Abgefahren

von Julia Stephan

Zürich, 7. Juni 2014. Autos machen mobil? Autos sind doch vor allem Bonzen-Wagen, Aufschneider-Schlitten, Blechbüchsen, sind Mittelstandskarossen und Oldtimer. Wir brauchen ihre Fahrer nicht zu kennen, um über deren charakterliche Schwächen und Selbstbild Bescheid zu wissen. Hinter der massenproduzierten Ware versteckt sich sicher irgend ein biederer Mittelständler, der Aufschneider-Schlitten dient bestimmt als Potenzkrücke eines armen Würstchens, mit dem gepflegten Oldtimer versilbern sich reiche Pensionäre auf sonntäglichen Fahrten ihren Lebensabend. Wir wissen das. Schließlich haben uns die Werbesprüche der Automarken bereits einen bestimmten Lifestyle eingeflüstert: "Nichts ist unmöglich", dröhnt Toyota, BMW gibt uns "Freude am Fahren" und Mercedes will "Das Beste oder nichts". Für uns.

Die Autos...

So weit die Vorurteile, so gut die Ausgangslage für das 2006 gegründete Zürcher Theaterkollektiv mercimax, das die Ressentiments seines Publikums gerne in seine Stücke einfließen lässt. Am direktesten in der Performance "8:8 – die Gegenüberstellung" (2012), als acht Zuschauer sich über acht Performer wegen rein äußerlicher Merkmale ein Urteil bilden mussten. Jetzt hat mercimax an den "Zürcher Restspielen" mit der Produktion "Autoballett" dem Auto – Wohlstands- und Freiheitssymbol des 20. Jahrhunderts – eine Liebeserklärung gemacht. Nicht ohne Wehmut, denn die Gruppe befürchtet: Das Auto wird beim technologischen Neuerungswettlauf des 21. Jahrhunderts "auf der Strecke" bleiben.

autoballett 1 560 nelly rodriguez uStillstand und Bewegung: "Autoballett" © Nelly Rodriguez

Da stehen sie also nochmals, elf Wagen im Innenhof der Roten Fabrik, ungepflegt oder äffisch gelackt. Ihre Besitzer, Schauspieler und Laien, posieren daneben. Die Zuschauer wählen, mit welchem Gefährt sie zum Ballett fahren wollen. Für viele ist das mehr als nur eine pragmatische Entscheidung. Es ist ein Statement. "Neeiiin ... ich werde mit einem Mercedes fahren. Wie peinlich", ruft eine Zuschauerin aus, unschwer der alternativen Kunstszene zugehörig, die lieber arm und sexy sein will als reich und bieder.

... und ihre Fahrer

Ich entscheide mich, inspiriert von der reichen Zürcher Großstadtjugend, die an diesem flimmernden Sommerabend ihre Cabriolets spazieren fährt, für die englische Sportkarosse Caterham 7, einen tief gelegten Zweisitzer ohne Dach, bei dem man aufpassen muss, sich beim Aussteigen nicht am heißen Auspuff zu verbrennen. "On the road" bekomme ich ein nostalgisches Plastikradio mit Kopfhörer in die Hand gedrückt. Im Abendverkehr höre ich, wie mein Fahrer Jodok Gloor sein Auto mit einer Kapsel vergleicht und über das Herden-Verhalten von Schafen philosophiert. Die Abenteuerfieberkurve steigt. Aber auch die Irritation: Der schlaksige Fahrer im Blaumann passt so gar nicht ins Schema eines Sportrennfahrers. Wie ich später am Abend herausfinde, betreut er in einem Heim Asylanten-Kinder. Bumm - schon ist mein Vorurteil überrollt.

In der "letzten Brache von Zürich-West", einem leeren Autoparkplatz, lernen wir auch die anderen Fahrer kennen, lassen Ressentiments fahren oder halten an ihnen fest. Da der Taxifahrer, der sein Auto und seinen Job hasst, dort der – tatsächlich leichenblasse – Fahrer eines – natürlich schwarzen – Zürcher Bestattungswagens. Gemeinsam setzen die vorwiegend männlichen Lenker schwungvoll an zu einer Choreografie, drehen im Kollektiv Pirouetten und lehren den Zuschauern mit Frontalbegegnungen das Fürchten. Auch wenn den Wagen die Grazie von Tänzern abgeht, ihre Präsenz ist pferdestark. Sie brummen gutmütig, fauchen hochtourig. Beim Pas de deux verlieren die zwei sportlichsten Wagen – mein Caterham 7 und ein älterer, aber gut gebauter Tesla-Cabriolet – fast den Boden unter den Rädern.

Ein Herz für die Maschine

Alles in allem ist dieser Abend ziemlich abgefahren. Die von Sebastian Krähenbühl und der erklärten Nicht-Fahrerin Francesca Tappa vorgetragenen Episoden erlösen das Auto von seinem einseitigen Ruf als Umweltverschmutzer und rücken seine düstere Zukunft ohne Nostalgie ins Zentrum – mit viel Herz für die Maschine.

Und die Zuschauerin? Die befällt bei dieser aufwendigen und exklusiven Hommage an ein Erstwelt-Statussymbol auch mal das schlechte Gewissen. Schuld ist der Gedanke, hier einem Phänomen beizuwohnen, das angesichts größerer globaler Probleme ziemlich absurd erscheint. Doch die Zweifel sind schnell vergessen - PS machen einfach Spaß!

 

Autoballett
von mercimax
Konzept und Umsetzung: Karin Arnold, Jessica Huber, Musik und Sounddesign: Simon Berz, Mischa Robert, Ausstattung: Mirja Fiorentino, Judith Steinmann, Dramaturgie: Marcel Schwald, Produktion: Nadine Tobler.
Mitarbeit und Performance: Detlef Ashiro, Newroz Baz, Simon Berz, Jodok Gloor, Rolf Gyger, Sebastian Krähenbühl, Ramin Mosayebi, Thomas Schlatter, Anna Schlossbauer, Peter Trampe, Jens Woernle, Francesca Tappa.
Dauer: 120 Minuten, keine Pause

www.rotefabrik.ch

 

Kritikenrundschau

Von einem äußerst gelungenen Abend spricht Isabelle Jacob im Lokalteil der Neuen Zürcher Zeitung (10.6.2014). Sie gibt stimmige Choreografien und leichtfüßige Anekdoten zu Protokoll und bedauert lediglich, "dass die Charakterisierung der Automobilisten und ihrer Fahrzeuge nicht detaillierter ausfällt". Die jeweiligen Beziehungen werden aus ihrer Sicht nur oberflächlich erörtert, was sie "hinsichtlich der Heterogenität der ausgewählten Menschen und Fahrzeuge nicht nachvollziehbar" findet. "Denn spätestens als man bei der Rückfahrt die bunte Truppe in einer Kolonne vor sich sieht, ahnt man, dass es noch viel zu erzählen gegeben hätte."

"Ein Strassentheater der anderen Art – Fortsetzung erwünscht!" schreibt Thomas Wyss im Zürcher Tagesanzeiger (10.6.2014). Die Idee dieser Darbietung endet für diesen Kritiker "nicht an der Stossstange. Sie reflektiert das Auto im Kontext seines Zeitgeists."

 
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