Warum muss mit diesem tollen Theater Schluss sein?

16./19. Juni 2014. Die Wiener Qualitätszeitungen liegen einträchtig der Leiterin der Schauspielsektion der diesjährigen Wiener Festwochen, Frie Leysen, zu Füßen. Bemerkenswert gut sei das Festival gewesen, urteilt die konservative Tageszeitung Die Presse.

Markus Hinterhäuser und Frie Leysen sei heuer, so Norbert Mayer in der Presse, "die seit vielen Jahren beste Saison gelungen"; Intendant Hinterhäuser habe selbst am Flügel geglänzt, Romeo Castelluccis Interpretation von Glucks "Orfeo ed Euridice" sei "herzzerreißender Voyeurismus", der Skandal um Johan Simons' enttäuschende Inszenierung von Jean Genets Stück Die Neger letztlich ausgeblieben. "Vielleicht sollte man dem deutschen Ernst demnächst ebenso eine Kunstpause gönnen wie all den bemühten soziologischen Pflichtübungen aus aller Welt, die uns in den vergangenen Jahren quälten." Denn eigentlich seien die meistens Aufführungen der Theatersektion sehr geglückt gewesen und hätten zumeist in nur anderthalb Stunden "Welten der Fantasie" entstehen lassen.

Warum weg aus Wien?

Warum also müsse "in Wien mit Frie Leysens tollem Theater wirklich schon Schluss sein? Die Frau hat wahrlich Geist und Mut. Man würde also erstens gern wissen, was sie an dieser Stadt so arg vergrämt hat, und zweitens, warum die verantwortlichen Kulturpolitiker offensichtlich nichts unternommen haben, um sie zu halten."

Die Andeutung einer Antwort gibt Frie Leysen selbst im Interview von Andrea Schurian im Standard (16.6.2014): "Vielleicht habe ich eine fundamental andere Idee, was ein Festival sein sollte" – als Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser; Ende Juni will Leysen sich öffentlich ausführlicher erklären.

Für Leysen jedenfalls sind alle Festivals, die "nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, Avignon, Holland Festival, Edinburgh, auch Wien", "verrostet" und nicht mehr zu retten. Eine "Upperclass" von reichen Theaterhäusern koproduzierten miteinander, während 95 Prozent der Künstler frei arbeiteten. Festivals müssten stören, führt Leysen weiter aus, das müsse "nicht schwer und dunkel sein, sondern kann mit Humor, mit Schönheit geschehen".

Postkoloniales

Weil sie "die Kolonialgeschichte immens wichtig" finde und "wir" uns damit auseinandersetzen müssten, habe sie die afrikanische Strecke des Festivals programmiert. Auseinandersetzungen aus Sicht der Kolonialisten, wie mit "Die Neger", und aus Sicht der Kolonialisierten. Leysen stellt in Frage, ob man den altmodischen Text "Die Neger" noch spielen solle: "Wenn man heute über Rassismus spricht, gibt es interessantere Literatur." Ganz anders dagegen Brett Baileys Reflexion über den Kongo mithilfe des Macbeth-Stoffes: "Die Inszenierung entstand aus einer Dringlichkeit und nicht aus einer guten Idee. Ich hasse gute Ideen!" Ebenso wenig möge sie "die übliche koloniale Arbeitsweise", bei der "Geist und Intellekt aus Europa" kämen, "die Körper und Muskeln aus Afrika." Das sei bei "Macbeth" nicht der Fall, auch nicht bei Alain Platels Coup Fatal.

"Die Wiener Festwochen waren ein rauschender Erfolg", konstatiert am 18.6.2014 auch Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung und zeigt sich ebenfalls vom "frischen Wind" durch Hinterhäuser / Leysen beeindruckt. In Leysens Programm hätten sich "kaum große Namen" gefunden, "aber viele spannende Aufführungen, und im neu installierten Festwochen-Zentrum im Künstlerhaus kam an manchen Abenden sogar so etwas wie Festivalstimmung auf", die man früher "schmerzlich vermisst" habe.

Keine Kompromisse

"Dem Programm nach zu schließen, waren Hinterhäuser und Leysen ein perfektes Team. Hinter den Kulissen war das offenbar nicht so". "Wir sind uns grundsätzlich nicht darüber einig geworden, was so ein Festival sein sollte oder könnte – auf allen Ebenen: künstlerisch, politisch und gesellschaftlich; lokal, national und weltweit", sagte Leysen gegenüber Kralicek. "Im Kompromissemachen bin ich ganz schlecht", räume die 64jährige Belgierin ein, die die Festwochen verlasse, "ohne einen anderen Job in Aussicht zu haben", so Kralicek. "Ich habe das noch nie in meinem Leben gemacht. Das ist etwas Prinzipielles: Kunst ist keine Diplomatie, da sollte man keine Kompromisse machen. Sonst überall, aber nicht in der Kunst." Intendant Markus Hinterhäuser hingegen sagt zu den Auffassungsunterschieden: "Selbst wenn es die gibt, glaube ich, dass man dafür eine interessantere Lösung hätte finden können, als apodiktisch zu sagen: Das ist nix für mich".

(jnm / ape)

 

Ein Videointerview mit Frie Leysen von 2012, als sie die erste Ausgabe des Festivals "Foreign Affairs" in Berlin kuratierte.

 
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