An der Ideologie irre werden

von Michael Bartsch

Dresden, 19. Juni 2014. Über Vergangenes lässt sich trefflich spotten – so es denn wirklich vergangen ist. Wer wird heute noch so naiv wie nach 1990 annehmen, mit dem vermeintlichen Ende der Geschichte sei auch das Ende omnipräsenter staatlicher Überwachung gekommen? Zur Eröffnung des Parallel Lives Festival am Donnerstag in Dresden redete nicht nur Schriftsteller Ilija Trojanow Klartext. Auch die Auftaktinszenierung "Reflex" der Gäste aus Budapest spielt zwar im spätkommunistischen Ungarn, wirkt aber überhaupt nicht wie von gestern. Wer auch nur entfernt etwas von den Nöten des ungarischen und insbesondere des Budapester aufgeklärten Theaters unter der Orbán-Regierung gehört hat, fühlte diesen Kontext beim fulminanten Auftritt der Sputnik Shipping Company stets mitschwingen.

Authentischer Fall

Einmal mehr ist eine Psychiatrische Anstalt einesteils der Ort der Repression, andererseits der entlarvenden Wahrheiten. In der Parallelwelt dieser Anstalt führen die von Selbstzensur freien Insassen mit dem Personal auch das System auf subtile Weise vor, das diese Exklave nicht ausspart. Die Professoren sind selber an der Ideologie irre geworden. Das sterile, normierende, trügerische Weiß dominiert in der Ausstattung von Júlia Balasz, das Halbrund eines Flurs mit drei Türen und einer Klappe genügt als Bühnenbild. Dazu die unvermeidlichen weißen Kittel und ein manchmal ins eiskalte Weiß grell forciertes Licht.

Autor Péter Závada greift den authentischen Fall einer Psychologin auf, die mit der Diagnose Schizophrenie unverhofft selber in der Psychiatrie landet. Sie sieht sich als Verfolgte des Sicherheitsdienstes, bietet in der Anstalt ihre fachliche Mitarbeit an und schreibt ihrerseits Berichte über ihre Therapeuten. Im Stück heißt sie Maria und bildet den introvertierten Kontrast zur wahrhaft paranoiden, hyperaktiven Szenerie eines Irrenhauses. Ihre stille Überlegenheit zieht sich wie ein Halteseil durch die knapp eineinhalb Stunden turbulenten Irrsinns.

reflex 560 ctibor bachraty uWir und sie – in der Psychatrie wie im Leben. © Ctibor Bachraty

Eigentlich aber geht es gar nicht um diese zerbrechliche Frau, sondern um ein Machtgefüge, dessen Zerbrechlichkeit wiederum zunehmend offenkundig wird. Wer den sozialistischen Alltag und die Regeln opportunistischer Verhaltensweisen noch kennt, überträgt diese Anstalt gedanklich in jeden damaligen Betrieb und jede staatliche Institution. Und wer die heute in der Arbeitswelt verlangten Opportunitäten kennt, kommt gleichfalls auf seine Kosten.
Die Angst, alles richtig machen zu müssen, läuft in der Psychiatrie des sozialistischen Ungarns auf die Anwendung der richtigen Methode hinaus. Pawlow versus Freuds Psychoanalyse und überhaupt gegen den gesamten westlich-dekadenten Einfluss. Gesetzmäßig hat der Sozialismus wie alle Übel auch jegliche Geisteskrankheiten abzuschaffen. Kollektiv geht sowieso vor Individuum, und geradezu unschuldig fordert Maria, Individualität auch im Sozialismus zu berücksichtigen.

Latente Bedrohlichkeit der Szene

Der Methodenstreit wird nicht nur durch schlichte Allzumenschlichkeiten einiger Insassen rührend konterkariert. Auch beim Leitungspersonal menschelt es trotz des Argwohns und der Missgunst, der Genosse Minister verfällt gleichfalls ins Private. Von draußen scheint sich plötzlich Erneuerung, gar Umsturz anzubahnen, und man weiß nicht recht, ob die vorsichtige Öffnung Ungarns als das westlichste Land des Ostblocks oder schon das Jahr 1989 gemeint ist. Dass auch diese Revolution wieder ihre Kinder fressen wird, deuten die Spieler gegen Ende mit einem deutschen "Und so weiter …" an.

Der 1982 geborene Regisseur Dániel D. Kovács steigert das ohnehin makaber erscheinende Anstaltsmilieu ins Absurd-Komische. Ein brillantes Spiel mit allen möglichen überhöhenden und verfremdenden Theatermitteln, typisches Element der Sputnik Shipping Company, wie man es sonst im polnischen, tschechischen oder ungarischen Theater und selbst in der deutschen freien Szene nur noch selten zu sehen bekommt. Immer wieder kippt die Szene bei krassen Lichtwechseln ins Geisterhafte, Surreale, funzeln sich Gestalten mit Taschenlampen über die Bühne, geben die Quasi-Gefängnistüren plötzlich Erscheinungen frei. Die clever eingesetzte Schalltechnik manipuliert Stimmen oder verstärkt auf beklemmende Weise die leisesten natürlichen Rumpel- oder Quietschgeräusche ins Panische.

reflex 560a ctibor bachraty uUnheimliche Schattengesellschaft © Ctibor Bachraty

Bei aller niemals vordergründigen Komik spürte man die latente Bedrohlichkeit der Szene. Was an Lachen meist im Ansatz steckenblieb, entlud sich im langen dankbaren Schlussbeifall. Allerdings blieb im Kleinen Haus des Staatsschauspiels rund ein Viertel der Plätze leer, anders als beim vor drei Wochen zu Ende gegangene Bürgerbühnenfestival. Möglicherweise entwickelt das aus dem slowakischen Nitra stammende und nun durch Europa tourende Festivalkonzept mit seiner ausschließlichen Fixierung auf die Geheimdiensterfahrungen im sozialistischen Osteuropa nicht die Anziehungskraft. Mit der Stasi ist im ehemaligen DDR-Gebiet eben recht gründlich aufgeräumt worden. Umso neugieriger darf man sein, wenn am Sonnabend eine Podiumsdiskussion mit der Frage "Stasi, Verfassungsschutz, NSA – alles eins?" die Brücke in die Gegenwart schlagen wird.
 
Reflex
von Péter Závada / Sputnik Shipping Company
Regie: Dániel D. Kovács, Choreografie: Máté Hegymegi, Dramaturgie: Péter Zádava, Ausstattung: Júlia Balazs, Musik: Gábor Kerezstes.
Mit: Miklós Béres, Gábor Fábián, Károly Hajduk, Péter Jankovics, Pál Kárpáti, Dániel Király, Lőte Koblicska, Niké Kurta, Kata Pető, Nóra Rainer Micsinyei, Zoltán Szabó.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Brisanz berge das Festivalthema mit seinem Focus auf "sechs osteuropäische Ex-Bruder-Staaten", glaubt Andreas Herrmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten (21.6.2014). Verstärkt werde diese Brisanz durch "die Neuerfindung des Theaters in Osteuropa aufgrund der Misstrauenskrise in klassisch narrative Formen und die Beschränkung auf aktenkundige Einzelschicksale" (was immer das heißen soll). Die Insznierung "Reflex" habe "Witz und Dramatik", das Personal sei "skurril", die "Schizophremie der vermeintlichen Staatsfeindin" gelte als Diagnose sowohl für die Besatzung der Psychiatrie als auch für die Gesellschaft. Nicht immer gelinge alles "spielerisch rund", insgesamt biete der Abend aber ein "eindrucksvolles Panoptikum".

 

 
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