Widerstand in Windjacke  

von Tomo Mirko Pavlovic

 Stuttgart, 31. Januar 2008. Haut und Körper und Verrenktes, wohin man auch blickt. Überall Pimmel. Titten. Ärsche. Die stöhnende Motha verlangt nach einem dicken Thermometer. Casco und Tiptop lassen die Sanitäterhosen runter. Doch beim 69er läuft etwas schwul. Klappe. Schnitt. Und aus.

Ein verpatzter Pornodreh in der Cocka Hola Company. Es müffelt. Jemand ritzt sich wund bei der akrobatischen Intimrasur und quietscht. Speedo beschließt sich totzusaufen, per Vertrag, spätestens in drei Jahren. Eine Perspektive, immerhin. Anderswo scheitert eine hysterische Eso-Lehrerin an einem irren Kind und schlägt zu. Der zuständige Schulpsychologe masturbiert mit Hilfe einer fransigen Handpuppe während seine kreative Gattin beim Teppichknüpfen von einer Analpenetration träumt.

Einer sagt Nein
Und mittendrin in dieser beschwingten Widerwärtigkeit: Simpel. Sein Name, er stimmt nicht. Simpel ist gar kein einfacher Kerl. Im Gegenteil. Simpel führt die große Wut in seinem Herzen wie einen abgerichteten Pitbull spazieren. Überall beißt er sich fest. In diesem bürgerlichen Heuchelsystem. Im Konsensgelaber. In der Selbstliebe der Anderen. Im guten Geschmack. "Ich bin gegen alles. Ich sage Nein."

Doch Blut fließt nirgendwo. Simpel weiß nämlich – und das ist das Außergewöhnliche an ihm – um die Sinnlosigkeit seines Hasses. Er weiß, dass sich nichts verändert, auch wenn man Straßenbahnen entführt, Spontanficks in der Öffentlichkeit dreht oder einer narzisstischen Textildesignerin das Wort "Faszination" auf den Bauch tätowiert. Seine "Interventionen" laufen ins Leere. Die Menschheit ist unrettbar. Dennoch hasst er. Und hasst. Und hasst.

Zielsicher zurechtgestutzt
Im Roman "The Cocka Hola Company" von Matias Faldbakken ist Simpel der Chef einer Organisation namens "Desirevolution", die mit dem Drehen von Pornos Grenzüberschreitungen finanziert. Man leistet Widerstand: durch pseudosubversive Aktionen gegen die abgeschmackteste aller Gesellschaften und Kulturen, nämlich unsere eigene.

Ein kreischend-greller Plot, wie geschrieben für Volker Lösch. Der Regisseur und seine Dramaturgin Beate Seidel haben das vieldiskutierte und -gekaufte 460-seitige Prosaungetüm des gehypten norwegischen Autors für die Bühne zielsicher zurechtgestutzt und im Kammertheater des Staatsschauspiels zur gelungenen Uraufführung gebracht. Andere waren zuvor an der Aufgabe verzweifelt.

Das Projekt hätte schon im vergangenen Jahr starten sollen, doch dass diese Inszenierung in dieser Konstellation eine Notlösung ist, merkt man ihr nicht an. Denn Lösch, der Starkstrommoralist und Kulturskeptiker vom Dienst, konnte nach langer Zeit wieder ein kongeniales Energiezentrum auf der Bühne installieren, mit dem er schon beim Stuttgarter "Revisor" einen künstlerischen Erfolg verbuchen konnte: Kai Schumann. Lösch vertraut ihm den schwierigsten Part an, eine Art Hauptrolle, wie sie Faldbakken gar nicht vorgesehen hat.

Seelenschmerz ohne Selbstmitleid
Schumanns Simpel geht nicht unter im Dauergebrüll des Misanthropen, auch wenn ihm bisweilen die Halsadern zum Zerplatzen anschwellen. Er psychologisiert nicht. Und vermeidet auch die Karikatur, das Eindimensionale, eine latente Gefahr, mit der alle anderen Darsteller ihre Mühe haben. Man will ja nicht spielen, nur das nicht. Schumann tut’s trotzdem und gewinnt, gerade weil er den totalen Spaß sehr ernst nimmt und seinen Seelenschmerz wie ein blutiges Stück Fleisch auf dem Servierteller vor sich herträgt. Ohne Selbstmitleid. "Wenn ihr mich gut findet, bin ich tot."

Anders sieht es bei Casco und Tiptop aus: Sie verwandeln sich bei Florian von Manteuffel und Jonas Fürstenau wie erwartet in die dickschwengligen Dumpfficker, deren homoerotische Panne beim Dreh keinerlei irritierende Gefühlsspuren hinterlässt. Das ist mal lustig, mal derb, nutzt sich aber irgendwann ab. Ähnlich ergeht es Christoph Gawenda, der den Requisiteur Eisenmann als gefährlich schwarz tragenden, gestiefelten Asphaltdjango gibt und ständig kurz vor dem Ausrasten ist oder gerade wieder etwas vergewaltigt – oder umwirft oder ankeift.

Eierwerfen erlaubt
Schumann gibt auch Gas, so ist das nicht. Aber er kann auch leise sein. Etwa in den Szenen mit Benjamin Grueter, der dem eigentlich chargenhaften Fernsehjournalisten Jegleim etwas Luzides abgewinnt, indem er ihm etwas von einem amerikanischen Motivationsguru verleiht. Das sind Momente der Erholung. Schumann weiß das und spielt sie aus. Und jagt in seiner schäbigen Windjacke des Unterprivilegierten wieder ein ums andere Mal wie ein gereizter, aufgespießter Stier über die Bühnen-Arena, die Cary Gayler als elliptische Riesenwanne unterhalb der sie umkränzenden Zuschauerreihen entworfen hat. Alles ist einsehbar, von oben herab.

Wir und Du, das sind die Feinde, das Establishment. Die über uns. Der alte Trick von Lösch, dem die Publikumbeschimpfung über alles geht und der das Ensemble mehrmals an der Oberkante des Grabens wie Lautsprecher aufstellt, auf dass die Darsteller heraustreten aus dem Stück und ihren Frust auswerfen. Doch Lösch bleibt fair und revanchiert sich, indem er den Zuschauern beispielsweise erlaubt, mit Eiern nach Simpel zu werfen. Dass bei dieser interessanten Premiere niemand getroffen hat, muss ein Freudscher Verhinderer gewesen sein, der völlig in Ordnung geht. Denn dieser Simpel verdient keine Eier, nur Applaus.

 

The Cocka Hola Company
nach Matias Faldbakken
Fassung von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Schauspielensemble
Regie: Volker Lösch, Bühne: Cary Gayler.
Mit: Zvonimir Ankovic, Dorothea Arnold, Boris Burgstaller, Birgit Filzek, Jonas Fürstenau, Christoph Gawenda, Benjamin Grüter, Sebastian Kowski, Florian von Manteuffel, Marietta Meguid, Sandra Ölke, Kai Schumann, Jascha Stiller, Jens Winterstein.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (2.2.2008) schreibt Jürgen Berger über Matias Faldbakkens Roman: es gehe um "Provokation im öffentlichen Raum" und um "eine Kunstkommune", deren Kunstbegriff allerdings so gedehnt sei "wie manche Körperöffnungen" im Roman. Die Hauptfigur Simpel betreibe die Pornofirma "Desirevolution" als "Mittel zum Zweck." In Wirklichkeit wolle man gesellschaftliche Widerstandsarbeit leisten. Lösch lasse viele der "detailgenauen" und "auch sprachlich überzeugenden Milieustudien" des Romans wegfallen, "um dafür ein Spektakel der puren Provokation zu veranstalten". "Lösch hat seine ganz eigenen Spielchen gefunden, um Faldbakkens subversive Aufdeckungsarbeit ins Theater einzuführen." "Das Problem", schreibt Berger, "man merkt sofort, dass das Ganze ein Fake ist." Lösch klopfe sich auf die Schulter für seinen Gratismut. Er "steuert inzwischen derart entschieden in Richtung eines Adrenalin-Theaters, dass die Kunst des Schauspiels sich hinter Aktionismus und Lautstärke verbirgt."

Auch Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.2.2008) hält das Ganze für ein Problem: "Volker Lösch, berüchtigt für seine Arbeitslosenchöre, Fleischkäseorgien und Neonazi-Woyzecks, hat auf den groben Klotz 'Menschenverachtung als radikalste Form der Gesellschaftskritik' noch gröbere Keile draufgesetzt. Man macht sich nackig, wedelt mit Kunst und Naturpenissen und brüllt im Chor: 'Wir haben euch was mitgebracht: Hass!'" Während Faldbakkens Roman immerhin die Textsorten und Tonlagen variiere, "lässt Lösch vierzehn Akteure zwei Stunden lang alles stumpf und dumpf zu einem Brei stampfen". Dies als "kritische kulturelle Praxis" zu bezeichnen, "täte dem Kunst-Simpel bitter Unrecht und dem Regie-Simpel zu viel Ehre an."

Sehr viel milder, differenzierter aber in der Tendenz ähnlich, urteilt Claudia Gass in der taz (5.2.2008): "Einige individualpsychologische und gesellschaftliche Mechanismen spricht Lösch in seiner Inszenierung klug an. Die autoritären Strukturen in der scheinbar libertären Gruppe, die Verräter gnadenlos bestraft, sind da zu nennen oder die Vereinnahmung von Simpels subversiven Projekten durch die Medien. In der irrigen Annahme, dass sich darüber eine reflektierende Ebene schon kristallisieren wird, beschränkt sich die Regie jedoch zu sehr darauf, alles möglichst drastisch darzustellen und exaltiert spielen zu lassen – seien es Gags oder Gewalt." Dabei könnte es das Regietheater gewohnte Publikum aber rein gar nicht vom Hocker reißen, direkt angesprochen zu werden  ("Pseudoprovokationen"), und überhaupt werde viel zu schnell gesprochen, als dass man dem Text noch folgen könne.

 
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