Wenn Steine sprechen

von Hartmut Krug

Karlsruhe, 9. Juni 2014. Ein kleines "Au"-Konzert empfängt das Publikum im Studiotheater des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Denn zwar sind es die Steine vom Maidan gewohnt, dass auf ihnen herumgetrampelt wird. Doch derzeit sei es besonders schlimm, versichern die Jammernden einander, und: das müsse man aushalten. Nur der kleinste mault. Er will, nachdem der älteste von ihnen die Geschichte von einem Stein erzählt hat, der zur Sonne geflogen und dabei ums Leben gekommen sei, auch fliegen. Vom Gericht der steinernen Durchhalte-Genossen verstoßen, fliegt er los.

Eigener Weg

Dmytro Ternovyi schildert in seinem 2013 mit dem wichtigsten osteuropäischen Dramenpreis "Über Grenzen sprechen" ausgezeichneten Stück "Hohe Auflösung" die Versuche von Menschen in den politischen Wirren der Ukraine, ihren eigenen Weg zu finden. Sein Stück ist nicht rein dokumentarisch, aber voller historischer Fakten und politischen Ahnungen. Es ist eine muntere Mixtur aus Boulevardtheater, aus politischen, kabarettistischen und surrealen Spielformen, ohne seinen Charakter eines well-made-plays zu verleugnen.

Der 1969 geborene, lange als Journalist tätige Autor hat 2006 gemeinsam mit seiner Frau in seiner Heimatstadt Charkow ein russischsprachiges Theater gegründet. In seinem Stück sprechen nicht nur die Menschen, sondern auch das Geschirr im Wohnzimmer oder die Stempel und Mappen auf den Ämtern. Sein Text bereitet schon bei der Lektüre Vergnügen, ist aber ein harter Brocken für jeden Regisseur und jede Regisseurin.

Geschichten vom Maidan

Mina Salehpour versteht es allerdings, der Geschichte eines jungen Paares, das in einem Haus auf dem Kiewer Maidan lebt und seinen Lebensweg selbst zu bestimmen versucht, während um es herum Protest und Unterdrückung miteinander kämpfen, einen spielerisch-komödiantischen wie zugleich ernsthaften Charakter zu geben.

Fünf Schauspieler spielen einundzwanzig Figuren und Objekte, in einem Zimmer, dessen Wände aus Sandsäcken gebaut sind. Hier wartet Jelena auf ihren Mann Andrej, einen Geiger. Der ist mal wieder auf Ämtertour, um für seine Gastspiele im Schengenraum die Genehmigung zu bekommen. Die beiden haben den Fernseher rausgeworfen und das direkt auf den Maidan führende Fenster ihrer Wohnung verhängt. Sie wollen sich raushalten aus den Kämpfen der Zeit. Was natürlich nicht klappt. Erst platzt eine vom Mann ungeliebte Nachbarin mit Informationen ins Zimmer. Dann rettet sich ein illegaler Immigrant auf der Flucht vor der Miliz, in der Hand einen Rosenstrauß und in der Tasche eine Pistole, in die Wohnung.

hohe aufloesung 1 560 felix gruenschloss uBeladen mit Steinen in "Hohe Auflösung" © Felix Grünschloß

Während beide voreinander und vor dem sie verfolgenden Offizier im Schrank oder unterm Bett verborgen sind, muss Jelena sich wegen der Anwesenheit des Soldaten gegenüber dem zurückkehrenden und eifersüchtigen Ehemann auch noch rechtfertigen. Dem Autor gelingt es hier wunderbar, politische Informationen und Haltungen in einer Slapstickszene zu vermitteln. Und die Regisseurin schärft mit unaufdringlicher Einfachheit die Komik des Geschehens.

Julia Timoschenko im Rollstuhl

Weniger gut gelingt ihr die Geschirrszene, in der die Darsteller in plüschiger Kleidung auf der Bühne stehen und als Teekanne oder als Weinglas vergeblich gegen die Bedrohung ihres bisher von heißem Tee und gefühliger Fernsehserie angenehm gemachten Daseins anreden.

hohe aufloesung 5 280 felix gruenschloss uStempel und Kissen: Florentine Krafft und
Michel Brandt © Felix Grünschloß

Das wirkt, wie auch später das Geschehen auf dem Amt zwischen Stempel, erster Mappe und allerwichtigstem Stempel, zu didaktisch und langwierig verzappelt. Wenn später die Wohnung vom Offizier als Organisationszentrum für die Scharfschützen requiriert wird, die auf den Dächern Position beziehen, ahnt der Autor des 2012 geschriebenen Stückes spätere Ereignisse voraus.

Während die Regisseurin bewusst eine Szene mit späteren Ereignissen auflädt: Wo bei Ternovyi ein Journalist von einer Firmendirektorin einen bitteren, auf Tatsachen beruhenden Bericht erhält, wie sie von gegen alle Gesetze handelnden Ämtern drangsaliert und von Korruption bedroht wird, setzt Salehpour Julia Timoschenko in einen Rollstuhl. Als heulende, böse Karikatur schleudert diese ihre Anklagen, so wie bei ihrem ersten "Auftritt" auf dem Maidan nach ihrer Gefängnisentlassung.

Befreiung oder Untergang?

Stück und Inszenierung präsentieren aktuelles politisches (Informations)-Theater mit begrenzter Haltbarkeit. Es entfaltet seine Wirksamkeit, auch durch ein junges, animiertes Ensemble, und das ist auch gut so. Mehr kann man von diesem Stück kaum erwarten.

Wunderbar gelingt Mina Salehpour dann der Schluss. Wo der Autor den Geiger nicht auf Schengen-Tournee schickt, sondern ihn auf dem Maidan musizieren lässt, kommt bei Salehpour der junge Stein aus der Steine-Szene, die die Regisseurin vom Ende des Stückes an den Anfang gesetzt hatte, angeflogen, – und er trifft Jelena, die sich einzumischen begonnen hat, tödlich. Die Sandsäcke der Wohnung waren zu einer Barrikade genutzt: Was für den einen bei einer Revolution die Befreiung ist, kann für den anderen der Untergang sein, sehen wir. Auch das ohne Pathos, aber mit ernster Komik.

Hohe Auflösung (UA)
von Dmytro Ternovyi
Deutsch von Lydia Nagel
Regie: Mina Salehpour, Bühne: Jorge Enrique Caro, Kostüme: Maria Anderski, Dramaturgie: Michael Gmaj.
Mit: Florentine Krafft, Ralf Wegner, Ute Baggeröhr, Michel Brandt, Frank Wiegard.
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de 

 


Kritikenrundschau

Von einer "lustvoll inszenierten Farce, die mit unverschämt guten Schauspielerleistungen zu imponieren weiß", berichtet Markus Mertens in den Badischen Neuesten Nachrichten (11.6.2014). Dmytro Ternovyis "Hohe Auflösung", geschrieben noch vor den Maidan-Protesten, erweise sich in der Inszenierung als "weitsichtiges Spiel".

Als ein "zwischen den Genres oszillierendes Theaterstück" erscheint "Hohe Auflösung" Jürgen Berger in der Rheinpfalz (13.6.2014): Etwas "Boulevard-Komödie à la Feydeau", Dokumentartheater, aber auch surreale Einsprengsel im Stile von Alfred Jarrys "König Ubu" macht der Kritiker aus. Die Regie begegne dem Text ratlos, "welche Tönung des Stücks sie als Atmosphäre zugrunde legen soll." Dabei hätte man durch Streichung einzelner surrealistischer Szenen den Autor "darauf aufmerksam machen können, dass die Stärke seines Stücks in der Mischung von Komödienton und ernsthaftem Politsound liegt." Gleichwohl sei dieses "eine der interessantesten Uraufführungen der Saison".

Derselbe Jürgen Berger schreibt in der Süddeutschen Zeitung (14.6.2014): Man habe es mit einem "verrückt vertrackten Theatertext" zu tun, die "stilistisch auseinanderstrebenden Szenen" sollten "auf keinen Fall über einen Kamm geschert" werden. Das aber genau mache Mina Salehpour. Sie lege die Uraufführung als "Klipp-Klapp-Posse" an und habe Schauspieler, die "ausschließlich das Komödienformat" bedienten. Warum Salehpour die Interviewszene mit der Geschäftsfrau als Persiflage auf Julia Timoschenko inszeniere, bleibe genauso "unerfindlich" wie die Frage, warum die Szenen mit den sprechenden Pflastersteinen und dem Plapper-Geschirr als "Ausstattungsoper mit klassischer Musik" angelegt sind.

 

 
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