenschicksal sichwie ein Bunker übers Zivilleben stülpt."Der scheinbare Naturalismus von Andrea Breth beruhe auf kunstvoller Stilisierung. Begeisterung will da auch bei Villiger Heilig nicht aufkommen: "Andrea Breth geht mit 'Motortown' an die Grenzen dessen, was siekann. Oder umgekehrt: Das Stück, als wäre es ein schwarzes Loch, dasihre künstlerische Strahlkraft zu absorbieren droht, begrenzt Andrea Breths Können."

Andrea Breth, merkt Hartmut Krug am Abend der Premiere (31.1.2008) auf Deutschlandfunk an, zeige sich "als die große Erklärerin des deutschsprachigen Theaters: Sie malt alleFiguren mit psychologischem Realismus aus. Während der Autor seineFiguren einfach "setzt", erklärt die Regisseurin, die erstmals seitihrer langen Krankheit wieder ein Schauspiel inszenierte, ihre Figurenmit vielen realistischen Haltungs- und Spieldetails." Und eben weil sie jede Figurenhaltung"unbedingt erklären will, verrennt sich die Regisseurin mit ihrenDarstellern zwischen absichtsvollem Realismus und kunstfertigerKünstlichkeit in eine merkwürdige Undeutlichkeit". Schauspielerischgebe es dennoch "Kabinettstückchen" zu sehen. Insgesamt aber werde die Inszenierung in "ihrer biederenKunstfertigkeit Simon Stephens' Stück nicht gerecht wird".

Und natürlich schreiben alle Wiener Zeitungen, egal ob Boulevard oder bürgerlich-seriös, wenn Andrea Breth Premiere hatte. Barbara Petsch berichtet in der Presse (2.2.2008), Breth habe "bizarre Monster" präsentiert und entlarve Stephens"ungewollt als Brit-Shocker-Produzenten". Man sehe "perfekt geführte" Schauspielern und bei allem wisse man sofort: "Hier ist dieUnterschicht daheim, die nichts mit uns ehrbaren Bürgern zu tun hat.Auch aus diesem Grund wird die Aufführung vermutlich ein Erfolg sein."Caro Wiesauer merkt im Kurier (2.2.) an: "Eine große Regisseurin und ein tolles Ensemble trafen auf ein großes Stück, das sie mit ihren Mitteln nicht bändigen konnten." Und Hilde Haider-Pregler hat für die Wiener Zeitung (2.2.) einen "mitreißenden, präzise gestalteten Abend" gesehen.

Dirk Pilz berichtet für die Berliner Zeitung (4.2.2008) dagegen, es sei nicht "der erwartet große Abend" geworden. Breth antworte auf den Stückrealismus, "indem sie den Soldaten Danny zu einem Vorstadt-Woyzeck stilisiert, der gegen sich und seine Umwelt gleichermaßen rebelliert". Sie suche "in den Figuren eine Welt zu fassen, findet aber lediglich ein Stadtteildrama. "Motortown", ein well made Woyzeck."

 
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