Herzscheiße

von Jan Fischer

Braunschweig, 12. Juni 2014. Draußen leuchtet ein Sommerabend, drinnen sagt eine der Figuren "Was gibt es schöneres als die Liebe?" Das passiert in der Mitte des Stückes, und selbst da schon müsste man sagen: eigentlich alles. Von irgendwo her weht ein sibirischer Windhauch in den Zuschauerraum und wahrscheinlich lässt sich währenddessen gerade wieder jemand auf der Bühne trockenvögeln. Aber dazu später.

Realismus trifft Off-Kargheit

Die Welt, in der alles besser erscheint als die Liebe, ist die Welt der "Dunklen Alleen", die der lettische Regisseur Vladislavs Nastavševs vom (von Alvis Hermanis geleiteten) Jaunais Rīgas Teātris mit zum Festival Theaterformen nach Braunschweig gebracht hat. In dem Stück inszeniert er neun Kurzgeschichten des russischen Autors Iwan Bunin, bei dem die Welt, in der alles schöner ist als die Liebe, im Russland kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs liegt, inmitten einer Gesellschaft, die in Auflösung begriffen ist. Bunins Kunstgriff: Er betrachtet diese Auflösung mikroskopisch, seziert mit der Kraft des russischen Realismus, wie das Zusammenspiel von Männern und Frauen zerbricht, in all seinem Dreck, der ganzen, seelenzermürbenden Herzscheiße.

Nastavševs' Kunstgriff ist, den Realismus mit einem spärlichen Bühnenbild in Schach zu halten – ein paar  Stühle mit zerfleddertem Polster, die immer wieder neu arrangiert werden, ein rollender Tisch, der sich mal in eine Droschke in kalter, russischer Nacht verwandelt und mal in einen Tisch, um den eine Familie sich anschweigt. Ansonsten bleibt der Bühnenraum völlig undekoriert. Vier Schauspieler (Baiba Broka, Guna Zariņa, Vilis Daudziņš, Kaspars Znotiņš) sind jeweils abwechselnd das ein oder andere tragische Paar, von dem der eine den anderen erschießt, mehrmals jemand niemals zurückkommt, gesellschaftliche Konventionen sich als  unüberwindbar erweisen oder jemand einfach nur ausgenutzt wird. Sexszenen gibt es ebenso reichlich wie tragische Enden (und Anfänge und Mittelteile), aber auch hier wird wieder der Realismus in Schach gehalten: Niemand zieht sich aus, noch nicht einmal bis auf die Unterwäsche, besprungen wird sich nur in voller Kleidung. Trockenvögeln eben.

dunklealleen 560 gints malderis uTrockenvögeln mit Bakunin © Gints Malderis

Das geht nur so halb gut. Das Problem sind weder die Schauspieler, die sich alle Mühe geben, die wechselnden Figuren jeweils unverwechselbar zu gestalten, noch ist es die Regieentscheidung, dem russischen Realismus Off-Theater-Spärlichkeit entgegenzusetzen, noch sind es die Geschichten, die teilweise brutal berührende Liebesgeschichten im Vorbeigehen skizzieren. Das Problem ist eher die Entscheidung, sich mit Iwan Bunin zu beschäftigen, sich ausgerechnet mit diesen Texten von ihm zu beschäftigen, die allesamt gut geschrieben sind, gut erzählt.

Immer präsente Bühnentechniker

Ihre Aktualität aber – sowohl, was ihre politische Dimension wie auch die der Liebesprobleme angeht – dürfte so ungefähr zur Zeit der Weimarer Republik verpufft sein. Wer könnte noch nachvollziehen, warum welche Gesellschaftsschicht mit welcher im Russland der Jahrhundertwende nicht mit welcher anderen anbandeln durfte? Nastavšev merkt das, manchmal, und dann drehen sich die Geschichten noch einmal ein Stück weiter, von der realistischen Schilderung im spärlichen Raum zur hyperrealistischen, überdrehten Figur beispielsweise eines bärbeißigen Georgiers mit wollener Uschanka, der mit einer alternden Prostituierten im Hermelinmuff anbandelt, aber das sind nur sporadisch aufblitzende Notlösungen.

Zur Aktualisierung des Stoffes unternimmt "Dunkle Alleen" nichts. Daran ändern auch die immer präsenten Bühnentechniker nichts, die beispielsweise auftauchen, um einen Erhängten von der Bühnendecke zu schneiden. Was ein Abend über eine sich auflösende Gesellschaft oder eine Inszenierung über zeitlose Liebesprobleme hätte werden können, setzt auf diese Weise Staub an, der sich so leicht nicht wegpusten lässt, auch nicht vom sibirischen Windhauch der Herzscheiße.

 

Dunkle Alleen
von Iwan Bunin
Regie:  Vladislavs Nastavševs, Bühne, Musik: Vladislavs Nastavševs, Kostüme: Ieva Veita, Musikarrangement: Jēkabs Nīmanis.
Mit: Baiba Broka, Guna Zariņa, Vilis Daudziņš, Kaspars Znotiņš.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.jrt.lv
www.theaterformen.de

 

 

Kritikenrundschau

"Der Abend ist keine bloße Reihung, er hat eine Dramaturgie, startet mit einer lakonischen Mini-Episode, der immer komplexere Geschichten folgen, mit einigen starken Szenen", findet Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (14.6.2014). Biba Broka, Guna Zarina, Vilis Daudzinš und Kaspars Znotinš spielten (…) realistisch, intensiv, wandlungsstark. Dennoch werde "diese ewige Moll-Klaviatur des grimmigen Begehrens, stolzen Schweigens, schicksalsergebenen Duldend" auf Dauer monoton. Auch sei das Menschenbild doch sehr fremd: "Diese verwegen-haltlosen Macho-Kerle, diese duldsamen, stolz-verschlossenen Frauen. Ist das nur ein Klischee? Waren die Russen wirklich so? Sind sie es gar noch?" Die Inszenierung beantworte solche Fragen nicht, baue kaum Ironiesignale ein, setze Bunins Geschichten einfach plastisch in Szene.

"Regisseur Vladislavs Nastavsevs lässt den Erzählungen viel Raum, sich zu entfalten und hält sich mit Ideen zurück", schreibt Roland Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (14.6.2014). Im Grunde sei alles für einen langweiligen Abend vorbereitet. Doch dann zögen einen die einfachen Liebesgeschichten der einfachen Menschen (und die hervorragenden Schauspieler) doch sehr in ihren Bann. "Es ist magisch."

"Die Kommunikation zwischen Männern und Frauen hat sich nach den unendlichen Gender-Debatten grundsätzlich verändert", findet Alexander Kohlmann in der taz (18.6.14). Bunnies Figuren wirkten dagegen seltsam unbehauen und mit einem Hang zum Melodramatischen ausgestattet, dem der lettische Regisseur Vladislavs Nastavsevs nur zu allzu gern nachgebe. "Seine 'Dunklen Alleen' sind harmloses Retro-Theater." Die Schauspieler blieben ohne Bruch in ihren Figuren. "Zwischen den Szenen plätschert Nastavsevs Musik so harmlos melancholisch dahin wie der ganze Abend, der es nicht schafft, seine Zuschauer in die Abgründe moderner Paarbeziehungen mitzunehmen, sondern in einem nett anzusehenden literarischen Museum verharrt."

 
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