Bitte keine Arschlöcher

12. Juli 2014. Für die taz (12.7.2014) hat Lea Streisand die Chefin des Berliner Gorki-Theaters Shermin Langhoff interviewt, zum Abschluss ihrer ersten Saison. "Wem gehört die Stadt", sei für sie eine zentrale Frage in diesem ersten Jahr gewesen. Es gehe dabei "um Zugänge, Verteilung von Ressourcen, aber auch um Repräsentation: Werde ich repräsentiert, finde ich mich wieder? (...) Wir leben in einer Gesellschaft, die auch der Wertkonservativste als divers anerkennen muss. Und da entsteht die Frage: Wo ist der Common Ground?" In Berlin würden "Konflikte ganz anders verhandelt werden können, mit sehr viel weniger Ideologie, sehr viel weniger Vorgaben und Grenzen, die gegeben sind, als wenn ich jetzt in der Türkei das Thema der Kurden oder in Israel das Thema Palästina auf die Bühne bringen würde. Berlin ist schon eine besondere Stadt, die sicher alle Reibungen, die man sich so vorstellen kann heute, beinhaltet: Fragen von Ost/West, ökonomische Fragen, Migrationsfragen, Genderfragen."

Autodidaktin mit ausgeprägtem Halbwissen

Langhoff spricht auch über ihre Herkunft und Lebensgeschichte, darüber, wie sie bei ihren Großeltern an der türkischen Ägäis aufwuchs, wo "Intergenerationalität" selbstverständlich war – etwas, dass sie in Berlin vermisst, nicht nur in den gentrifizierten Kiezen. "Meine Großeltern waren Handwerker, meine Eltern wurden Beamte und gingen dann trotzdem in den 70ern als Gastarbeiter nach Deutschland. Ich selbst kam erst 1979 nach Nürnberg zu meiner Mutter." Studiert habe sie nichts. Als sie 17 war, ging ihre Mutter zurück in die Türkei: "Ich musste bald mein eigenes Geld verdienen." Sie machte eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, arbeitete als Verlagsredakteurin, gründete die Nürnberger Filmtage mit und ergatterte einen Ausbildungsplatz in der Film- und Fernsehproduktion der ARD. "Ich bin eine Autodidaktin mit ausgeprägtem Halbwissen. Ich hab mich immer in akademischen Kreisen bewegt. Um die Hegel- und Kant-Lektüre kam man als Marxistin und Dialektikerin nicht herum." Ins Theater verliebt habe sie sich, als sie 1994 ihren Mann Lukas Langhoff, damals Regieassistent an der Volksbühne, kennenlernte: "Da hab ich die Arbeit der ganzen großen Regisseure erleben dürfen. Castorf, Marthaler, Schlingensief. Dort habe ich Theater als Möglichkeitsraum entdeckt, als politischen Raum erlebt." Matthias Lilienthal holte sie dann ans HAU, "und dann folgte eins aus dem anderen".

Was hat das mit mir zu tun?

Angesprochen auf die Mutmaßung, dass sie ihre Schauspieler nach Herkunft auswähle, antwortet Langhoff: "Um Gottes willen. Das ist sicher nicht die Grundlage für gutes Theater. Ich handele nicht aus einer ethnischen Konzeption heraus oder beschränke mich auf bestimmte Konzepte von Theater. Mein Ausgangspunkt, auch schon im Ballhaus Naunynstraße mit weniger Ressourcen, ist Schauspieler-Theater." Das Ensemble sei ihr "das Wichtigste" und müsse ja "die Ideen, Geschichten und Konzepte tragen, spielen, vermitteln, dialogisieren und sich nehmen. Wir wollten mutige, starke Persönlichkeiten als Schauspieler, die natürlich auch das Handwerk beherrschen müssen und die darüber hinaus Lust haben, mit ihrer Biografie und ihren Körpern umzugehen." Einer der Gorki-Leitgedanken sei: "Nimm Geschichte persönlich! Nimm Politik persönlich! (...) Immer neugierig zu sein und zu fragen: Was hat das mit mir zu tun?" An der Volksbühne habe sie außerdem "gelernt, dass man Stars machen kann und nicht einkaufen muss." Eines der "wenigen Prinzipien" am Gorki sei: "Es darf keine Arschlöcher geben. Man muss kein Arschloch sein, um gute Kunst zu machen."

Langhoff hat die Theaterpädagogik am Haus gestärkt, mit einer zusätzlichen Stelle und einem eigenen Raum. Seitens der Schulen und der Lehrer stoße man "momentan auf ein enormes Interesse", gerade auch "für die Stoffe, die explizit unsere Gesellschaft verhandeln. Es ist ja ihre Realität." Dem Gorki-Profil entsprächen vor allem "Gegenwartsstücke. Wir sind ein kleines Haus und können deshalb auch zeitgenössischer sein. Aber wir lassen uns den 3.000 Jahre alten Kanon auch nicht wegnehmen."

(ape)

 
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