Im Zweifel für den Angeklagten

von Teresa Präauer

Wien, 7. Juni 2014. "Ich bitte um Ruhe!", hört man gleich zu Beginn den strengen Gerichtsdiener ins Mikrofon sprechen, und schon wird es still im Publikum der Vorstellung von "Please, Continue (Hamlet)". Die österreichische Erstaufführung im Rahmen der Wiener Festwochen ist zugleich die 82. Aufführung von Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie.

"Please, Continue" setzt da ein, wo Shakespeares dritter Akt endet. Hamlet hat Polonius, den Vater seiner Geliebten Ophelia, getötet. Ob er dabei fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat: darüber wird nun Gericht gehalten. Und jeder im Publikum kann am Ende des dreistündigen Abends zum Geschworenen werden.

Unpräzise Wissenschaft

Im Wiener Odeon gibt es drei Zuschauertribünen – und vier Biertische, an denen der Angeklagte Hamlet und das Gerichtspersonal Platz genommen haben. Thiemo Strutzenberger als Hamlet mit "Anpassungsstörung" steht in der nächsten Szene mit dem Rücken zum Publikum und wird von der Richterin zum vermeintlichen Tathergang befragt. Danach wird Ophelia in den Zeugenstand berufen.

pleasecontinue 1 560 pierre abensur uSzene einer Aufführung von "Please, Continue (Hamlet)" © Pierre Abensur

Wie Gericht und Geschworene am Schluss über Hamlet urteilen, war in den fünf Ländern, in denen das Stück mittlerweile aufgeführt worden ist, unterschiedlich: Zirka die Hälfte aller Aufführungen endete – im Zweifel für den Angeklagten – mit einem Freispruch. Hamlet nämlich hatte sich damit verteidigt, den hinter einem Vorhang versteckten Polonius für eine Ratte gehalten zu haben. Die Verbindung von Theater und national jeweils unterschiedlichem Strafrecht soll laut Programmheft exemplarisch zeigen, dass Gerechtigkeit "keine präzise Wissenschaft" sei. In den Worten Shakespeares heißt das: "... for there is nothing either good or bad but thinking makes it so."

Wiener Randschichtfamilie

Neben Hamlet, Ophelia und Hamlets Mutter Gertrude, die allesamt T-Shirts tragen mit ihrem Namen und der in Klammern gesetzten Zuschreibung "Schauspieler" darauf, agieren an jedem Abend reale Vertreter von Justiz und Rechtsanwaltschaft: Ohne vorhergegangene Probenarbeit halten sie auf der Theaterbühne rhetorisch ihr Berufsethos hoch.

Am ersten von drei Aufführungsabenden war beispielsweise der keineswegs medien- und öffentlichkeitsscheue Verteidiger Rudolf Mayer zu erleben, wie er jovial bis amüsant für den sehr zurückhaltenden Hamlet Strutzenberger in die Bresche springt. Susi Stach als Mutter Gertrude gab einen kräftigen Auftritt im Zeugenstand: Sie hätten halt alle ziemlich viel gesoffen hier in Wien in der Gemeinschaft ihrer "sozialen Randschichtfamilie", wie es später im psychiatrischen Gutachten heißen wird.

Scripted Reality

Also wie? Wien im vergangenen Jahr 2013, prekäres Milieu: Diese Burschen trügen eben gern ein Messer bei sich … Und dazwischen webt sich die eigene Erinnerung an den Hamlet-Stoff. Da war doch mal ein Prinz von Dänemark. Und sein Mord an Polonius galt doch dem König Claudius?! Dieses Detail aus der Vorgeschichte ignoriert die aktuelle Inszenierung, indem die Vertreter der Anklage umständlich Hamlets Motiv am Mord an Polonius herbeikonstruieren müssen. Und dann kommt bei Duyvendak und Bernat noch eine dritte Geschichte ins Spiel: Ein jüngst tatsächlich geschehener Mord in Marseille, der unserem zeitgenössischen Hamlet nun zugeschrieben wird. Spätestens hier wird es geografisch unübersichtlich. Und der Abend langatmig.

Das Konzept, das die Gemeinsamkeiten der Rituale von Bühne und Gerichtssaal vorskizziert, ist spannender als sein Durchexerzieren in dieser Aufführung. Auch, wenn der Abend jeweils mit einem anderen Urteil enden mag: Ein wenig fühlt man sich doch in die Scripted Reality von Richterin Barbara Salesch hineingezwungen.

Please, Continue (Hamlet)
von Yan Duyvendak und Roger Bernat
Bühne: in Zusammenarbeit mit Sylvie Kleiber, Technik: Gaël Grivet.
Mit: Thiemo Strutzenberger, Julia Jelinek, Susi Stach und einer Richterin, zwei Rechtsanwälten, einer Staatsanwältin, einer Psychiaterin, einem Gerichtsdiener (Vertreter der österreichischen Justiz und Rechtsanwaltschaft).
Dauer: 3 Stunden, 2 Pausen

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Fade fand Ronald Pohl vom Wiener Standard (10.6.2014) dieses gerichtiche Hamlet-Nachspiel. Auch findet er manches am Konzept des Abends nicht ganz stimmig. "Hört man aber die Zeugenaussage von Mutter Gertrud (Susi Stach), so fechten einen Zweifel an. Liegt Helsingör etwa hinter dem Arbeiterstrandbad? Ist König Claudius - ihm dürfte Hamlets Dolchstoß gegolten haben - vielleicht ein Zuhälter?"

Spannend fand Christina Böck von der Wiener Zeitung (10.6.2014)den Abend, dem es aus ihrer Sicht gelingt, "einen Denkstachel über den Zufallscharakter von Justiz und Recht einzupflanzen. Und auch über den notwendigen Grad des Selbstdarstellungstriebs von Vertretern der Justiz. Spontanen Applaus nach einem Plädoyer wie bei der Premiere bekommt Verteidiger Mayer freilich sicher nicht so oft."

 
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