Ja zum Größenwahn

von Martin Heckmanns

Juni 2014. Ich sollte etwas sagen zur Situation des Autors
Und habe meinen Workshop benutzt
Mit Erlaubnis der Teilnehmer
Um etwas zu erfahren über die Situation junger Autoren
im deutschsprachigen Raum
(die anders ist als in anderen Ländern Europas.)

Wir haben nicht gesprochen
Über die beiden Lieblingsthemen auf deutschen Autorenfestivals
Wir haben nicht gesprochen über
Autorenförderung und Bezahlung,
weil ich es auf einem internationalen Festival unangemessen finde
über die finanzielle Situation des deutschen Theaters zu klagen.

Wir haben auch nicht gesprochen
über das Verhältnis von Regie und Autoren
Weil es nicht zu regulieren ist
Auch wenn ich es schon unter Innovationsaspekten erstaunlich finde
Dass es in Deutschland kein Theater gibt
Das von Autoren geleitet wird.

Enttäuschend finde ich
Dass es kaum Alternativen in den Leitungsstrukturen der Theater gibt
Empörend
Dass Gleichberechtigung, Unabhängigkeit, Mitbestimmung
Auf den Bühnen in den Texten eingefordert werden
Sich aber in den Strukturen dieser Bühnen nicht abbilden.
Theater könnte ein anderer Ort des Miteinanders sein.
Es könnte ein Ort sein
An dem nicht nur auf der Bühne gesprochen wird
Gegen Hierarchien, Konkurrenzen, Beschleunigung, Angst
Sondern gelebt
Nach selbstgewählten Regeln
An dem Menschen gleich gestellt, das heißt zuerst einmal gleich bezahlt werden
Statt ungleich
An dem Menschen ihre Kraft und Zeit verschwenden
Eigenartig geforscht wird
Langsamkeit gepflegt wird oder Zärtlichkeit, ach!
(Eine Seiten-Bühne für die Wut)
In dem die Rollen wechseln, nicht nur auf der Bühne
(Autoren in die Schreinerei, die Pförtner auf die Bühne)
Und die Personen das, was sie auf der Bühne sagen, verantworten.
Dieser Raum einer anderen Gemeinschaft könnte Theater sein.
Zum Beispiel.

Show, don't tell!, lautet ein entsprechender Lehrsatz für Dramatiker.

Aber ich sollte etwas sagen über die aktuelle Situation des Autors
Hatte ein paar Thesen vorbereitet
Auch wenn mir Thesen in der Literatur fehl am Platz scheinen
Und dann habe ich in den letzten 8 Tagen
10 Gegenwartsstücke gelesen
Noch einmal 10 auf der Bühne gesehen
Und meine Thesen waren dahin.

Der Autor in diesen 20 Stücken war
Agitator, Aufklärer, Satiriker oder Märchenerzähler
Beziehungsanalytiker, Schlafwandler, Sprachmusiker
Darsteller und Regisseur
Komödienmechaniker oder Dokumentarischer Monteur
Häufig in wechselnden Positionen im selben Stück
Und mehr.
Voraussetzungen, Methoden und Wirkungen waren zu verschieden
Um ein Gemeinsames zu bestimmen.
Außer: Ein Schreiber schreibt. Immer noch und immer wieder.

Konkretion und Präzision
Sind zwei Kriterien, auf die ich Autoren beim Schreiben und Argumentieren in den Workshops zu achten bitte
Aber konkret und präzise
Könnte ich über die Situation des Autors
Nur am eigenen Beispiel schreiben
Wie ich Vormittage lang durch die Welt surfe
Ohne ein einziges Wort dieser Welt hinzuzufügen bspw.
Aber so genau wollen Sie es wahrscheinlich nicht wissen.
Allgemein zur Situation des Autors
Kann ich als Autor nicht angemessen konkret sprechen
Deshalb versuche ich es als Workshop-Leiter
Und bitte die Teilnehmer um Nachsicht
Dass ich sie für Zahlenspiele missbrauche.
Ich habe in den letzten 10 Jahren fast 100 junge Autoren betreut
Das macht es einfach mit der Prozentrechnung:
100 % finden Vergnügen am Schreiben, so oder so
über 90% mit Einschränkungen
80 % glauben an die politische Kraft des Theaters
Auch wenn diese Kraft schwer zu bestimmen ist
Wie das Private politisch ist
Über Wirkungen haben wir viel gestritten
Weniger über Furcht und Mitleid
(Mitleid scheint verdächtig)
Mehr über Brüche, Rhythmus und Verstörung
60% wollen mit ihrem Text auf einen gesellschaftlichen Missstand aufmerksam machen, eine Leerstelle oder eine falsche Bestimmung
Über 60% sehen Unheil in der Zukunft
Viele Stücke spielen nach der Katastrophe, in Steinwüsten, ohne Internet.
Selten ist die Feier des Menschen
Häufiger die Gewaltphantasie, gelegentlich ironisch
(Ironie als medialer Effekt)
80% Prozent sehen im Theater einen Ort der Aufklärung, des Widerspruchs, der neuen Formen
Zwei hassten das Theater, wie es ist.
Theater als Forschungslabor der Unterhaltungsindustrie
Literatur als Klischeevermeidungs-Suchmaschine
Meinte ein einziger Autor.
Eine Autorin schreibt Stücke nach einem selbsterfundenen mathematischen Prinzip.
Die meisten sträuben sich gegen eine Erklärung ihrer Texte.
Könnte ich ihnen sagen, was es bedeutet, dann bestünde kein Anlass, es zu tanzen, zitiert Ferdinand Schmalz Isadora Duncan
Und weit über 90% zweifeln regelmäßig an ihrer Schreib-Arbeit.
Gute Voraussetzung, um es weiter zu versuchen.

Schriftsteller wird, wer ein Problem mit dem Schreiben hat.
Autor ist, wer sein Geld mit dem Schreiben verdient.
Der Autor lebt also von seinen Problemen.
Er sollte darauf achten, dass sie ihm nicht ausgehen (noch eine Sorge mehr).

Im Workshop ging es darum
Dass jeder Schreiber in der Auseinandersetzung mit der Gruppe seine Interessen und Qualitäten deutlicher erkennt
Um diese im Anschluss schärfer und radikaler ausgestalten zu können.
Das Schreiben über das Schreiben bleibt sich hoffentlich unklar
Damit es nicht zu Ende komme.
Denn immer untersucht Schreiben im Schreiben auch, wozu es führen könnte.
Und wenn wieder einmal jemand in öffentlichen Debatten festlegt, was und wofür Literatur zu sein habe
Muss naturgemäß im eigenen Schreiben sofort das Gegenteil bewiesen werden
Und dann ist dieses Gegenteil möglicherweise wiederum: Literatur.
Was wäre Kunst, die wüsste, warum und wofür sie da ist: vermutlich keine Kunst.
Das wäre also meine erste Regel: angreifen (schmutzig oder sanft)
Aber nicht gleich alles (Und bitte nicht mich).
Krisen aufspüren in der Normierung der Wirklichkeit
In den Erfindungen der Normalität, sozialen Konstruktionen
Falschheiten erkennen, Angriffspunkte festsetzen, los!
(Auch das sieht in anderen Ländern Europas sicher anders aus.)

Keiner der Workshop-Teilnehmer fühlt sich als Genie.
Das Genie braucht keinen Workshop.
Über Hochstapelei, Anmaßung und Zweifel
Haben wir viel gesprochen.
Und zwei Zweifel (von ungefähr 76) will ich erwähnen

ZWEIFEL EINS

Autoren und andere Autoritäten
Leiden nicht nur im Theater an ihrem Bedeutungsverlust.
Strukturell ähnliche Debatten wie an Theatern lassen sich gegenwärtig
Im Fernsehen (Quote), in Kirchen (Liturgie), Parteien (Jugend) und Zeitungen (Internet) verfolgen.

Die Klagen über Orientierungsschwäche und die neueste Unübersichtlichkeit
wie auch die Feier der neuen Freiheiten
Sind so alt wie die Moderne.
Neu ist, dass eine halbe Milliarde Tweets pro Tag fragen
Wer sich Autor nennen darf?
Unentschieden
Ob das einen Demokratisierungsgewinn (alle können mitreden)
Oder eine Gefährdung der Demokratie bedeutet (Verlust der gemeinsamen, verbindlichen Orte und Themen).

Der (Leit-) Medienwechsel wird die Vorstellungen von Kritik, Öffentlichkeit und Autorschaft grundlegend ändern
Und wir spekulieren in welche Richtung.
Der Autor, der sich tatsächlich als Ur-Heber versteht, ist selten geworden
Häufiger werden Diskursbeobachter, Materialbearbeiter, Geschichtsumschreiber, Forschung am menschlichen Ausdruck.
Ewigkeitsansprüche an Gegenwartsstücke sind Herrschafts-Argumente.
Weitere dringende Frage im Workshop: Wer darf sprechen in wessen Namen?

Schriftsteller werden in diesen Kontexten mit Kontexten von Kontexten
Könnte heißen, das eigene Schreiben schärfer zu konturieren,
es dieser neuen Weltenwahrnehmung entsprechend zu positionieren
unverständlicher werden, gegen sich, fremdartiger in Sprache, Stil, Methode
Als gebrochener Reflex auf die sogenannte Wirklichkeit.
Zum Beispiel.

ZWEIFEL ZWEI

Erstmalig in diesem Jahr gab es kein einziges Stück, das die Einheit von Zeit und Raum noch wahrt, das eine Geschichte ohne Brüche aus der Perspektive der Figuren erzählt.

Die komplizierte Konstruktion
Fiktive Figuren Gestalt werden zu lassen
Damit der Zuschauer sich einfühle und reinige möglicherweise
Wird kaum noch versucht.
Empathie scheint massenmedial missbraucht
Ständig wird man aufgefordert, dabei zu sein, mitzumachen, mitzufühlen.
Mitgefühl steht im Verdacht einer Entlastungsfunktion
Und Fiktion wird Agent des Verblendungszusammenhangs und der falschen Welterklärung und Beruhigung.

Als Abspielstätte für überschaubare Geschichten
Wirkt Theater ungelenk neben Filmen (das Ungelenke als Qualität?)
Nutzt das Theater nicht seine wesentlichen Potentiale
Die Momente der Gleichzeitigkeit und Verwandlung von Künstlichkeit und Realität
Die Gegenwart der Beteiligten, Gemeinschaft der Probenden, leibhaftige Kooperation der Intelligenzen.
Der Autor steht im schlechteren Fall draußen und formuliert einen Beschwerdebrief und nennt ihn Theaterstück.

Einen Text zu schreiben, ist eine Anmaßung: Jetzt schreibe ich.
Einen Text fürs Theater zu schreiben, ist eine Anmaßung mehr, weil dieser Text echte Menschen lange Zeit beschäftigt mit der Frage, was anfangen und wie zeigen.
Statt Vorschrift und Anweisung sollte ein Theatertext Angebot oder Herausforderung sein.
Der Theatertext lässt eine neue Gemeinschaft entstehen für die Zeit der Auseinandersetzung mit ihm.
Er sollte diese Gemeinschaft herausfordern, dass sie eine andere werde im Umgang mit dem Fremden.
Die lebendigsten Theatertexte haben es geschafft
Sich von der Vorstellung zu lösen, wie ein Theaterstück auszusehen habe
Und damit den Probenden Probleme gemacht
Die sie genießen können als Energie des Entwickelns.
Statt pädagogische Anstalt der Unter-Richtung
Wird Theater Erfahrungsraum und Ort der Begegnung
Von Text und Mensch, Ding und Zeichen, Realität und Imagination.

Theaterautoren sollten sich nicht vorschreiben lassen
Dass sie etwas über die Welt zu sagen haben müssen
Die dann Gegenwart heißt und Problem-Realismus
Politisches Theater entscheidet sich nicht am Thema.
Ein Schreiber wird seiner Zeit nicht entkommen
Aber er kann sich bemühen
Sich von seinem Ekel, seiner Neugier und seiner Bewunderung antreiben zu lassen
Um Menschen auf einer Bühne erhöht zu sehen
Strebend nach noch Höherem
DOCH NICHTS / UNGEHEUERER ALS DER MENSCH
Wird Hölderlin gerne zitiert
Aber ich finde diese Ungeheuerlichkeit zu selten in meinen und anderen Stücken heute.

Social Media produzieren massenhaft echte Menschen
Die sich zeigen, wie sie sich sehen möchten
Echte Menschen müssen nicht erfunden werden, im Dokumentar-Theater treten sie leibhaftig auf.
(Natürliches Sprechen gibt es nicht, alles kultürlich kränk.)
Ich plädiere für FALSCHE MENSCHEN auf der Bühne
Menschen wie Collagen, zerrissen zwischen Texten
Menschen, die über sich hinauswachsen
In künstlicher Sprache und fremder Form
Auch Götter sollten wieder auf die Bühne, weil sie sich im echten Leben bedeckt halten.
Also: Ja zum Größenwahn, klein machen einen die Umstände.

Das Theater ist eine Religion des Menschlichen, schreibt Gerard Mortier.
Es kann auf der Bühne darum gehen, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Normalität in Frage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist.

Daniele Janjic aus Mostar hat einen Text über Flüchtlinge geschrieben.
Jetzt stehen in Kreuzberg Asylanten auf dem Dach und drohen, sich umzubringen.
"Die Wirklichkeit hat meinen Text überholt", sagt Daniela
Und der eigene Text wird ihr schwer und hilflos.
Und sie will nach Kreuzberg, um was zu tun.
Denn Texte tun vordergründig nichts
Wie sie wirken wann und warum
Ist immer noch nicht endgültig geklärt
Weil Texte nie endgültig sind
Sondern unendlich anschlussfähig.

Kornél Mundruczó aus Ungarn sagt in der Podiums-Diskussion,
dass es unklug sei von der Regierung, das Theater zu schließen
Weil die Theaterleute plötzlich viel mehr Zeit hätten, sich um Politik zu kümmern.
Auch das ist Theater: eine Resozialisierungsanstalt für die Verwirrten.

Pippo Delbono sucht in seiner Inszenierung nach einem Ausdruck seiner Niedergeschlagenheit.
Und verzweifelt am verfehlten Ausdruck
Und feiert am Ende die Vielfalt und die Bewegung des Suchens.
Das ist nicht neu, aber es hört nicht auf.

Vielleicht ist das Theater: Kirche der lebendigen Verzweiflung,
hat der Übersetzer Johan Bakker gesagt
In diesem Glauben hilft der Text, weil ich mich verlaufen kann in der Sprache.
Dafür sind wir da, Schreiber
Dass Sprechen nicht selbstverständlich wird.
Gegen den gesunden Menschenverstand, die gefährlichste Waffe des Kleinbürgers
Für Übermut und Eigensinn.

Jérôme Junod aus Wien glaubt an die Unsterblichkeit des Theaters, sagt er.
Er zitiert in diesem Glauben Max Reinhardt.
Glaubt derjenige, der den Glauben eines andern zitiert, ihn wiederzuholen?
Glaubt dieser wie jener?

"Ich mag die Welt nicht, aber sie ist die Einzige, die wir haben.", heißt es bei Pippo Delbono.
Halbnackt hält dann ein dürrer Mann mit großer Grazie lange Zeit ein Schild bei sich mit der Aufschrift: Grazie.
Als verkörpere er diese Dankbarkeit.
Und auch das ist Schreiben: der Versuch, fest- und gleichzeitig in Bewegung zu halten, was war und wird.
In Dankbarkeit, dass wir dabei sein dürfen und uns verwandeln können.
Dankeschön.

Mit besonderem Dank an Hannes Becker und Robert Niemann und die Teilnehmer des Workshops deutschsprachiger Autoren der Biennale in Wiesbaden 2014: Daniela Janjic, Dominik Busch, Ferdinand Schmalz, Jennifer de Negri, Jérôme Junod, Johannes Weishaupt, Magdalena Schrefel, Tabea Venrath, Thomas Köck, Valerie Melchiar.

(Dass meine Stücke meinen Ansprüchen nicht genügen, ist ein Grund, es weiter zu versuchen. Diese Bemerkung sei nachtkritik-Kommentatoren geschenkt: Geld gab es für dieses Impuls-Referat keines und von niemandem.)


Heckmanns 120 AndrejGlusgoldMartin Heckmanns hat Philosophie, Geschichte und Komparatistik studiert, schreibt Theaterstücke und hat junge Autoren beraten u.a. beim Schweizer Dramenprozessor, bei den Werkstatttagen am Burgtheater, an der Bundesakademie in Wolfenbüttel und an der Universität der Künste in Berlin. Ende Juli erscheint sein Kinderbuch "Konstantin im Wörterwald".
Im Rahmen der Wiesbadener Biennale Neue Stücke aus Europa hat Heckmanns gemeinsam mit Tena Štivičić das Forum junger Autoren Europa geleitet. Dieser Text ist die Vorlage für ein Impuls-Referat, das er am 28. Juni im Rahmen von "Neue Stücke aus Europa" in Wiesbaden gehalten hat, als Impuls-Referat für das Podium "Dramatiker heute – ein Fazit nach 22 Festivaljahren" mit Manfred Beilharz, Özen Yula, Agnese Rutkevica und Martin Heckmanns, Moderation: Dirk Pilz.

 

 
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