Lechts und rinks

von Hartmut Krug

Dresden, 14. Juni 2014. "Sächsische Demokratie?" fragte der einstige Bundestags-Vizepräsident Thierse einmal ironisch anklagend, um die Taktik der Polizei bei den jährlichen Aufmärschen von Rechtsextremen zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens zu charakterisieren. Die Polizei beschützte die Neonazis. Als sich am 19. Februar 2011 eine große Zahl von Gegendemonstranten blockierend den Rechten entgegenstellte, kam es nach großem Polizeieinsatz zu heftigen Ausschreitungen. Die Folge: Verfahren gegen hunderte von Gegendemonstranten.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz versuchen nun, die "sächsische Demokratie" nicht einfach nur anzuklagen, sondern zu ergründen. Nicht, indem sie ihr Stück "Ein Exempel. Mutmaßungen über die sächsische Demokratie" als Dokumentartheater der festen Meinungen anlegen. Sondern, indem sie eine spielerische Versuchsanordnung schaffen um einen (erfundenen) Zwischenfall bei einem Soli-Abend für die Flüchtlingshilfe. Neue Rechte wollten die Multi-Kulti-Veranstaltung provokativ besuchen. A., einer der Organisatoren, ist den Störern entgegengetreten und von der Polizei verhaftet worden. Woraufhin gegen ihn erst eine Untersuchung, dann ein Verfahren eingeleitet wird. Ohne wirkliche Beweise, dafür mit hanebüchenen Konstruktionen. Der Vorgang läuft angetrieben von Vorurteilen oder Erfahrungen, von Arbeitsmechanismen oder Abhängigkeiten, von Gleichgültigkeit oder Suche nach der Wahrheit bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

Pseudo-Gesetzeskonformität triumphiert
Hübner / Nemitz konstruieren einen fiktiven Fall, in dessen Schilderung dokumentarisches Material eingeflossen ist. Und sie fragen: nach Mechanismen, nach Reflexen, Regeln und Überzeugungen, die zu den Handlungen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Politik führen. Weshalb enorm viel geredet wird auf der Bühne. Manchmal geht der Genauigkeitswunsch und Erklärzwang mit den Autoren durch, und es springen die Sätze und Informationen so schnell wie die Schauspieler ihre Rollen wechseln. Bis auf den Darsteller des A. übernehmen alle mehrere Rollen. Hinreißend komisch ist Albrecht Goette als muffliger Polizist, der es schwer hat mit der modernen Technik, während Philipp Lux u.a. als Staatsanwalt ein breites Spektrum wechselnder Haltungen präzise vorführt. Christine Hoppe ist eine leicht arrogante, stets genervte und unter Aufklärungsdruck stehende Staatsanwältin, während Karina Plachetka als Freundin und als Verteidigerin des A. genaue psychologische Profile zeichnet.

EinExempel1 560 MatthiasHorn uVersammlung der Anonymen Neonazis © Matthias Horn

Zu Beginn sitzen die fünf Darsteller gemeinsam an einem Tisch und sagen: Jetzt fangen wir doch mal an und erzählen das alles. Mal sprechen sie einander mit ihren Schauspielernamen an, mal mit den wechselnden Rollennamen. Das lockere Hin und Her zwischen Vorspiel und Aufbruch der festen Rollenzuweisung mitten im Spiel ist ein sehr schönes, das Geschehen immer wieder befragendes und öffnendes Element von Jan Gehlers Inszenierung. Schon in der ersten Szene geht der Deutungsstreit los. Einige ziehen sich die Occupy-Masken über, mit denen die rechten Störer aufgetreten waren, und demonstrieren höhnisch ihr Geschick darin, sich gesetzeskonform zu geben.

Naive Überzeugung verliert
A., der sich den Rechten entgegen gestellt hatte, behauptet sein bürgerschaftliches Engagement indes mit tiefer Selbstverständlichkeit. Sascha Göpel spielt die zentrale Figur als einen normalen, keineswegs linksradikalen, aber engagierten Bürger, der selbst nach nächtlicher Hausdurchsuchung noch mit naiver Überzeugung glaubt, seine Sprüche und Handlungen bei dem Konflikt erklärten sich von allein als harmlos. Für ihn war alles, was er tat, legitim und nicht illegal. Ein Don Quichotte, der seine innere und äußere Sicherheit, seinen Beruf und wohl auch seine Freundin mit seinem Kind verliert. Bei dem, was ihm von Gericht und Polizei fälschlicherweise vorgeworfen wird, muss man an das Schicksal des vor Gericht gezerrten Jenaer Jugendpfarrers Lothar König denken.

EinExempel2 560 MatthiasHorn uSascha Göpel als zunehmend isolierte Hauptfigur A., im Hintergrund: Karina Plachetka
© Matthias Horn

Ein mehrflügelige, sperrhölzerne offene Wohnungskonstruktion dreht sich und die Darsteller zu- und durcheinander, bis sich am Schluss die Bühne zum offenen Tribunal für die Gerichtsverhandlung öffnet, an deren Ende alle Verhandlungspartner sich zu ihrer ganz eigenen Sicht auf das Geschehen äußern können und der Prozess zunächst ausgesetzt wird wegen neuer, entlastender Beweise. Regisseur Jan Gehlers Versuche, Bewegung ins heftige Textgewitter zu bringen, vermochte der Aufführung nicht immer einen Rhythmus zu geben. Man hat dennoch viel gelernt. Das Stück hält sich von jeder Agitation und Propaganda fern, aber nicht von Meinungen. Es sucht Handlungen und Haltungen ungemein sorgfältig mit Argument und Gegenargument zu ergründen – und überzeugt als ein politisches Theater der Erkenntnissuche.

Ein Exempel – Mutmaßungen über die sächsische Demokratie (UA)
von Lutz Hübner, Mitarbeit Sarah Nemitz
Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüm: Irène Favre de Lucascaz, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Sascha Göpel, Karina Plachetka, Christine Hoppe, Albrecht Goette, Philipp Lux.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Weitere Lutz Hübner-Uraufführungen dieser Spielzeit: Der Gast ist Gott am Grips-Theater Berlin, Bochum! am Schauspielhaus Bochum

 

 

Kritikenrundschau

"Allzu erahnbar" entwickele sich Hübners Plot, schreibt Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (16.6.2014), die Mücke werde zum Elefanten. Die "realitätsorientierte Unterfütterung" dieses "politisch motivierten" Abends höre man nur als "informativen Text". Der Regie fehle es an "mutiger Deutlichkeit". Das Spiel verlaufe "statisch mit vielen Albereien". Wozu ein "belehrendes Polit-Stadl", fragt Thiele, "wenn man hinterher achselzuckend und ohne Gallenschmerzen draußen vorm WM-Bildschirm hängenbleibt?"

"Heftig und emotional gefeiert" worden sei diese Uraufführung, schreibt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (16.6.2014). Als "gewissermaßen unfreiwillige Komödie" werde das Stück beherrscht vom "Grundton der Realsatire, das heißt von der Plausibilität wiedergegebener Erfahrung". Allerdings sei die "Konstellation" des Plots "eher simpel", dafür funktionierten sie "zum Teil auch ohne politischen Hintergrund". Zur Beantwortung der Frage, warum sich Polizei und Justiz lieber mit sogenannten linken Autonomen als mit Rechtsradikalen auseinandersetzten, biete die Aufführung eine "deutlich virulente Mutmaßung". Man schlage "den Sack", meine aber das "transparente", "wirklich dem Bürger dienende Staatswesen". Freilich klinge dies mit "gelegentlich spürbarer Wut" Vorgetragene eher nach" Agitprop" als nach der "versprochenen Dialektik". Das Theater als "Dienstleister der gesellschaftlichen Kommunikation" könne über den Abend hinaus kaum Hoffnung auf Veränderung machen, zumal in einer "suggerierten oder tatsächlich vorhandenen Atmosphäre allgemeiner Zufriedenheit". Verwirrend fand Petzold vor diesem Hintergund allerdings die "fast euphorische Zustimmung" zu einem so "düster gezeichneten Bild bzw. einer derart grundsätzlichen Kritik".

"Das Publikum wird erfolgreich geködert, sich allzu bedingungslos mit dem armen A zu solidarisieren", schreibt Cornelius Pollmer im Panorama-Teil der Süddeutschen Zeitung (30.6.2014). Bevor es sich einrichte in seinem Gefühl moralischer Überlegenheit, werde im Stück aber alles wieder in Frage gestellt. Die "überleitende Frage in das Podium, in die Wirklichkeit" sei, so Pollmer: "Darf es sein, dass man persönliche Nachteile in Kauf nehmen muss, um eine gemeinnützige Errungenschaft zu verteidigen, eine so wichtige gar wie die Demokratie?" Besonders "bislang Unbeteiligte" könne das Dresdner Stück durchaus voranbringen. Denn womöglich bestehe die größte Gefahr am Ende darin, dass das Gezänk um erlaubte und unerlaubte Formen bürgerlichen Protests dazu führe, "dass gar niemand mehr gegen Rechtsextreme demonstrieren möchte".

 

 

 

 
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