Hochamt des Minimalismus

von Wolfgang Behrens

Berlin, 22. Juni 2014. Gerhard Stadelmaier, seines Zeichens FAZ-Redakteur mit der Zuständigkeit hohe und höchste Schauspielkunst, wird bekanntlich nicht müde, Beweise für einen Indizienprozess gegen das von ihm so getaufte Regisseurstheater zu sammeln. Kürzlich nun ist ihm eine Archivalie in die Hände gefallen (oder von restaurativen Kräften zugespielt worden?), die ihm aufs Glänzendste bestätigte, was man ohnehin schon wusste: dass auch der große Samuel Beckett – zumindest seine eigenen Texte betreffend – ein Verfechter rigider Werktreue war. Vor 40 Jahren schrieb Beckett nämlich an einen deutschen Dramaturgen, der "Endspiel" in ein Altersheim verlegen wollte: "This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. The director's job is to ensure this, not to invent improvements."

Strenge Ansagen

Eine strenge Ansage, fürwahr! Was also hätte Beckett zu Katie Mitchells neuer Inszenierung seines kurzen Stückes "Footfalls" gesagt, dessen deutschsprachige Erstaufführung der Meister selbst 1976 betreute – und zwar just am selben Ort, wo es nun wieder zu sehen ist, im Berliner Schiller Theater (das die Staatsoper derzeit als Ausweichspielstätte nutzt)? Eigentlich gibt's ja nicht viel zu meckern. Wo damals Hildegard Schmahl als May neun Schritte auf, Kehrtwende, neun Schritte ab ging, tut dies nun Julia Wieninger (die mit Mitchell in Köln bereits sehr erfolgreich zwei weitere Einsamkeitsstudien umgesetzt hat: Wunschkonzert und Reise durch die Nacht). Der herausgeleuchtete Gehstreifen im Bühnenvordergrund ist ebenso da wie das vorgeschriebene graue Kleid. Dass die Kehrtwenden bei Wieninger nicht die vorgeschriebene Drehrichtung haben – geschenkt!

FootfallsNeither1 560 StephenCummiskey u"Niemals richtig gelebt": Julia Wieninger geht die einsamen Schritte der May
© Stephen Cummiskey

Schwerer wiegt vielleicht, dass da zwei Türen hinzuerfunden sind, eine geschlossene links und eine geöffnete rechts, durch die Licht hereinfällt – da nähern wir uns dem Bereich der von Beckett geschmähten "improvements". Und die Stimme von Mays Mutter gar, die aus dem Dunkel der Hinterbühne kommen soll – sie wird per Band mit Wieningers eigener Stimme eingespielt, und eine dunkle Hinterbühne gibt's erst gar nicht, denn eine graue Wand schließt die Vorderbühne nach hinten ab.

"Neither" als Fortschreibung von "Footfalls"

Doch trotz dieser Zutaten – das hätte wohl auch der Autor zugestehen müssen – wirkt die Anordnung sehr rein, sehr Beckett'sch. Hin- und hergehend, das rätselhafte "es" immerzu hin- und herwälzend, spielt Julia Wieninger mit gewohnt ruhiger Kraft. Ihre Mutterstimme vom Band ertönt unerbittlich und modulationslos, während ihre May ein leichtes Beben ahnen lässt. Wer nicht schon vorher um die Identität der beiden Stimmen wusste, wird sie erst gegen Ende von "Footfalls" bemerken, wenn May selbst einen Dialog mit ihrer Mutter imitiert.

Der Skandal, das Sakrileg, der grandiose Verstoß gegen den Buchstaben des Textes kommt erst am Schluss von "Footfalls". Nach einem letzten vorgeschriebenen Ab- und Aufblenden heißt es bei Beckett plötzlich: "Keine Spur von May." May, die für Beckett zu den Menschen gehörte, "die niemals richtig gelebt" haben, fällt – genau wie die ihre Existenz beglaubigenden neun Tritte (Footfalls) – schockhaft ins Nicht-Sein zurück. Genau diesen Moment aber nutzt Katie Mitchell für ihr großes "improvement": Anstatt May verschwinden zu lassen, hebt sich die graue Rückwand, eine zweite May erscheint, eine weitere Wand fährt in die Höhe, eine dritte, eine vierte, bis schließlich, in akkurater Staffelung, sechs Gehstreifen mit zwölf Türen, je sechs links und rechts, die ganze Tiefe der Bühne einnehmen. Insgesamt neun Mays bevölkern nun dieses unheimliche, wie von René Magritte ersonnene Bild, und sie gehen auf und ab, gleichzeitig, aber nicht gänzlich synchron.

Von undurchdringlichem Selbst zu undurchdringlichem Unselbst

Gespielt wird nun die Oper "Neither" von Morton Feldman, komponiert auf einen nur 87 Wörter umfassenden Text von Beckett, der jedem Regisseur den unleugbaren Vorteil bietet, keine Regieanweisungen zu enthalten. Mitchell interpretiert "Neither" einfach als Verlängerung, Vergrößerung, Verallgemeinerung von "Footfalls" – was auch werkgeschichtlich sinnfällig ist: Denn Morton Feldman hat Beckett 1976 bei den Proben zu "Footfalls" in Berlin aufgesucht, und indem sich die beiden Künstler einander gegenseitig versicherten, wie schrecklich sie Oper und vertonte Texte überhaupt finden, haben sie eine Zusammenarbeit vereinbart. Symptomatischerweise beginnt der Text zu "Neither" mit einer Art Paraphrase auf "Footfalls": "hin und her in Schatten von innerem zu äußerem Schatten / von undurchdringlichem Selbst zu undurchdringlichem Unselbst durch Weder".

FootfallsNeither2 560 StephenCummiskey u"Von innerem zu äußerem Schatten" die Verlängerung von Mays Einsamkeit in "Neither"
(vorn in der Reihe: Julia Wieninger) © Stephen Cummiskey

Von Morton Feldmans aus rhythmischen Ostinati und sich unmerklich wandelnden, dissonanten Klängen und Tongruppen zusammengestellter Musik geht etwas gespenstisch Fahles aus – die Staatskapelle Berlin unter François Xavier Roth bringt diesen nicht zuletzt von der ungemein raffinierten Instrumentation ausgehenden Charakter, den Feldman selbst als "scary" bezeichnete, höchst differenziert zur Geltung. Auf der Bühne setzt sich das Gespenstische fort. Die seitlichen Türen öffnen sich wie von magischer Hand bewegt: Das hereinströmende Licht könnte ein utopisches Außen verheißen, zugleich aber könnte sich hinter ihnen einen ungenanntes Grauen verbergen – die Ästhetik des Horrorfilms ist hier nicht weit. Noch ehe allerdings die Mays durch die Türen entrinnen können, schließen sie sich wieder. Laura Aikin, hinter Julia Wieninger den zweiten Gehstreifen einnehmend, lässt dazu überaus klar ihre hohe und selbst in den Spitzentönen noch warm timbrierte Sopranstimme intonieren, mit bewundernswürdigen, gerade im Piano reichen dynamischen Abstufungen.

Es ist ein Hochamt des Minimalismus, das sich hier vollzieht. Gezeichnet wird ein elegisches Bild vollkommener Ausweglosigkeit: Das Pathos des Aufstandes ist diesen neun in unterschiedlichen Intensitäten auf- und abgehenden, zu den Türen hin- und wieder wegstrebenden Mays fern. Kaum dass eine von ihnen einmal an einer geschlossenen Tür rüttelt. Es ist schrecklich schön, was Katie Mitchell uns hier zeigt. Schrecklich und schön. Zum Glück hat zumindest sie den Aufstand gewagt: den Aufstand gegen Becketts bedingungsloses "strictly as written".


Footfalls / Neither 
"Footfalls", Stück von Samuel Beckett
"Neither", Oper von Morton Feldman nach einem Text von Samuel Beckett
Regie: Katie Mitchell, Co-Regie: Joseph W. Alford, Musikalische Leitung: François-Xavier Roth, Bühne: Vicki Mortimer, Kostüme: Vicki Mortimer, Choreographie: Signe Fabricius, Licht: Jon Clark, Dramaturgie: Jens Schroth.
Mit: Laura Aikin (Sopran), Julia Wieninger (Schauspielerin), Claudia Albrecht, Anne Ernst, Katharina Funke, Antonia Kruschel, Iveta Marinova, Janine Schneider, Silke Vente Yubi (Performer).
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.staatsoper-berlin.de


Kritikenrundschau

In Neuen Zürcher Zeitung (25.6.14) schreibt Georg-Friedrich Kühn, als Beckett das Stück selbst inszenierte, sei es ihm vor allem "auf ein choreografisches Arrangement" angekommen, "worin ihm Mitchell und die Choreografin Signe Fabricius weitgehend folgen." Insgesamt sah der Kritiker aber einen "leider flauen Abschluss einer eher flauen Saison". "Was die Regie damit meinen mag – einen Versuch weiblicher Emanzipation?" Spannung aufzubauen gelinge Katie Mitchell und ihrem Team "mit diesen allzu schematischen Mitteln" kaum. "Und die serielle Ästhetik der Nachkriegsjahre ist inzwischen doch sehr fern gerückt."

In Neues Deutschland (24.6.14) Stefan Amzoll: "Wenn dies Musiktheater überhaupt Sinn transportiert, dann aus dieser Käfigsituation heraus, worin die Individuen umherirrren und es kein Entkommen gibt." Beckett sei damit wohl genüge getan. "Allein des Dichters Hintersinn, sein Humor fehlen gänzlich. Das knappe Libretto ist vielleicht nicht fröhlich, geschweige bissig. Die hohe Kunst besteht darin, noch aus dem Ernsten dessen Gegenteil herauszuarbeiten."

Für Ulrich Amling vom Tagesspiegel (24.7.2014) liegt das Spannende dieses Abends in seiner Historie, im Zusammentreffen von Samuel Beckett und Morton Feldman. Der aktuelle "Wiederschein" dieser Zusammenarbeit im Staatsopern-Abend Katie Mitchells sei dagegen "missverstandene Theatergeschichte", ein "staubiges Trostlostableau" und wirke "radikal nur in einem": in "seiner Betriebsblindheit".

Einen "Geniestreich", ja den "einsamen Höhepunkt der Berliner Opernsaison" hat Niklaus Hablützel für die taz (27.6.2014) an diesem Abend erlebt. Denn er biete "die vollkommene Einheit von Musik und Schauspiel, und damit auch die Vision eines radikalen Musiktheaters, das alles hinter sich lässt, was wir an Konventionen und Ritualen kennen".

"Die Sinnlosigkeit wird immer quälender, je länger sie dauert", so Jan Brachmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.7.2014). Das sei Absicht. "Leben und Handeln sind nur möglich in einem Sinn-Kosmos aus Schuld und Vergebung. Wo es diesen Kosmos nicht mehr gibt, warten nur heillose Verstrickung oder Öde. Darin sind Beckett und Feldman konsequent. Mitchell folgt ihnen."

 
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