Rote Rinnsale auf steinerner Wand

von Elisabeth Maier

Avignon, 6. Juli 2014. Dunkle Wolken ziehen am Himmel über Avignon auf. Und das nicht nur, weil ein Unwetter droht. Seit Tagen wird das Festival bestreikt. Noch vor Beginn der eigentlichen Aufführung betreten die Schauspieler in blauen Militäruniformen und Gewändern wie aus Großmutters Fotoalbum die Bühne. Heute sind sie im Ehrenhof des Papstpalastes nicht allein. Mit den Bühnenarbeitern kämpfen sie gegen die Reform ihrer Arbeitslosenversicherung. "Diese Bewegung ist erst ein Anfang, wir werden weiter wachsam und unruhig sein", sagt Anne Alvaro mit dunkler Stimme. Die Schauspielerin, die später die Kurfürstin spielt, macht deutlich, dass sich Künstler und Bühnenarbeiter solidarisieren. Regisseur Giorgio Barberio Corsetti bringt es auf den Punkt: "Dass wir heute spielen, ist ein politischer und poetischer Akt."

Poesie und Politik – das sind die Pole, zwischen denen sich die brillante Inszenierung des italienischen Regisseurs und Medienkünstlers bewegt. Die Eröffnungspremiere war am Freitag wegen des Streiks abgesagt worden, am Samstag kommt es dann doch zur umjubelten Aufführung (die wir wegen Olivier Pys zeitgleich stattfindender "Orlando"-Premiere nicht besuchen konnten). Nun beginnt die zweite Vorstellung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg". Diesmal jedoch streiken nicht die Mitarbeiter, sondern die Wettergötter: Eineinhalb Stunden geht alles gut, dann aber machen Regen und Blitze das Spielen unmöglich. Xavier Gallais, der bis dahin eine ebenso tiefgründige wie psychologisch genaue Studie des Prinzen gezeigt hatte, hebt die Hand und beendet das Spiel. Nachdem schon etliche Zuschauer wegen des Platzregens den Ehrenhof verlassen haben, wird die Vorstellung nach einer Stunde und 40 Minuten abgebrochen.

Erinnerung an die Festival-Anfänge

Bis dahin erlebten 2.000 Menschen eine Inszenierung, die mehr ist als eine Hommage an den Festivalgründer Jean Vilar, der das Stück 1951 mit Gérard Philippe als Prinzen und mit Jeanne Moreau in Szene setzte. (Moreau, die damals in der Rolle der Prinzessin Nathalie für Furore sorgte, wird zum Ende des Festivals 2014 mit dem literarischen Programm "Corps de Mots" zu Gast sein). Bis heute beschäftigt die legendäre "Homburg"-Inszenierung die Szene in Avignon. Eine Ausstellung im Maison Jean Vilar neben dem Papstpalast zeigt historische Kostüme, Dokumente und Filmausschnitte der stilbildenden Regiearbeit. Ein Künstler hat Philippe in der Rolle des Prinzen gar auf eine Hauswand gepinselt.princehombourg 560 raynauddelagefestivaldavignon uDer Spielort als Bühnenbild: Im Ehrenhof des Papstpalastes
© Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Mit dieser Tradition geht der Regisseur selbstbewusst um. "Heute erzählen wir eine andere Geschichte", erklärt Giorgio Barberio Corsetti. Dabei denkt er an die Debatten, die gerade in Deutschland um die nationalistischen Inhalte des Stücks geführt wurden. Der preußische Prinz widersetzt sich dem Befehl des großen Kurfürsten. Deshalb wird er zum Tode verurteilt. 1951, auf dem Hintergrund des Nationalsozialismus, habe man das Stück anders gelesen, sagt der Italiener. Er konzentriert sich auf die Zerrissenheit der Figur. Anfangs tanzen nackte Männer mit Lorbeerkränzen um den Prinzen. Der greift hilflos nach den Insignien des Sieges, windet sich in eine erotische Traumwelt hinein. Mit starkem Körpertheater, das Xavier Gallais hoch sensibel umsetzt, bekommt das formal wie sprachlich sperrige Stück eine beklemmende Intensität. Auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod balanciert der Schauspieler virtuos.

Das Schlachtfeld innerer Kämpfe

Die Faszination des Unbewussten, die in der poetisch starken Übersetzung von Ruth Orthmann und Eloi Recoing zum Tragen kommt, spiegeln die opulenten Medienbilder Giorgio Barberio Corsettis. Ein riesiger Holzkasten, auf dem die Militärs zuvor ihre Schlachtpläne entwarfen, wird durch eine Videoprojektion Igor Renzettis zum weißen Pferd, das überlebensgroß auf die Mauern des mittelalterlichen Papstpalasts geworfen wird. Darauf reitet der Prinz ins Nichts. Klug inszeniert der Regisseur, der mit Massimo Troncanetti auch die Szenographie konzipierte, den Spielort mit. Eines der hohen Fenster des pompösen Baus wird zum Gefängnis des Prinzen. Rinnsale aus rotem Blut quellen als Projektionen über die steinerne Wand. Die Regie interpretiert Kleists ausufernde Schlachtszenen als innere Kämpfe des Helden, eine Lesart, mittels derer tief in die psychologischen Dimensionen des Stücks hineingeleuchtet wird.princehombourg 560a raynauddelagefestivaldavignon uMilitäruniformen wie aus Großmutters Fotoalbum: Xavier Gallais als Prinz von Homburg
© Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Mit großartigen Schauspielern, die trotz der starken Windstöße bis zum Abbruch mit hoch stilisierter, poetischer Sprache überzeugten, ist dem Regisseur eine Produktion geglückt, die dem Festival in Avignon neue ästhetische Perspektiven eröffnet. Den Duktus des Gründers Jean Vilar, Poesie und Politik zu verschmelzen, führt diese Regiearbeit mustergültig fort: Nicht zufällig hatte sie der neue Festivalchef Olivier Py als Eröffnungspremiere ausgewählt. Giorgio Barberio Corsettis Bilderstürme berühren auf allen sinnlichen Ebenen. Wie innovative Kunst neue Sehweisen eröffnet, zeigte der Abend so auch trotz des vorzeitig erzwungenen Endes. 

      

Le Prince de Hombourg
von Heinrich von Kleist
Ins Französiche übertragen von Ruth Orthmann und Eloi Recoing
Regie: Giorgio Barberio Corsetti, Szenographie/Bühnenraum: Giorgio Barberio Corsetti, Massimo Troncanetti, Musik: Gianfranco Tedeschi, Video: Igor Renzetti, Bilder: Lorenzo Bruno und Alessandra Solimene, Kostüme: Moira Douguet.
Mit: Anne Alvaro, Clément Bresson, Anthony Devaux, Luc-Antoine Diquéro, Xavier Gallais, Hervé Guerrisi, Eleonore Jonoquez, Maxim Marchand, Geoffrey Perrin, Julien Roy, Gonzage van Bevesseles.
Dauer (ohne Abbruch): 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.festival-avignon.com

 

Kritikenrundschau

"Zu einem überaus interessanten Zappelphilipp" mache Schauspieler Xavier Gallais seinen Prinzen von Homburg, so Joseph Hanimann in der Süddeutschen Zeitung (8.7.2014). Groß sei bei seiner Figur die Diskrepanz zwischen Ambition und persönlichem Schicksal. "Wie kleine Daseinsinseln treiben die kurfürstliche Familie und die gesamte Soldatenschaft auf Podesten und Treppen durch den weiten Raum". Mit seinen "manchmal etwas bildseligen Allegorien" dimme Corsetti die hohe Romantik "auf die Augenhöhe der Schwärmer, Angsthasen und letztlich verständigen Bürger herunter".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.7.2014) schreibt Gerhard Rohde, nicht mehr als "wichtigtuerisches Stadttheater" sei zu sehen. Der "Rückzug aufs rein Militärische im Stück" wirke "ziemlich kleinformatig, gerade weil der vorsichtige Aufruhr der an sich ziemlich den Autoritäten ergebenen Militärköppe im Stück hier als Analogie zu einer inzwischen auch schon ziemlich vergangenen Studentenrevolte begriffen wird". Im französischen Theater fänden sich auch heute noch zum Teil großartige Schauspieler, "von solchen war hier allerdings kaum etwas zu bemerken. Es wurde chargiert, was das Zeug hielt."

"Giorgio Barberio Corsetti weiß, wie man mit dem Raum spielen muss, und erfindet oft schöne Bilder", schreibt Brigitte Salino in der französischen Tageszeitung Le Monde (6.7.2014). Beispielsweise, wie der Prinz auf einem weißen Pferd auf der Fassade des Palastes reite oder der Papstpalast sich durch die Magie seiner Beleuchtung plötzlich wie eine Fantasie von Franz Kafka ausnehme. Insgesamt jedoch wird Corsetti diesem "Drama der Angst", dass Kleists letztes Stück für sie darstellt, nicht gerecht. Kleists todessüchtige Figur ist ihr bei Corsetti viel zu klein angelegt. Ihn auf marionettenhafte Seelenlosigkeit zu reduzieren, reduziert aus ihrer Sicht auch den tragischen Strom des Dramas zu einem Rinnsal. Le Petit Prince de Hombourg", spottet sie. "A preuve: jamais Xavier Gallais ne nous émeut, dans le rôle-titre. Tout au plus nous fait-il sourire, parce qu'il joue très bien la marionnette voulue par le metteur en scène. Mais cette marionnette n'est même pas un pantin de l'Histoire. Elle vogue, sans âme et sans cristalliser les enjeux du drame, réduits à une peau de chagrin. Pauvre Kleist!" Armer Kleist!

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