Warten auf das letzte Fuck you

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 26. Juni 2014. Im Theater sitzt man ja in der Regel weit genug weg, wenn gemeuchelt und geschändet wird. Man hat "the bigger picture" und kann sich qua Überblick vor dem unmittelbaren Ekel schützen, der einen befallen würde, müsste man das Bühnengeschehen von nahem sehen. Selbst wenn per Live-Video rangezoomt wird, gibt es doch meistens im Bühnenbild um die Leinwand herum genug, woran das Auge sich zur Ablenkung abstoßen kann.

"Reineke Fuchs" als Horrorfilm

In "Van den Vos" - nach Pascal Ramberts Ende einer Liebe die zweite von drei Eröffnungsproduktionen des zweiten "Foreign Affairs"-Festivals unter Matthias von Hartz - hat das belgische Kollektiv FC Bergman die Leinwand allerdings sowohl physisch als auch bedeutungstechnisch so groß werden lassen, dass man als zartbesaiteter Mensch manchmal tatsächlich wie bei einem Horrorfilm weggucken muss, wenn Reineke Fuchs wieder zuschlägt.

Erzählt wird die belgische Version der Fabel um den listigen "Vos", der alle anderen Tiere besiegt. Hier stellt er sich am Ende seinem Gegner, dem Wolf, und singt ein larmoyantes Lied, in dem er sich zum Prometheus stilisiert ("Ich, der dem Wind den Weg zu seinem Erdloch wies (...), ein Scheißkerl bin ich, ein Vergewaltiger des Wahren"), in dem er den Wolf außerdem dazu auffordert, ihm den Gnadenschuss zu geben. Der anzugtragende Wolf kann nicht, weil er sich das direkte Töten per Zivilisation abgewöhnt hat, also muss der Fuchs auch sich selbst noch um die Ecke bringen. Oder darf: Anders herum gesehen, bleibt der Fuchs auf diese Weise der Spielmacher. FC Bergman vermeiden eine eindeutige Lesart der Fabel und suchen stattdessen ihre abgründigen Momente auf.

vandenvos kurt van der elst 560 uSo friedlich geht es nicht immer zu auf der Live-Videowand: "Van den Vos" von
FC Bergmann.  © Kurt van der Elst

Im Bühnenbild trennt eine riesige Projektionsfläche Natur (Habitat Fuchs) – hinten, dunkel, Gestrüpp und Chaos – und Kultur (Habitat Wolf) – vorne, hell, mit Pool. Die ins Dunkle aufbrachen, müssen allesamt mit den Füßen voran wieder ins Helle getragen werden: der Bär, die Katze, die Frau des Wolfs. Wie der Fuchs sie aus dem Hinterhalt ermordet, wird in aller Deutlichkeit und Länge als Live-Film gezeigt und vom vorn auf der Bühne sitzenden Streicher-Ensemble Kaleidoskop lautmalerisch zur Oper aufgeputscht. Aber auch der feige Wolf, der immer die anderen vorschickt, kann brutal sein. Wenn der Fuchs der Mörder ist, dann ist er der Vergewaltiger, bei dem der Trieb durch Unterdrückung verstärkt wird – Frauen nähert er sich generell an, indem er ihnen grob an die Geschlechtsteile fasst.

Zweifelhafte Höhepunkte

In diesen drastischen Szenen kommt "Van den Vos" zu seinen zweifelhaften Höhepunkten; dazwischen waten, schleichen und schlurfen die Darsteller um den Pool herum, durch ihn durch und spielen Überdruss. Leben kommt nur in die Bude, wenn die großartige Viviane de Muynck auftritt, die als stets gutgelaunte "Königin" den Wolf vergeblich dazu aufruft, seine Angst vor dem bösen Fuchs zu vergessen und "die Moral zu überwinden". Für welche Kraft steht sie? Um das herauszufinden, bräuchte es eine Erzählung, in die sie einbricht. Aber es handelt sich um ein Panoptikum der Todsünden, wo die "Königin" nur die Werbepause sein kann. Der ganze große Theateraufwand, den FC Bergman veranstalten, steht im Dienst der Überwältigung des Publikums. Wenn Ermattung auch gilt, bitteschön.

winnerslosers simonhayter 560 uDebattierwettstreit: James Long und Marcus Youssef in "Winners & Losers"
© Simon Hayter

Überwältigen – und zwar einander und ausschließlich mit Worten – wollen auch die kanadischen Theatermacher Marcus Youssef und James Long, die zum Abschluss des Eröffnungsabends in der Kassenhalle des Festspielhauses "Winners & Losers" spielen. Es beginnt als Spiel: Einer nennt einen Begriff, und im Wettstreit der Argumente wird entschieden, ob zum Beispiel Tom Cruise oder Mexiko ein "Winner" oder ein "Loser" ist. (Tom Cruise: Winner, Mexiko: Loser). Allein, es fehlt der Schiedsrichter. Hätte vielleicht das Publikum diese Rolle einnehmen sollen, hätte diese Standup-Show dann zünden können? Oder ist es – ermüdendes – Konzept, dass das Spiel schnell auseinanderbricht und die Attacken der beiden aufeinander immer weiter unter die Gürtellinie wandern? Und mehr und mehr stellen sie ein Gegensatzpaar dar: Bankersohn mit schlechtem Gewissen (Marcus Youssef) gegen Säufersohn mit unverarbeiteter Wut im Bauch (James Long).

Fuchs und Wolf von FC Bergmann hätten ihnen allerdings ruhig ein paar theatrale Hilfsmittel abgeben sollen, denn bei diesen sympathischen und eloquenten Typen kommt selbst das dritte "Fuck you" noch höflich rüber. Vielleicht funktioniert "Winners & Losers" für ein Publikum, das allein das Format als schockierenden Bruch mit Theater-Gepflogenheiten empfindet. Das ist aber wohl nicht das Publikum der "Foreign Affairs" – die hoffentlich in den kommenden zweieinhalb Wochen noch etwas mehr zu bieten haben als grobschlächtiges Schocktheater und stockbraves Pro-Contra-Spiel.


Van den Vos (Deutsche Erstaufführung)
von FC Bergman
FC Bergmann: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Musik: Michael Rauter, Daniella Strasfogel, Paul Valikoski – Solistenensemble Kaleidoskop und Liesa Van der Aa, Live-Musik: Solistenensemble Kaleidoskop: Dea Szűcs, Paul Valikoski, Ildiko Ludwig, Yodfat Miron, Boram Lie, Michael Rauter, Caleb Salgado, Magnus Andersson, Text Josse De Pauw, Text des Schlussliedes Gregory Frateur, Craig Ward.
Mit: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Viviane De Muynck, Gregory Frateur, Dirk Roofthooft, Wim Verachtert, Bent Simons, June Voeten.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Winners & Losers (Deutsche Erstaufführung)
von und mit: Marcus Youssef (Neworld Theatre), James Long (Theatre Replacement)
Regie: Chris Abraham, Licht: Jonathan Ryder.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.berliner-festspiele.de



Kritikenrundschau

"Die belgische Theatertruppe holt aus der Uraltfabel vom bösen Reineke, der dem Kleinbürger Wolf das Leben zur Hölle macht und dafür am Ende eigentlich mit höchsten Würden belohnt wird, einen Gruselschocker heraus", schreibt Christine Wahl (Tagesspiegel, 28.6.2014). Eine Art Mixtur aus "Wallander", Lars von Trier und "Der Swimmingpool", an deren Ende sich der Fuchs nach einer atmosphärisch verdichteten Arie selbst richtet. "Leider entladen sich die Einstiegsphilosophien über die Moral, das Gesetz und jene Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft – oder umgekehrt, letztlich in ebenso überschaubaren Dualismen wie Bühnenbild und Plot." Über "Winners & Losers" heißt es: "Schade, dass Matthias von Hartz ausgerechnet den letzten Beitrag des Eröffnungsabends im nächtlichen Spätprogramm in der Kassenhalle versteckt hat: eine lustige Duell-Show von Theater Replacement und Neworld Theatre, in der zwei Akteure mit voller konzeptioneller Absicht und Grandezza daran scheitern, die Welt klar in 'Winners & Losers' einzuteilen!"

Ungehalten ist auch Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (28.6.2014) über den "Angeberkunstpups" der belgischen Theatergruppe FC Bergman. "Winners & Losers" kommt nicht ganz so schlecht weg. "Spätestens bei 'dein Vater' nimmt das Gespräch die Wende ins Persönliche. Und es endet vorhersehbarerweise mit gegenseitigem Herunterputzen. Das Ganze muss man sich sehr rasant, mit kanadischem Dialekt gesprochen vorstellen. Die letzten Worte fallen eine halbe Stunde nach Mitternacht: 'Fuck you!' und 'Das war's dann wohl". Fazit: "Das war es noch nicht", aber das Festival gehe ja noch bis Mitte Juli.

"Was in 'Winners & Losers' passiert, ist formal unspektakulär", so Hartmut Krug auf DLF Kultur heute (27.6.2014). Und der Zuschauer frage sich, bevor er um Mitternacht vorzeitig geht, weil er die im Programmheft behauptete politische Brisanz des Streitgesprächs nicht recht zu entdecken vermochte, "was dieses durchaus muntere kleine Sprechtheater bei einem Festival verloren hat, das doch einmal angetreten war, modernes Performance-Theater zu präsentieren". "Van den vos" sei dagegen eine formal ehrgeizige Arbeit mit einigen schönen Momenten, mehr jedoch "war das nicht". Das gelte auch für den gesamten ersten Abend von "Foreign Affairs".

 

 
Kommentar schreiben