Der Blick zurück

von Tim Slagman

München, 6. Juni 2014. Soheila hat mir eine Clementine geschenkt. Das heißt, richtig geschenkt hat sie sie mir nicht: Sie hat sie vor mir auf den Boden gelegt, ohne sich umzudrehen, auf ein asphaltiges Stück Theresienwiese, und ist noch ein paar Schritte weiter gegangen, während die Sprecherin Susanne Wolff mir über Kopfhörer in der Ich-Form erzählt hat, wie gerne sie, also Soheila, Obst mag.

In Dries Verhoevens "Niemandsland" geht es um die Unmöglichkeit von Nähe und darum, wie der Versuch, diese Nähe herzustellen, wiederum nichts anderes produziert als Distanz. Die Kammerspiele haben im vergangenen Jahr "Menschen mit Migrationshintergrund" gesucht, die "Theaterzuschauer durch ein migrantisch geprägtes Viertel" führen sollen und bekamen prompt heftige Kritik. Der Kulturveranstalter Tuncay Akar witterte eine "Migranten-Safari" und forderte erfolgreich eine öffentliche Diskussion zum Thema. Seine Sorge war verständlich: Wie sinnlos ist oft der Versuch, eine Scheinidentifikation herzustellen, und wie selten gelingt es Zuschauern und Theatermachern, den eigenen hegemonialen Blick zu überwinden?

Ausgestellt zwischen Berufspendlern

Doch Verhoeven, der an den Kammerspielen 2011 die Installation Dunkelkammer präsentierte, wendet immerhin zu Beginn die Mechanismen der Bloßstellung gegen die Zuschauer. Mit knapp einem Dutzend anderer bekomme auch ich ein Schild mit dem Namen meines individuellen "Guides", wir alle halten es vor uns, während wir uns der Reihe nach am Gleis aufstellen. Ich muss eine Weile aushalten, wie die Berufspendler mich neugierig und amüsiert anstarren, erst nach und nach treten die Guides aus der Anonymität der Menge hervor. Sie singen in den Kopfhörern, dann schweigen sie, zwischen ihnen und mir geschäftiges Feierabendtreiben. Als links und rechts von mir längst alle abgeholt wurden und Soheila mich mit als letzten auffordert, ihr zu folgen, bin ich ein wenig nervös.niemandsland 560 judithbuss hSchild hoch, gleich geht's los! Der Berufspendler derweil amüsiert sich. © Judith Buss

Dann wendet sie sich um, und ihre Geschichte beginnt – eine Collage auf Grundlage ihrer eigenen Erinnerungen und Meinungen. Jeder Teilnehmer hört eine andere Erzählung. Soheila ist aus ihrer Heimat geflohen, aus ökonomischen oder politischen Gründen, das verrät sie noch nicht – und während Susanne Wolff mir sagt, dass sie sich als Soheila ausgibt, um nicht über den Umweg der Stimme wieder in exotistischen Klischees zu landen, fühle ich mich wie paralysiert. Vor mir steht Soheila, zierlich, Ende Vierzig oder ein wenig älter, mit einem grün-violetten Kopftuch, schmaler Brille, Lippenstift. Sie sieht mich direkt an, fest, fordernd. Eine vollständig künstliche Situation ist hergestellt, eine Einbahnkommunikation, aus der sich der Adressierte nicht ausklinken kann. Endlich geht es weiter. Soheila wird kein einziges Wort mit mir sprechen und sich nur noch einmal kurz zu mir umdrehen.

Der weiche Konjunktiv der Erzählung

Fragmente eines Lebens und Reflexionen prasseln auf mich ein, während ich ihr durch eine austauschbare Großstadtkulisse zur Theresienwiese folge. In München jedenfalls scheitert das urbane Konzept, das Verhoeven bereits in Utrecht, Berlin oder Athen umgesetzt hat: Der städtische Raum, das "migrantisch geprägte Viertel", will kein so rechtes Eigenleben mehr entwickeln. Unterwegs erzählt Soheila, dass sie im Iran und in Eritrea im Gefängnis war, dass sie eineinhalb Tage auf der Flucht war, aber seit mittlerweile 22 Jahren als Flüchtling gilt. Sie erzählt von der Süßspeise Baklava und von ihrem Literaturstudium. Zu einer kohärenten Biographie soll sich das Ganze bewusst nicht formen, und überhaupt: Welche Biographie wäre denn schon kohärent? Und immer bleibt ein winziger Rest an Unsicherheit über den Wirklichkeitsgehalt des Gesagten, ein durchgängiger weicher Konjunktiv: "Ich könnte dir sagen, dass …".

Zwei Mal bleibt Soheila stehen, es ist kein gutes Zeichen. Sie erzählt, dass ihre Schwester vor ihren Augen vergewaltigt und verbrannt wurde. Sie erzählt, dass sie wohl einen Mann getötet hat, aber sie will es eigentlich nicht erzählen – ein uralter rhetorischer Trick. Doch da ist Verhoevens dialektisches Prinzip schon im Effekt ersoffen. Die Entsetzlichkeit des Gehörten lässt im Moment keine reflektierende Distanz mehr zu. Und gleichzeitig bin ich doch ganz Beobachter geworden, ich werde das alles bald abschütteln können, es geht längst nicht mehr um mich. Ich bin in einer Erzählung gelandet, die im einen Moment mit der Schockwirkung von Gewalt und Tod operiert, um im nächsten Clementinen an mich zu verschenken. Je furchtbarer sie wird, desto leichter fällt es mir, mich von ihr abzusetzen, weil all das mit meiner Alltagswirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Ich kann das Grausame auf mich wirken lassen, weil ich mich längst wieder sicher fühle. Mein Blick wird nicht mehr erwidert.

 

Niemandsland
Eine Stadtrauminstallation von Dries Verhoeven
Konzept und Regie: Dries Verhoeven, Co-Regie: Marjolein Frijling, Dramaturgie: Koen Tachelet, Produktionsleitung: Philip Decker.
Mit: Abdulsamet Yaman, Aida Heinemann, Ali Khoshkhabar Khamene, Ally Salum Ally, Celer Dogan, Eliane Ango, Ferdaus Wahdan, Fifamè Awunou, Hadi Tehrani, Imtithal Harders, Ioanna Okundigie, Laye Mansa, Makbule Kurnaz, Mirdamad Bosorgsade, Nasrin Ghasemzadeh, Paul Ignace Badji, Reshad Ozkan, Saleh Hassan Faris, Sanaz Eslami, Scherief Ukkeh, Sedqi Al-Saadi, Soheila Hadipour, Stimmen: Sebastian Schwarz, Susanne Wolff.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Man verstehe, worauf Verhoeven abziele, so Petra Hallmayer in der Süddeutschen Zeitung (10.6.2014). Allein: Dem Konjunktiv der Erzählung hafte etwas Unverbindliches an, "manche Passage spielt zu schlicht und suggestiv mit Schablonen und Klischee Bilder, scheint sich an Menschen einzurichten, die Flüchtlinge nur aus dem Fernsehen kennen. Die eigenen Vorurteile, kassierten Ängste und denk Stereotype bleiben unberührt, und so kann man sich innerlich bequem distanzieren, bis einen die brutale Schilderung einer Vergewaltigung aufrüttelt." Erst das Ende sei "von einer emotionalen Intensität, die man sich bei Niemandsland öfter gewünscht hätte. Zurück bleibt ein leises Bedauern, das Gefühl, die Chance versäumt zu haben auf eine echte Begegnung mit einem Menschen, dessen Geschichte man nie fahren wird."

"Was authentisch ist, erfährt man nicht – das frustriert", sekundiert Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (10.6.2014). Kommunikation sei nicht vorgesehen. "Nur Betroffenheit." Da dränge sich das böse Gefühl auf, "dass das Theater mit solcher seriellen Vermarktung von Flüchtlings-Schicksalen zwischen Doku und Verallgemeinerung nur sein und unser schlechtes soziales Gewissen beruhigen will."

Das Ziel des Abends sei im Kern lobenswert, scheibt Kathrin Hildebrand im Münchner Merkur (10.6.2014). "Es geht darum, den Zuschauer aus seiner bequemen kleinen Welt heraus zu holen und mit den Schicksalen von Menschen zu konfrontieren, die er sonst nie kennen lernen würde, die er vielleicht sogar fürchtet oder verachtet." Diese Mission scheitere jedoch oft an der Vorwurfshaltung der Texte, "die auf einen einprügeln". Besser funktionierten "jene Momente, in denen der Geführte die Entfremdung zwischen sich und den anderen aushalten muss."

 
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